Gegenentwurf zum Chart-HipHop: AraabMuzik & Clams Casino
Text: Jan Wehn aus De:Bug 161


Foto: Akira Riuz

Sie markieren eine neue Beatfrickler-Generation, die einen naiven Gegenentwurf zur Hochglanzmaschinerie des Chart-HipHop liefern. Technische Perfektion fehlt genau so wie das Bewusstsein für die eigene Sample-Library. Und gerade die klangästhetischen Verbrechen, die sich irgendwo zwischen Trance, Dream House und Chillwave einnisten, verleihen der Musik ihren ganz eigenen Charme.

Bevor auch nur ein MC das erste Mal seinen Gangstertalk oder seine Conscious-Weisheiten in ein Mikrofon rappte, war da der Beat, Loops aus Funk und Soul, deren mitunter schnödes Sampling in Kombination mit dem Erfindungsreichtum der DJs und Produzenten nach und nach um tricky Gimmicks bereichert wurde. Trotzdem: richtig spannend wurde es zum ersten Mal, als die Neptunes und Timbaland auf der Bildfläche erschienen. Während Pharrell Williams gemeinsam mit Chad Hugo Synthie-Flächen und ganz eigenes Drumprogramming nutzte, um die Rapper-Garde komplett durchdrehen zu lassen, entdeckte Timbaland lange vor allen anderen einen Haufen an World Music und versetzte die sonst eher durch Soul und Funk sozialisierte HipHop-Community mit obskuren Samples zwischen Shanty und Ethno-Jazz ins Staunen. Als diese Neuerungen dann letztlich zum Standard wurden, gingen die High-Class-Produzenten den nächsten Schritt und sorgten dafür, dass HipHop endgültig in den großen Studios ankam. Breitbandproduktionen beherrschten bald die Charts, und das Vinylknistern der ersten Sample-Tracks war längst von den Effektgeräten weggewischt worden. Kurzum: Es fehlte ein bisschen an Ecken und Kanten, Charme und Eigenart der Produktionen. Klar werkelten da ein paar Frickler im Untergrund mit dem Joint in der Hand an rumpeligem BoomBap. Aber der HipHop, der nach außen hin wahrgenommen wurde, war eindeutig auf Hochglanz poliert. 2011 hat sich das wieder geändert. Dank des maßgeblichen Einflusses auf den neuen HipHop-Sound durch AraabMuzik und Clams Casino. Während der eine seinen Sequencer mit Gabber und Trance volllädt und dazu seine Finger auf den Pads der MPC in Höchstgeschwindigkeit herumwirbeln lässt, füllt der andere seine übersteuerten Produktionen mit verschwurbelten Vocal-Fetzen und dunklen Sounds, um eine Art Hypnagogic Hop zu kreieren.

Brachiale Beats und Tempelgesänge
Der 22-jährige AraabMuzik steht für zweierlei. Da wären seine Brachial-Beats, mit denen er Jungs wie die Diplomats aus Harlem bestückt. Abraham Orellana ist durch die klassische Schule gegangen und tat es seinen MPC-Heroen, von DJ Premier bis 9th Wonder, gleich. Folglich hat man es bei ihm mit recht klassischen Streetbeats zu tun, die sich bei Soul-Platten der 70er genau so bedienen wie bei indischen Tempelgesängen. Abseits davon hat er im letzten Jahr auch ein reines Instrumentalalbum veröffentlicht: “Electronic Dream” – und das klingt, nun, ein bisschen anders.
Wollte man dem Burschen mit der übergroßen New-Era-Kappe etwas Böses, könnte man sagen, dass “Electronic Dream” sich anhört, als habe man die letzte “Future Trance”-Compilation einmal durch Fruity Loops gejagt. Die klebrigen, wirklich nicht gerade mutigen Vocalsamples werden da von pluckernden Preset-Kicks malträtiert und durch HiHat-Gewitter und Snare-Salven unkenntlich gemacht. An anderen Stellen gibt es sogar richtige Four-to-the-Floor-Momente oder gänzlich unbehandelte Dream-House-Schnipselchen, die minutenlang über die Platte gniedeln. Und wenn man denkt, es geht kaum noch schlimmer, ballert da ein Gabber-Sample rein, das kurz darauf von Dutch-House-Irrsinn abgelöst wird. “Electronic Dream” von AraabMuzik hat wirklich ganz besondere Momente: Ballaton-Bombast, Großraum-Rave, Trockeneisromantik, noch mal 15 sein, der Soundtrack eines SNES-Spiels gepaart mit Plastik-Drums – all so was geht einem beim Hören zwangsläufig durch den Kopf. Macht man sich wirklich den Spaß und sucht nach den Originalquellen der Tracks, liest sich das dann auch tatsächlich wie das Who Is Who der letzten Trance-Dekaden: OceanLab, Kaskade, Jam & Spoon, Starchaser, Ronski Speed und Future Breeze.

