Der Cyberpunk-Erfinder sitzt deplatziert im VIP-Bereich. Sterling: Da kommt Hubert! Burda: Geht´s gut? Sterling: Vielen Dank für die Einladung! Burda: Ihr Vortrag hat mir sehr gut gefallen! Sterling: Das ist aber nett!
Text: Chris Köver aus De:Bug 110


Image assembled by Mike Constantine from NASA-Pictures

Keine Sprache für die Zukunft
Bruce Sterlings Ding ist die Zukunft der digitalisierten Welt. Der Cyberpunk-Vater ist nie um griffige Termini und forsche Thesen verlegen. Auch nicht, wenn ihm Hubert Burda über die Schulter guckt.

Bruce Sterling sieht aus wie ein gealterter Rockstar – der auch auf Star Wars und Rollenspiele steht. In einer speckigen schwarzen Lederjacke, Gesundheitsschuhen und viel zu kurzen Hosen sitzt er auf dem weißen Designersofa. Er wirkt dort irgendwie deplatziert. Man hat Angst, er könnte es dreckig machen. Sterling schaut unter halb geschlossenen Lidern geradeaus, vorbei an einem Mann im teuren Anzug, der gerade ein Glas Mineralwasser mit gefrorenen Johannisbeeren in der Hand hält. Sterling sieht müde aus. “Das ist kein Science-Fiction-Publikum”, sagt er nüchtern. “Auf einer Veranstaltung wie der hier ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass die Anwesenden meine Artikel in Wired gelesen haben, als dass sie meine Bücher kennen.”

Vermutlich hat er Recht. Es ist eine Konferenz des deutschen Burda Verlages. Sterling hat hier am Vormittag auf einem Podium über die Zukunft des Designs gesprochen – gemeinsam mit dem BMW-Chefdesigner Tim Brown. Jetzt sitzt er im V.I.P. -Bereich und passt nicht so recht in die weiße Wohnlandschaft, zwischen all die Anzugträger und jungen Hipster.

Zehn Romane und viele Kurzgeschichten hat Sterling im Laufe der vergangenen 30 Jahre veröffentlicht. Gemeinsam mit William Gibson gilt er als Begründer der Cyberpunk-Bewegung in den Achtzigern. Er war auch Herausgeber der Geschichtensammlung “Mirrorshades“ (1986), die das Genre geprägt hat. Außerdem schreibt er Sachbücher, zum Beispiel über Hackerkultur oder Zukunftsforschung. Trotzdem sagt er von sich selbst, er sei in erster Linie Journalist, nicht Science-Fiction-Autor.

“Die Unterscheidung finde ich wichtig. Literatur fragt nach der Bedeutung von Dingen und Gefühlen. Was bedeutet das für das Leben einer bestimmten Person? Journalismus ist dagegen beschreibend. Etwas Bedeutendes ist passiert und man fragt: Wann und wo ist es passiert? Was ist passiert? Wieso? Wer war dafür verantwortlich? Journalismus ist eine unmittelbare Wiedergabe der Geschichte, die aber nur für kurze Zeit interessant ist. Ein guter Roman kann dagegen Jahrzehnte überdauern und die Kultur bereichern, weil er die Stimmung seiner Zeit einfängt, das Gefühl, das ein Ereignis verursacht.”

Während er das sagt, sitzt Sterling ganz ruhig da. Mit den tief hängenden Lidern und dem müden Blick sieht er ein wenig aus wie eine Kröte, die bewegungslos am Ufer hockt. Nur ab und zu blinzelt er hinter der eckigen Brille. Sein Gesicht und seine Stimme haben etwas Teigiges. Seine Gedanken sind dafür umso schneller, manchmal schneller, als er mit dem Reden hinterherkommt. Er macht nur ungern Pausen beim Sprechen, redet eigentlich durchgehend und springt dabei von einem Thema zum nächsten. Manchmal ist es, als würden seine eigenen Gedanken ihn von links überholen. Nicht alles, was er sagt, ergibt Sinn. Aber vieles davon ist visionär. Eine gute Voraussetzung, um Science-Fiction-Autor zu werden.

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“Literatur und Journalismus werden häufig als Gegensätze gesehen, was nicht stimmt. Viele meiner Romane handeln von Dingen, die ich als Journalist gelernt habe. Wir stehen am Beginn einer Medienrevolution, in der diese Unterscheidung immer weniger wichtig wird. Das Modell ‘Suchen und Veröffentlichen’ wird abgelöst von ‘Veröffentlichen und Suchen’. Früher gab es Zeitungen und Verlage, die viel Material zugesandt bekamen und darunter das auswählten, was Wert war veröffentlicht zu werden. Den Müll sortierten sie aus. Im Internet findet man dagegen fast nur Müll. Alles wird erst mal ausgekotzt und man muss dann herausfinden, was davon Beachtung verdient.”

