BoingBoing-Macher, DRM-Basher und Genre-Querschläger
Text: Richard Poynder aus De:Bug 110


Image assembled by David Harland from NASA-Pictures

Cory Doctorow, gebürtiger Kanadier, gilt als einer der offensivsten Kritiker von DRM und anderen Überwachungstechnologien und ist als Co-Editor von BoingBoing wohl einer der weltweit bekanntesten Blogger. Als Aktivist war er lange Zeit für die Electronic Frontier Foundation unterwegs, u.a. als deren Vertreten für Europa.

Seine Veröffentlichungen als Science-Fiction-Autor (u.a. “Down And Out In The Magic Kingdom”, “Eastern Standard Time” und “Someone Comes To Town, Someone Leaves Town” sowie zahllose Kurzgeschichten) gehören nicht nur unter den Freunden neuer Technologien zu den unterhaltsamsten Querschlägern des Genres, sondern sind auch Vorreiter in Sachen Online-Publishing, denn jedes seiner Bücher wird unter einer Creative- Commons-Lizenz umsonst im Netz veröffentlicht und die Einladung, sie in verschiedensten Formaten weiter zu vertreiben, wird dankend angenommen.

Damit ist Cory vermutlich der erste Autor weltweit, der von sich behaupten kann, dass es seine Bücher für nahezu jedes Telefon, jede tragbare Gamekonsole, obsolete und neue PDAs sowie diverse Ebooks gibt. Selbst auf Kameras kann man Doctorow-Bücher lesen. Zuletzt hat er einen Lehrauftrag für DRM an der University of Southern California angenommen und arbeitet an einem Sachbuch über DRM unter dem Titel: “Set Top Cop, Hollywoods Secret War on Americas Living Rooms”. Im Januar erschien seine neueste Kurzgeschichten-Sammlung unter dem Titel “Overclocked. Stories of the Future Present”.

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Welche spezifischen Felder beschäftigen dich als Aktivist?

Cory Doctorow: Vor allem Copyright, Trademarks, Patente und alle betroffenen Rechte. Ich kenne mich auch ein wenig aus in der Vergabe von Frequenzen, aber beschäftige mich mehr und mehr speziell mit DRM. Es gibt da einen Haufen von Problemen, vor allem, dass jemand, der von einer Regierung ein limitiertes Monopol darauf bekommen hat, zu entscheiden, wer seine Werke kopieren darf, das zu einem unlimitierten Monopol ausweiten kann.

Wenn du Regierungsmonopol sagst, vermute ich, du meinst das Copyright. Erlaubt DRM den Rechteinhabern größere Kontrolle als das bislang übliche Copyright?

Cory Doctorow: Ja, und gleichzeitig verhindert es Innovationen in der Benutzung von Inhalten.

In welcher Form?

Cory Doctorow: Historisch hat sich das Urheberrecht immer neuen Technologien angepasst. Es war ein wenig wie alten Wein in eine neue Flasche zu gießen. Der Plattenspieler zum Beispiel löste die Notenblätter als Hauptzugang zur Musik für die meisten Menschen ab. Das Urheberrechtsgesetz reagierte darauf: “Ok, das ist schön, lass uns das Gesetz ändern, um das möglich zu machen.” Später nahmen die Leute dann die Schallplatten und machten Radio daraus. Das Urheberrecht reagierte wieder: “Auch nicht schlecht, lass uns das Gesetz ändern.” Und so war es auch mit Filmen, als die Leute die alten Filme nahmen und sie in die neue Flasche Videorecorder füllten. Mit DRM aber ist es, selbst wenn man eine neue Flasche findet, in die man was füllen könnte, per se illegal, das zu tun, denn der Digital Millennium Copyright Act hat selbst das Herausfinden neuer Wege, um alten Wein in neue Flaschen zu füllen, illegalisiert. DRM ist wirklich problematisch. Wir brauchen Regeln für DRM-Umgehung, denn DRM ist Müllwissenschaft.

Warum?