Fleischgewordene MPC-Drumsticks
Wie schon eingangs erwähnt haben Musiker aus den USA, Rapper im Speziellen, nicht sonderlich viel Ahnung von elektronischer Musik, was am aktuellen HipHop- und R’n’B-Tagesgeschehen in den Charts zu erkennen ist. Jede Hochglanz-HipHop-Produktion hat derzeit einen Synthie-Anstrich und Anleihen zwischen Techno, Elektronika und House vorzuweisen. Während im Rest der Welt guten Gewissens behauptet werden kann, dass zwischen guter und schlechter, authentischer und unrealer elektronischer Musik unterschieden werden kann, ist das von Leuten wie AraabMuzik nicht unbedingt zu erwarten. Nichtsdestotrotz schafft er es aber, seine skurrilen Sample-Vorlieben wieder wettzumachen. Und zwar mit schier unglaublichen Fähigkeiten an der MPC.
Besonders deutlich werden diese in den schwindelerregenden Videos seiner Live-Performances. Klar gab es auch schon zuvor Typen, die gut mit der MPC umgehen konnten – man denke nur an Pete Rock oder J Dilla – aber wie AraabMuzik dort in Höchstgeschwindigkeit die Pads bearbeitet, ist wirklich beeindruckend. Mitunter klöppelt er – Araab spielt Schlagzeug seit seinem dritten Lebensjahr – mit seinen fleischgewordenen Drumsticks so fest auf den Knöpfen rum, dass er sich vor den Auftritten die Finger tapen muss.

Ganz normaler Weirdo-Wahnsinn
Der zweite große Beatconductor des letzten Jahres war Clams Casino. Während AraabMuzik die Pitchfork-People zwar auch für einen Moment wuschig machen konnte, hatte Clammy Clams dagegen auf so ziemlich jeder wichtigen Rap-Platte und jedem noch so wichtigen Mixtape des letzten Jahres ein paar Produktionen am Start. Lil B, A$AP Rocky oder Mac Miller und Schlafzimmercharmeur The Weeknd – um nur ein paar zu nennen. Man könnte es dabei belassen und sagen, dass die Beats des 23-jährigen New- Jersey-Normalos auch als schlichtes Beiwerk für aufregende Tickertales, dumpfe Drogengeschichtchen und all den anderen Weirdo-Wahnsinn, der im letzten Jahr von Jungs wie Soulja Boy oder Lil B mit schlaffer Zunge und benebeltem Geist ausformuliert wurde, funktionieren. Man kann die Instrumentals aber auch wunderbar für sich sprechen lassen. Das fand auch das Cutting-Edge-Label Tri Angle und brachte im letzten Jahr Clams Casinos “Rainforest EP” raus.
Die Samples auf den Beats von Mike Volpe kommen von Bands und Künstlern wie Björk, Adele oder Imogen Heap. Sie werden derart in der Geschwindigkeit herunter gedrosselt und so lange auseinander geschnitten, bis nur noch Atmer, Wortfetzen oder obskure Botschaften übrig bleiben. Es ist mit all diesen Samples zwischen dunklem Pop und New Age, wenn man so will, die astreine HipHop-Herangehensweise an den Hypnagogic Pop der letzten Jahre: dunkel, verzerrt, rätselhaft, vollkommen uneindeutig in Struktur, Verständnis und Rezeption. Gleichzeitig gibt es auch hell scheinende Momente, die an den seichteren Chillwave, nur eben mit etwas mehr Wumms und Kopfnickerambitionen erinnern. Geradezu erholsam ist dabei Clams Casinos Verzicht auf Geister- oder Vergangenheitsforschung.


Foto: Freehand Profit

Charmant unprofessionell
Der Beweis dafür, dass das nicht bloß die Lesart verkopfter Musikjournalisten ist, zeigt die Beliebtheit der Instrumentals, die Clams Casino in regelmäßigen Abständen ins Netz lädt. Manche sind dabei nicht einmal komplett ausproduziert, das Attribut “abgemischt” trifft so gut wie nicht zu – hin und wieder übersteuern die Kicks und die Samples sind einen Tick zu laut. Aber es ist genau diese Unprofessionalität, diese Nachsicht im Sound, der saloppe Ansatz, die Clams Casinos Beats diesen charmanten Anstrich geben. Komplizierte Hardware-Setups braucht Mike nicht, er upgradete lediglich von Fruity Loops auf Acid Pro. Spannend ist auch, dass er Musik nicht zum Broterwerb nutzt, sondern angehender Physiotherapeut ist und die Musik nie das einzige Ziel, eher ein Hobby war.
Schon hier unterscheiden sich Clams Casino und AraabMuzik eindeutig von der letzten Beatmaker-Schule um FlyLo und die gesamte Brainfeeder-Clique. Es ist alles nicht ganz so verkopft, nicht ganz so artifiziell – gleichzeitig aber auch lange nicht hochglanzpoliert wie derzeitige Chart-Produktionen. Mit dieser Einstellung blasen beide, Clams Casino und AraabMuzik, in genau jenes Horn, das Rap und R’n’B im letzten Jahr schon seinen originären Charakter wiedergegeben hat. Die Rotzigkeit, das zugedrückte Auge, das Schulterzucken vor dem Sampler – alles Dinge, die sich im Sound widerspiegeln und damit auch die letzten Genregrenzen sprengen.

http://www.araabmuzikmvp.com
http://www.soundcloud.com/clammyclams

AraabMuzik, Electronic Dream, ist auf Duke Productions erschienen.

Clams Casino, Instrumental Mixtape, ist auf Type erschienen.

Clams Casino, Rain Forest, ist auf Tri Angle erschienen.

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