Dem alten Modell nachzutrauern, sei sinnlos: “Das Spiel ist entschieden. Ich bin doch auch nicht traurig darüber, dass heute keine Stummfilme mehr produziert werden. Natürlich war Charlie Chaplin großartig und ich kann ihn mir auch heute noch ansehen, aber ich erwarte nicht, dass diese Filme heute noch gemacht werden”, sagt Sterling und fuchtelt dabei aufgeregt mit den Armen. Wenn er Dinge erklären muss, die normal denkende Menschen noch nicht begriffen haben, kommt er in Fahrt. Sein Kopf und Oberkörper macht dann schlenkernde Bewegungen, so als würde er den Schlägen eines imaginären Gegners im Ring ausweichen. Seine träge Stimme wird auf einmal lauter und höher, seine Augen funkeln und er reißt die Augenbrauen hoch.

Mr. Sterling, Sie schreiben seit 30 Jahren Science Fiction. Wie viel oder wenig von dem, was Sie sich vorgestellt haben, ist wahr geworden?

Gute Science Fiction sagt die Zukunft nicht voraus, das wäre langweilig. Sie ist ein Gedankenexperiment, sie fragt: Was, wenn die Zukunft so oder so wäre? Wenn das hier alles auf dem Kopf stünde und unten oben wäre? Viele der Romane, die ich geschrieben habe, waren vorsätzlich radikal. Sie waren nie als Vorhersagen gedacht. “Shaping Things“ (Anm.: Sterlings Sachbuch über die Zukunft des Produktdesigns) ist eine Ausnahme. Darin zeige ich zumindest, welche Möglichkeiten es in der Zukunft geben wird, Dinge zu gestalten. Aber selbst wenn alles, was ich dem Buch geschrieben habe, wahr wäre, wäre mein Vokabular immer noch falsch. Man kann die Realität einer zukünftigen Erfahrung nicht mit dem heutigen Vokabular einfangen.

Wieso nicht?

“Weil man die Begriffe nicht kennt, die Menschen in der Zukunft benutzen werden. Ohne diese kann man aber die Effekte nicht beschreiben, die eine Technologie auf die Gesellschaft haben wird. Ich erkläre das mal anders”, sagt Sterling und guckt ein wenig resigniert. Diesen Ton bekommt er häufig, wenn er merkt, dass er nicht verstanden wird. Er redet dann, als müsste er einem kleinen Kind zum wiederholten Mal erklären, wieso es nicht auf die heiße Herdplatte fassen darf: ungeduldig, aber verständnisvoll. “Vannevar Bush, ein Wissenschaftler am MIT, hat 1945 einen visionären Aufsatz über Computer geschrieben (Anm.: As we may think). Darin stellt er eine fiktive informationsverarbeitende Maschine vor, die er Memex nennt. Die Einsichten des Mannes waren unglaublich, er war seiner Zeit um 50 Jahre voraus. Trotzdem ist jedes Verb und jedes Nomen darin falsch. Er versteht die Technik, aber er fängt die Bedeutung nicht ein, die der Computer und das Internet für die zeitgenössische Gesellschaft haben. Die Gefühle, die sie auslösen! Die techno-soziale Interaktion! Die Art, wie eine Technologie Teil von dir wird, wenn du sie jeden Tag benutzt! Wie technologisches Design in das Verhalten übergeht!”

Sterling fuchtelt jetzt so wild, dass man Angst bekommt, er könnte sich verletzten. Die letzten Sätze schreit er fast, seine grau melierten, kinnlangen Haare wehen ihm ins Gesicht. Einige Anzugträger drehen sich zu ihm um, aber er bemerkt sie nicht, sondern gibt ein weiteres Beispiel.

“Ich habe den Begriff ‘Spime’ erfunden, um zu beschreiben, wie man sich physische Objekte in der Zukunft vorstellen kann. Aber wenn es eines Tages Spimes geben wird, werden sie nicht so heißen. Das Wort ist ein Platzhalter. Wenn wir irgendwann tatsächlich mit ihnen leben würden, würde das die Welt so radikal verändern, dass der Begriff Spime das gar nicht abdecken könnte. So ein Begriff ist wie ein Sprungbrett im Verhältnis zum Schwimmen. Man kann darauf stehen und mit den Armen rudern, aber man kann trotzdem nicht schwimmen, solange man noch nicht im Wasser ist.”