Cory Doctorow: Weil es auf der Aussage beruht, dass ich dir ein Gerät geben kann und in diesem Gerät ein Schlüssel ist, ich dich aber daran hindern werde, den Schlüssel aus dem Gerät zu ziehen. Aber jeglicher Versuch, die Leute davon abzuhalten, sich diesen Schlüssel zu besorgen, ist fehlgeschlagen. Alles, was jemals mit DRM verschlüsselt wurde, gibt es zum Download im Internet. Wenn etwas so versagt, dann ist das Müll-Wissenschaft. Aber das dahinter stehende Ziel, und das erfüllt DRM ganz gut, ist es ja nicht, Firmen vor illegalen Kopien zu schützen, sondern sie vor Konkurrenz zu bewahren.

Dabei hat das Versagen von Hollywood gegenüber den Videorecordern z.B. sie nicht nur dazu gezwungen, sich der Konkurrenz zu stellen, sondern sie waren gezwungen, das, was sie verkaufen, neu zu erfinden. Ohne diesen Zwang gäbe es heute weder Videotheken noch DVDs. Wenn man heutzutage mit einer Technologie aufkreuzen würde, die so radikal ist wie die des Videorecorders, oder mit einer Technologie, die einen Werbeunterbrechungen automatisch überspringen lässt, wie ReplayTV zum Beispiel. Oder eine Technologie, die einem erlauben würde, iTunes auf ein anderes Gerät zu packen, oder eine Technologie, die einem ermöglicht, gekaufte Filme auf ein mobiles Abspielgerät zu packen, dann sind all diese Technologien heutzutage per se illegal, weil die Inhalte mit DRM versehen sind. Das ist eine wirklich gefährliche Entwicklung. Der Fallout von DRM ist die Kriminalisierung von Mathematik, von Erfindungsgeist und der Sprache. Und es hält Innovationen am Markt gleichzeitig auch noch zurück. Zusätzlich nimmt das den Konsumenten auch noch das eigene Investment in seine eigenen Medien.

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Ein Beispiel?

Cory Doctorow: Lass uns sagen, dass du vor zehn Jahren für 1000 Dollar CDs gekauft hast. Da dort kein DRM drauf ist, kann man damit frei umgehen. Deine Investition vor einem Jahrzehnt hat immer noch die Dividende in Form all der Dinge, die man mit einer CD tun kann. Man kann Karaoke damit machen, Klingeltöne, Mashups, sie in MP3s umwandeln, auf den iPod spielen oder auf eine MP3-CD, auf die zehnmal mehr drauf passt. Hat man für die gleichen 1000 Dollar DVDs gekauft, dann kann man sie jetzt nur noch ansehen, weil sie DRM verschlüsselt sind. All der Wert, den sie über den Zeitraum durch neue Technologien und Verwertungszwecke hätten anhäufen können, ist verloren gegangen. Ein weiteres Problem mit der Art, wie DRM neuerdings verwendet wird, ist, dass es heutzutage unmöglich ist herauszufinden, ob das DRM einen in der Zukunft beschränken wird, weil die Bedingungen nachträglich geändert werden können. Hat man z.B. iTunes-Musik mit Version 4.0 gekauft, dann konnte man diese Musik von einem Computer zu jedem anderen Computer in der Welt streamen. Ein Monat später war das Feature verloren und man konnte nur noch von einem Rechner zum jedem beliebigen innerhalb des gleichen Netzwerks streamen. Wieder ein Jahr später verschwand auch dieses Feature und nun konnte man nur noch innerhalb des eigenen Netzwerks zu maximal 5 verschiedenen Personen innerhalb von 24 Stunden streamen. Und die Konsumenten können dieser Erosion von Features nichts entgegnen, da das System normalerweise darauf insistiert, dass man die Software upgradet, bevor man neue Songs kaufen kann.

