Extreme. Ganz wichtig. Und Dub. Ganz extrem. Die Wurzel von allem liegt in der Verzweiflung. The Bug ist der fehlende Link zwischen den beseelten Vibes im Sound-System-Grün und den sonischen Kampfzonen in der Darkness gottverlassener Lagerhallen ...
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 72

Das Alien, der Bass und die Wahrheit

Wenn sich Aphex Twin, Adrian Sherwood, Andy Weatherall, Kid 606, Gilles Peterson und jeder WG-Besuch auf eine Platte einigen, muss das mehr als mit dem Sound der Saison zu tun haben. Der heißt mit den ersten Sonnenstrahlen des Jahres nicht erst seit gestern Dancehall Reggae. Eine Musik, die für Rucksack-Kids inzwischen um ein vielfaches anziehender als HipHop ist, und für die werte Leserschaft in diesem Theater bisher in einem Parallel-Universum aus unverständlichem Patois, Marihuananebeln und politisch unkorrekten Gottgläubigen stattfand. Über die kulturellen Unterschiede wurde allerdings vergessen, dass Dancehall spätestens seit King Jammys Slengteng-Riddim von 1984 in allererster Linie elektronisch produzierte Musik ist, die maßgeblich für Dubplate-Wahnsinn, Bass-Besessenheit, Remix-Kultur, DJ-Skills und dem unbedingten Willen ist, sich ständig neu zu erfinden.
Kevin Martin, der die eingangs erwähnten Obertrainspotter mit seinem Dancehall-Projekt The Bug in helle Aufregung versetzt hat, ist auf diesem Feld ein noch unbeschriebenes Blatt. Der Londoner Produzent hat bisher eher an den Schnittstellen von HipHop, Noise Rock und Free Jazz mit seinen Projekten Techno Animal, Godflesh und Ice gewirkt. Aber auf Dauer macht es depressiv, vor 25 zwanghaften Nerds zu spielen, die die Hände in den Taschen haben, statt den Arsch zu bewegen. Solch trostlose Szenarien gehören nun Kevins Vergangenheit an. Das Ungeziefer kreuzt seine bionischen Produktionskünste mit jenem archetypischen Vibe, von dem in England jede Dancemusic durchdrungen ist, der aber noch nie so roh, brachial und hypnotisch auf den Punkt gebracht wurde. Dessen markerschütternde Bassfrequenzen, krachige Bleep-Signale und gigantische Echokammern lassen Jah einen alten Mann sein, und ermöglichen Rephlex in England, Tigerbeat6 in den U.S.A. und Klein Records im Euroland sich mit dreckigstem “Mutanten-Dancehall für das 21. Jahrhundert” zu schmücken.
Auf “Pressure” taucht der multidimensionale Bass-Fetischist vom post-apokalyptischen Inferno des Dancefloor-Schockers “Killer” in die psychedelische Dub Poetry von “Thief Of Dreams” ab und mit wahrhaftigen Liebeshymnen wie “Superbird” wieder auf, um gleich danach ein paranoides Junglefeuer über “Politicians & Paedophiles” zu entzünden. Dass die Auswahl der Gastsänger sowohl den aus dem Dub-Techno bekannten Tikiman als auch Londons Linton-Kwesi-Johnson-Erben Roger Robinson und jamaikanische Legenden wie Cutty Ranks umfasst, zeigt die Linien auf, die The Bug quer durch Zeiten und Räume zieht. Symptomatisch für den traditionsbrechenden und doch evolutionären Bastard-Style ist besonders, dass Martin es geschafft hat, Daddy Freddy wieder zu beleben. Der einstmals “schnellste MC der Welt” war Ende der Achtziger zusammen mit Simon Harris für den “Raggamuffin HipHop” verantwortlich, der die embryonale Phase von Jungle begleitete und die großen Style-Mash-Ups der Neunziger vom Bristol-Sound bis 2Step antizipierte. The Bug ist der fehlende Link zwischen den beseelten Vibes im Sound-System-Grün und den sonischen Kampfzonen in der Darkness gottverlassener Lagerhallen.

DEBUG: Bisher hat dein Sound weniger mit Dancehall Reggae als mehr mit HipHop, Noise Rock und Free Jazz zu tun gehabt.
THE BUG: The Bug ist mein erstes Solo-Projekt. 1997 gab es zwar ein Bug-Album auf Wordsound, aber das war die Reinterpretation eines Films und eine einmalige Sache. Die Genese des Sounds war eine Maxi, die ich für Fatcat gemacht habe. Wenn du Techno Animal und Godflesh zurückverfolgst, dann findest du Tracks wie das von Lee Perry inspirierte “Soul Fire”. Es war John Zorns Idee, es als Dub zu produzieren. The Bug ist die offensichtlichste Manifestation meiner Liebe zu Dub und Dancehall, aber du kannst deren Geist und die Technik schon auf meinen frühen Sachen hört.

DEBUG: Worin liegt deine Faszination für Dub?
THE BUG: Ich liebe alleine schon das Vokabular von Dub: Echos, Reverbs, Phases, Delays… Die magische Qualität, mit der du Sounds manipulierst. Die pure Physikalität des Basses. Der Einschlag ist unwiderstehlich. Er bewegt dich jenseits vom Intellekt. Das Kribbeln, die Vibration, die du buchstäblich bis in die Knochen spürst.