Das gleiche Problem, meint Sterling, habe man in gewissem Maße auch, wenn man über die Vergangenheit schreibt. Selbst bei dem, was schon geschehen ist, ist es schwer, das Lebensgefühl der Zeit in Worten festzuhalten. “Über die Vergangenheit zu schreiben ist außerdem tückischer, weil es dazu einlädt, über die Geschichte zu lügen, sie aus politischen Gründen umzuschreiben. Vergangene Gesellschaften aus politischen Gründen zu idealisieren, ist sehr gefährlich. Dasselbe für zukünftige Gesellschaften zu tun, kann auch gefährlich sein, aber auf eine andere Weise.”

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Eines von Sterlings Lieblingsthemen ist Umweltschutz. Schon 1995 hat er einen Roman über globale Erwärmung geschrieben (Heavy Weather), gleichzeitig ist er politisch aktiv. Er ist einer der Mitbegründer des “Viridrian Design Movement“, einer Online-Plattform, die ökologisch nachhaltiges technisches Design propagiert. “Ich werde häufig gefragt, ob ich ein politischer Schriftsteller sei”, sagt er. “Das hängt stark davon ab, was man als politisch versteht. Ich habe politische Bücher geschrieben, zum Beispiel ‘The Hacker Crackdown’, ein Buch über die Politik des Internets und den Konflikt zwischen verschiedenen Interessengruppen. Politik interessiert mich. Aber ich habe nicht vor, für ein politisches Amt zu kandidieren. Ich gehöre auch keiner Partei an und schreibe keine Reden für Politiker …”

Hubert Burda kommt rein.
Sterling: Da kommt Hubert.
Burda: Geht’s gut?
Sterling: Hallo Sir, vielen Dank für die Einladung.
Burda: Ihr Vortrag hat mir sehr gut gefallen.
Sterling: Das ist aber nett. Ich genieße ihre Veranstaltung. Sie ist moralisch sehr erbauend.
Burda setzt sich zu einigen Anzugträgern. Sterling redet weiter.

Ob man mit Science Fiction politisch etwas verändern könne? “Newt Gingrich (Anm.: republikanischer Kongressabgeordneter in den USA) war Science-Fiction-Autor und gleichzeitig politisch sehr einflussreich. Er war Sprecher des Repräsentantenhauses. Unglücklicherweise ist er völlig wahnsinnig!” Beim letzten Satz hebt Sterling die Stimme, als würde er nach Hilfe rufen. Dann sagt er, wieder ruhiger: “Er hätte nicht mal in die Nähe von Macht gelangen dürfen. Er ist ein neokonservativer Visionär, kein Politiker.”

Als die Cyberpunk-Romane Anfang der Achtziger entstanden, schien das Internet “die Zukunft” zu sein.

Cyberpunk hat Anfang der Achtziger eine Welt beschrieben, die Ende der Neunziger real existierte. Das Moskau des Jahres 1997 entspricht ziemlich genau der Welt aus Willian Gibsons Roman “Neuromancer“. Gangster, Mafia-Plutokraten, Straßen-Samurai, toughe Ex-Prostituierte. Banker werden erschossen, niemand geht nach Anbruch der Dunkelheit auf die Straße, alle sind high. Wenn man Russen fragt, ob sie William Gibson gelesen haben, sagen sie: Das ist doch öde. Das kennen wir eh.

Und wo wird die nächste große zukünftige Entwicklung stattfinden?

Der Begriff Internet ist noch jung. In den Neunzigern prägte Al Gore den Begriff “Information Superhighway“. Heute sind die meisten Dinge, die er sich damals darunter vorgestellt hat, eingetreten: Breitbandanschlüsse, vernetzte Schulen. Aber wir nennen es nicht Information Superhighway, sondern Internet. Genauso wird es wieder sein. Die revolutionäre Entwicklung der Zukunft wird das “Internet of Things“ sein. Aber es so zu nennen ist, als würde man das Auto als Pferdewagen ohne Pferd bezeichnen. Wenn wir ein Internet of Things hätten, dann würde es nicht so heißen.

Wie wird das Internet of Things aussehen?

Es gibt eine Linie, entlang der sich Computertechnologie entwickelt. Erst gab es raumfüllende Rechner, dann Desktop-Computer, dann Laptops, dann Palmtops und Smartphones. Die nächste logische Entwicklungsstufe sind winzige, im Raum verteilte Chips. Das Einzige, was diesen Schritt noch aufhält, ist die Energieversorgung. Daten kabellos zu übertragen, ist mittlerweile kein Problem. Aber man kann die Chips noch nicht mit Energie versorgen, alles wartet auf eine vergleichbar kleine Energiequelle. Sobald die erfunden ist, werden Computer zu Staub, sie werden überallhin explodieren.

Wenn Sterling das sagt, glaubt man es. Allerdings wird Staub dann sicher nicht mehr Staub heißen.

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Elektronische Lebensaspekte.