Wenn du einen Comcast PVR von deinem Kabelbetreiber gekauft hast, weil du Six Feet Under aufnehmen wolltest, und nach einem Jahr, in dem du die Sendung aufgenommen hast, dann plötzlich feststellen musst, dass pünktlich zum Start der DVD jeder Comcast PVR jede Kopie, die jemals damit aufgenommen wurde, einfach gelöscht hat …

Dann ist das Produkt, das du gekauft hast, nicht das, das man bekommen hat?

Cory Doctorow: Exakt. Nichts auf der Kiste hat einem beim Kauf verraten, was passieren würde. Nicht mal der Verkäufer hätte einem das damals sagen können. Mit anderen Worten: Die Art des Rechtsausdrucks, der mit solchen Geräten verbunden ist, erlaubt Comcast jeder Zeit die Art und Weise, in der du Filme ansiehst oder aufnimmst, ohne deine Einwilligung zu verändern und es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, was das alles beinhaltet und in wiefern es deine Freiheiten einschränkt.

Das ist also eine Frage von Verbraucherschutz?

Cory Doctorow: Sicher. Das ist so, als wenn sie dir ein Auto verkaufen und dann jede Nacht Ninjas zu deinem Haus schicken, damit sie Features aus dem Auto rausnehmen. Morgens stellt man dann fest, dass da weniger Getränkehalter drin sind als am Tag davor. Es ist eine unfaire kommerzielle Praxis. Du als Eigentümer einer Technologie solltest entscheiden können, ob du ein Update willst, dass bestimmte Funktionen einschränkt.

Die Piraten des letzten Jahres – die immer die Kaufmänner dieses Jahres sind – behaupten nun auf einmal, dass sie die letzten legitimen Piraten sind. Die Leute in Hollywood stammen übrigens direkt von Piraten ab. Das haben schon einige andere bewiesen. Filmemachen wurde in New Jersey erfunden. Aber die Studios bildeten sich in Hollywood und das nur, um nicht erwischt zu werden für die Piraterie an den Patenten von Thomas Edison. Während man früher aber die Piraten weitestgehend ignoriert hat, hört man ihnen heute aufmerksam zu.

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Warum eigentlich? Haben die Politiker sich einfach zu weit unter den Lobbyismus geduckt?

Cory Doctorow: Das ist auf jeden Fall eins der Elemente. Und die Erfindung der WIPO (World Intellectual Property Organization) markiert da auch einen gewaltigen Schritt. Die WIPO war eigentlich eine kommerzielle Veranstaltung. Ein Konsortium von Interessen der Rechteinhaber. Aber sie realisierten, dass sie mehr erreichen könnten, wenn sie Teil der UN wären. Und so gingen sie zur UN und gaben ihr Ehrenwort, sich wie eine UN-Agentur zu verhalten. Und die ist ja auch immer Humanitärem verpflichtet und so damit beauftragt, dass Entwicklung vorangetrieben wird. Und so argumentierten sie dann, dass intellektuelles Eigentum enorm wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung ist und sie Regeln dafür entwerfen, die Kreativität und Entwicklung fördern. Was sie nicht taten. Sie können zwar Verträge schreiben, aber nicht im Interesse der Öffentlichkeit.

Aber die, die sie schreiben, haben einen enormen Einfluss auf die Urheberrechtsgesetzgebung.

Cory Doctorow: Genau. Ein Beispiel dafür ist, wie wir den DMCA in Amerika bekommen haben. Wir hatten 1995 eine Reihe von Anhörungen über das Internet, die sich National Information Infrastructure Hearings nannten. Die wurden von Al Gore geleitet, weshalb er später behauptete, er habe das Internet erfunden, womit er meinte, er habe es privatisiert und demilitarisiert. Ein Typ namens Bruce Lehman – der damals für das US-Patentamt arbeitete – brachte einen Vorschlag mit in diese Gespräche, dass nur Technologien Anspruch auf Finanzierung hätten, die eine staatliche Überwachung erlauben, und obendrein sollte jedes Datenpaket überwacht werden und die Möglichkeit bestehen, es in seinem Lauf zu stoppen, wenn man feststellt, dass es irgendwelche Gesetzesverstöße beinhalten könnte. Der Kongress hat Lehman in die Wüste geschickt. Der ging dann zur WIPO und schaffte es, Elemente seines Vorschlags dort in den so genannten Internet Treaties unterzubringen.