DEBUG: Einige Tracks auf “Pressure” erinnern mich z.B. an die Ragga Twins. Knüpfst du bewusst daran an?
THE BUG: Definitiv. Als ich die Ragga Twins das erste Mal hörte, war das ein unglaubliches Erlebnis. Genauso wie bei Jungle und “Original Nuttah” von Shy FX und UK Apache. Der Bass und die Magie der Technologie machten es zum Alien. Seit ich den ersten Prince-Far-I-Track hörte, die ersten Soundclashes erlebte und die Pirates hörte, ist alles Reggae-Infizierte ein Teil meines Lebens in London. So kam ich auch nicht daran vorbei, von Jungle, Drum and Bass und frühem Garage beeinflusst worden zu sein.

DEBUG: Dub als ästhetischer Rahmen findet sich auch in Techno. Wie verhält sich The Bug zu Produktionen auf Rhythm&Sound?
THE BUG: Was Mark (Ernestus) und Moritz (von Oswald) mit Basic Channel gemacht haben, war fantastisch. Es war der Link zwischen elektronischem Reggae und Techno. Sie fingen die besten Elemente aus beiden Welten in einer fast schon religiösen Atmosphäre ein. Über sie habe ich zum ersten Mal Tikiman gehört und mich in seine Stimme verliebt. Diese metaphysische Kraft ist unglaublich. Ich war aber nicht daran interessiert, dasselbe zu machen.

DEBUG: Deine Version ist auf jeden Fall dreckiger.
THE BUG: Ja, schmutzig und roh. Was wir gemeinsam haben, ist eine Obsession mit Texturen und Sounds. Wenn ich ehrlich bin – und ich glaube, jeder Produzent will das -, dann bewege ich meine Musik weg, sobald mir bewusst wird, dass sie so klingt wie etwas, das es schon gibt. Ich streiche die billigen Melodien aus dem Ragga, da sie mich nerven, oder fülle die fehlende Entwicklung beim Dub-Techno mit Sounds, die mich in Aufregung versetzen. Was für mich wichtig war, ist, dass das Album die Extreme von Aggression und Sinnlichkeit hat. Von Liebe und Hass. Bass und Dichte. Extreme sind wichtig.

DEBUG: In der Reggae-Kultur musst du bestimmte Codes kennen, am besten Patois sprechen, um verstanden zu werden. Wie war – zwischen den kulturellen Gräben – die Arbeit mit den Reggae-Sängern?
THE BUG: Das Wichtigste bei den Sängern, mit denen ich gearbeitet habe, war, dass sie ehrlich sind. Ich kann Fake-Rastas nicht ab. Ich habe ein Problem mit weißen Rastas. Ich kann nichts damit anfangen, wenn Leute, die nicht aus Jamaika kommen, Patois sprechen. Ich möchte Reggae nicht als Life-Style vor mir hertragen, sondern es mit meinen eigenen Einflüsse durchdringen.

DEBUG: Wie sind die Reaktionen aus der Dancehall-Szene?
THE BUG: Ich habe keine Chance in dieser Szene. Ich versuche es auch nicht wirklich. Ein Track wie “Killer” wird im durchschnittlichen Dancehall Club nicht gerade abgehen. Es gibt immer noch große kulturelle Unterschiede. Reggae wird als schwarzes Ding wahrgenommen. Eine Menge Leute halten sich fern davon. Dazu kommt, dass die Produktionen von zeitgemäßem Dancehall sehr R´n´B-lastig sind. Wenn ich die Szene infiltrieren wollte, müsste ich wie die Neptunes oder Timbaland klingen. Für dieses Album ging es mir aber darum, meine eigene, originale Stimme zu finden.

DEBUG: Dagegen ist die Resonanz aus der elektronischen Musik umso größer.
THE BUG: Es hat mich überrascht, wie viele Leute aus dem IDM-Bereich auf The Bug abgehen, wie z.B. Aphex Twin, Kid 606, Andy Weatherall oder Coldcut. Und von Rephlex gesignt zu sein, ist ein echter Glücksfall. Sie sind ehrlich und extrem.

DEBUG: Gefällt dir der Remix von Aphex Twin?
THE BUG: Ich hab ihn noch nicht gehört. Grant von Rephlex meinte aber, dass er killer wäre. Irgendwie hat Richard es aber geschafft, auf sein Laptop zu treten und es zu zerstören. Hoffentlich schraubt er ihn wieder zusammen.

DEBUG: Mit Techno Animal, God und Ice haben sich alle etwas schwerer getan als mit The Bug.
THE BUG: Als ich mit dem Album anfing, ging ich durch eine sehr depressive Phase. Mein Partner Justin und ich hatten eine harte Zeit, finanziell und physisch. Ich dachte mir: Scheiße, etwas läuft falsch. Mit The Bug überhaupt anzufangen, war ein Verzweiflungsakt. Eine Verzweiflung, die die Extreme berührt hat.

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Elektronische Lebensaspekte.