Und als Mitgliedsstaat waren die USA angehalten, die WIPO-Vorschläge umzusetzen, und erfanden den DMCA?

Cory Doctorow: So war es. Ein klassisches Beispiel für ideologische Geldwäsche in der Politik.

Neben deiner Beschäftigung als Science-Fiction-Autor bist du auch noch Co-Editor des Blogs BoingBoing und ein Journalist. Als du von Creative Commons interviewt wurdest, beschrieben sie dich als Blogger, Kulturkritiker, Romanautor und EFF-Nerd. Das ist ein beeindruckendes Portfolio.

Cory Doctorow: Wahr, aber ich habe eigentlich immer das Gleiche gemacht.

Das heißt?

Cory Doctorow: … die sozialen und kulturellen Verästelungen von Technologie untersucht. Manchmal in einer eher praktischen Weise, manchmal rein theoretisch. Das ist die Essenz des Journalismus, den ich betreibe, und die Essenz der Science Fiction, die ich schreibe. Es war auch die Essenz meiner Unternehmertätigkeit und der meines Aktivistentums.

Also gibt es vermutlich eine große Portion politischer Absicht in deiner Science Fiction?

Cory Doctorow: Es gibt auf jeden Fall politische Absicht. Aber ich denke, dass das im gleichen Teil des Gehirns untergebracht ist wie die Fähigkeit, meinen Arm in die Höhe zu halten. Es gibt aber auch einiges an explizit politischem Inhalt. Die Geschichten, die ich zum Beispiel gerade schreibe, die den gleichen Titel haben wie einige berühmte Science-Fiction-Bücher, haben eine direkte politische Absicht.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Cory Doctorow: Sicher. Zum Beispiel Ray Bradbury, den ich als einen der großen Prosa- Stilisten des 20. Jahrhunderts bewundere, hat viel von meinem Respekt verloren, als seine Attacke gegen Michael Moores Fahrenheit 9/11 rauskam.

Der Titel von Michael Moores Film ist eine Referenz an Bradburys Roman Fahrenheit 451, richtig?

Cory Doctorow: Genau. Und Bradbury war nahezu terrorisiert davon und ging los und bezeichnete Michael Moore als furchtbare Person, weil er ihm den Titel gestohlen habe. Das hat mich wirklich schockiert. Fahrenheit 451 ist der Kanon-Text über die freie Äußerung. Mehr noch – würde ich sagen – als 1984. Und jemand wie den Giganten der freien Meinungsäußerung etwas so Schweine-Ignorantes sagen zu hören, war einfach schrecklich.

Also machte ich mich dran zu beweisen, dass die freie Meinungsäußerung darauf beruht, dass wir fähig sind, auf dem aufzubauen, was andere getan haben, und das ohne deren Erlaubnis. Die erste Geschichte, die ich geschrieben habe, heißt “Anders Game” und bezieht sich auf Orson Scott Cards “Enders Game”. Die nächste wird “I Robot” heißen und ich arbeite an einer weiteren, die “True Names” heißt, zusammen mit Ben Rosenbaum. “True Names” ist übrigens eine Virnor-Vinge-Geschichte.

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Also war deine Antwort, eine Serie von Geschichten zu schreiben, die die Titel anderer Bücher umarbeitet, um zu zeigen, dass wir uns immer gegenseitig ständig Dinge ausleihen?

Cory Doctorow: Genau, das ist der Meta-Punkt. Ich hab auch ein Buch in Planung, dass sich “The Man Who Sold The Moon” nennt, das wiederum ein sehr berühmter Roman von Heinlein ist. Jede der Geschichten beschäftigt sich mit und dekonstruiert soziale Praktiken, die der Autor der Original-Geschichten – in meiner Hinsicht – in einer Art Taschenspielertick verwandt hat, um etwas, das in der realen Welt hassenswert oder sozial unpraktikabel ist, als etwas mögliches oder gar wünschenswertes hat erscheinen lassen. Der Fall von “I, Robot” z.B. Der Punkt in der Welt von Asimov, in der nur ein Roboter erlaubt ist und nur eine Firma Roboter herstellen darf und auch noch ein Monopol für tausende Jahre darauf hat, ist von einer Sicht eines Befürworters von Technologie schrecklich.

Und das passt gut zu deinen Befürchtungen über DRM und ein drohendes Mittelalter der Innovation.

Cory Doctorow: Stell dir vor, es gäbe nur drei Gesetze für Computer. Inklusive dem Gesetz, das sagt, dass Computer nichts kopieren dürfen, es sei denn, die kopierten Sachen haben einen “Kein Copyright”-Vermerk. Oder ein Extrabit, das den Computern sagt, dass sie deine persönlichen Informationen immer an den Polizist weitergeben müssen, der einen Durchsuchungsbefehl vorweisen kann. Was wäre das für eine Welt? Es wäre jedenfalls furchtbar, in ihr zu leben. Totalitär.

Wenn ich also eine Geschichte schreibe, die I Robot mit 1984 vermischt, ist mein Anliegen, dass die Ideen von Asimov sozial unakzeptabel sind und das Asimov eben durch den Taschenspielertrick etwas sozial Verwerfliches gut aussehen lassen hat.

Und du akzeptierst nicht nur, dass andere deine Ideen weiterverarbeiten, sondern lädst die Leute durch die Veröffentlichung deiner Bücher unter einer Creative-Commons-Lizenz dazu ein, elektronische Versionen deiner Bücher umsonst runterzuladen und auch nichtkommerziell weiterzuvertreiben oder Remixe anzufertigen. Warum?

Cory Doctorow: Das hat mehrere Gründe. Zunächst mal ist es tatsächlich so, dass ich dadurch mehr Verkäufe meiner gedruckten Bücher generiere. Klar, eBooks zu verschenken wird den einen oder anderen Verkauf verhindern. Aber es ist viel häufiger, dass sich jemand das Buch herunterlädt, etwas oder alles davon liest und sich dann die gedruckte Version kauft. Von “Down and Out in the Magic Kingdom” habe ich mehr als eine halbe Millionen digitaler Kopien verteilt. Und das Ding hat nun in Print schon die fünfte Auflage erreicht. Ich habe also keine Angst, dass das Verschenken von Büchern meinen Verkäufen schadet. Aber ich mache es auch, weil ich weiß, dass gedruckte Bücher irgendwann verschwinden werden. Wir lesen immer mehr Wörter auf Bildschirmen, immer weniger von Papier. Das Problem ist, dass wir noch nicht wissen, was das bedeutet und wie es funktionieren wird.

Es könnte zum einen bedeuten, dass Autoren entdecken werden, dass sie damit kein Geld mehr verdienen können.

Cory Doctorow: Vielleicht, aber ich bin ja auch Unternehmer. Und ich lebe und sterbe mit dem Wissen um den Markt. Ich will also, dass Leute meine Bücher runterladen und verrücktes Zeug damit anstellen und mir dann mailen und mir so ihr Wissen vermitteln, was der Markt für elektronische Texte eigentlich ist. Vielleicht kann ich so der erste Schreiber werden, der herausfindet, was das nächste Business-Model für Autoren ist.

Sie könnten dir aber auch sagen, dass sehr wenige bereit sind, für elektronische Bücher zu zahlen, und niemand mehr welche gedruckt will.

Cory Doctorow: Vielleicht. Oder es könnte eine Zeit kommen zwischen dem Sonnenuntergang von gedrucktem Text und dem Auftauchen robuster Modelle befreiter Distribution elektronischer Textformen, in der die Schicksale der Romanautoren denen von Dichtern und Theaterschreibern oder anderen tintebefleckten Schreiberlingen folgen, deren Industrien unter ihnen weggebrochen sind. Und wenn das passiert, wird das Schreibereinkommen sich von eher nebensächlichen Quellen speisen. Als Redner für Kolumnen oder Auftragsartikel. Je mehr Leute meine Sachen gelesen haben und Spaß damit hatten, desto mehr solcher Gigs werde ich bekommen, denn versteh mich nicht falsch, ich stecke da drin, weil ich meine Badewanne mit Geld füllen will und mir darin die Hände waschen möchte und lachen, lachen und lachen. Nicht weil ich ein patchouliduftender Hippie-Info-Wirrkopf bin, der die Information befreien will.

Eine weitere Möglichkeit, dein Profil zu verbessern, ist natürlich auch bloggen. Wie ist die Geschichte hinter deiner Beteiligung an BoingBoing?

Cory Doctorow: Mark Frauenfelder hat BoingBoing 1988 als Print-Magazin gegründet und 2000 als Blog gerelauncht. Ich kam dazu während des Theaters um Dean Kamens Erfindung des Segway.

Was war daran für BoingBoing so bedeutsam?

Cory Doctorow: Niemand wusste zu der Zeit, was Segway sein soll, und jeder wunderte sich. Da Mark ja nicht nur ein Journalist, sondern auch ein ausgebildeter Ingenieur ist, ging er zum Patentamt, zog sich den Screen von der Zeichnung und postete ihn auf BoingBoing. Und die Geschichte lief noch am gleichen Abend auf CNN und seine Leserschaft sprang über Nacht von 200 auf 7000.

Und so brauchte er mehr Mitarbeiter.

Cory Doctorow: Mark realisierte sofort, dass nicht wenige der neuen Leser am nächsten Tag wiederkommen würden, aber er war kurz davor, einen zweiwöchigen Trip nach Hawaii zu unternehmen. Also rief er mich an und fragte, ob ich nicht während seiner Abwesenheit übernehmen könne. Er kannte mich, weil er für den Industrie-Standard ein Profil von mir geschrieben hatte und wir schon, während er noch Editor bei Wired Online war, mit mir korrespondiert hatte. Als Mark wiederkam und gesehen hat, was ich gemacht habe, fragte er mich, ob ich bleiben wolle, und der Rest ist Geschichte.

Ich bin neugierig, was deine politische Einstellung betrifft. David Pescovitz, einer deiner Co-Herausgeber bei BoingBoing, beschreibt dich als “extrem links, mit Tendenz Kommunist”. Stimmt das? Er vergleicht dich auch noch mit Abbie Hoffman. Was mich überrascht, denn die Norm bei Kindern von Eltern der Linken ist eher zu rebellieren und z.B. sich den Republikanern anzuschließen.

Cory Doctorow: Ich fühle mich von Daves Kategorisierung geschmeichelt, aber in der Wirklichkeit würde ich sagen, dass ich mich zur Rechts-Links-Achse eher diametral verhalte. Ich bin Agnostiker. Glaube an persönliche Freiheit und soziale Demokratie. Aber ich bin weder libertär noch Kommunist. Ich glaube an den Markt, aber ich glaube auch an die Zivilgesellschaft. Und daran, dass die Zivilgesellschaft erfolgreich Marktfehler korrigieren kann und dafür sorgen kann, dass jede Person die gleichen Möglichkeiten hat. Ich denke, das ist weder rechts noch links. Eher sozialdemokratisch. Mit dem Unterschied, dass es eine de-zentralisierte Form der Sozialdemokratie ist. (Ich bin übrigens ein großer Bewunderer von Abbie Hoffman.)

Das hier in Auszügen veröffentlichte Interview von Richard Poynder findet sich komplett in Englisch auf The Basement Interviews und gehört zu einer Serie von Interviews mit dem Namen The Basement Interviews. Das Interview, ebenso wie die hier veröffentlichte Übersetzung stehen unter einer Creative Commons Lizenz.
http://boingboing.org

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Elektronische Lebensaspekte.