Dietmar Dath über das Mittelstreckenerzählen
Text: Dietmar Dath aus De:Bug 110


Image assembled by Erik van Meijgaarden from NASA-Pictures

Sci-Fi steht geradezu sprichwörtlich für aberwitzig dicke Schinken. Dabei ist es das kurze Mittelstreckenformat, in dem sich das Genre ursprünglich entwickelt hat – und in dem auch 2006 die besten Geschichten erscheinen. Ein Plädoyer dafür, dass sich die Sci-Fi wieder auf sich selbst besinnt.

Formate & der Stand des Materials in der Science Fiction
Was soll ich tun; ich brauch das Zeug für den Stoffwechsel, sonst bin ich kopftot. Auch 2006 habe ich also, neben allem sonstigen Kraut-und-Rüben-Kram zwischen Populärphysik, Avril-Lavigne-Biographien, langen Artikeln über noch längere Aufenthalte irgendwelcher Österreicherinnen in Kellerknästen und viel philosophischer Esoterik wieder mehrere tausend Seiten Science Fiction gelesen, zur Not statt Schlaf. Mehrere tausend Seiten: Romane, Kurzgeschichten, Internet-Vignetten, Besprechungen – die Mindestdosis. Trotzdem brachte ich es nicht über mich, die beiden beeindruckendsten literarischen Texte aus diesem Genre, die mir im jetzt abgehakten Jahr begegnet sind, vorschriftsmäßig in den zwei Belletristik-Bestenlisten einzutragen, an deren Zusammenstellung ich mich zum Jahresende beteiligen durfte (nämlich in der FAZ und bei “Literaturen“).

Wieso nicht?
Zu schämen, genrehalber, gab’s nix, ich hätte durchaus ohne Furcht vor Sanktionen “Flavors of My Genius“ von Robert Reed und “Riding the Crocodile“ von Greg Egan in die Leseplaylists packen können – wenn ich nicht plötzlich diese schweren Zahnschmerzen wegen des Formatproblems gekriegt hätte.

Format Science Fiction
Was waren das eigentlich für Textsorten? Romane nicht (Reed bescheidet sich mit rund 90 Seiten, Egan braucht noch weniger), Kurzgeschichten ebensowenig – im Plattenjargon unserer Urgroßeltern müsste man sagen: keine Alben, keine Singles, ein geradezu anstößig zwischenstufiger Maxi-Murks. Reeds in raffiniert auf Harmlosigkeit gestutzten Worten erzähltes Novelettchen malt eine Welt der unbestimmten Zukunft, in der mittels SETI-Antennen eingefangene Signale identischen Inhalts aus den verschiedensten Regionen des Weltalls der Menschheit Mittel an die Hand gegeben haben, ihre Intelligenz zu steigern (schön wär’s). Die Welt in den Hirnen wird schließlich datenreicher als das, was uns die zurückgebliebenen Sinnesorgane vermitteln; die Erzählerfigur erlebt beim Versuch, mit dieser Selbstüberholung klarzukommen, Überraschungen und Erleuchtungen. Das Ganze hat einen doppelten Boden, der sich als drei-, womöglich vierfacher (kommt ganz auf die Zählweise und die Lesart des Endes an) entpuppt.

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Egans “Riding the Crocodile“ ist auf den ersten Blick einfacher gestrickt: In einer unsere gesamte Heimatgalaxis umfassenden Meta-Zivilisation namens “Amalgam“, die durch eine offensichtlich künstliche Barriere daran gehindert wird, den Sternhaufen im Zentrum dieser Galaxie zu erforschen, finden zwei entfernte Nachkommen des Menschengeschlechts einen Weg, die Signalstreuung bei der Kommunikation der in diesem Zentrum vermuteten überlegenen Spezies der so genannten “Aloof“ auszunutzen, um diese Kommunikation zu belauschen. Die Codepäckchen sind so gründlich und abweisend verschlüsselt, dass sich damit nichts weiter anfangen lässt als ein bisschen Blinder-Passagier-Schabernack mit aufgepfropften Amalgam-Programmen; am Ende kommt mehr Stoff für die Spekulation über Beschaffenheit und Absichten der Aloof heraus, als zu Beginn der Geschichte vorausgesetzt ist; geknackt wird das Rätsel nicht.

Zwei glänzende, fettlos funktionale und mit dichten poetischen Bildeinfällen geschmückte Beispiele dafür, was Science Fiction sein soll: schlüssige Ideendichtung.

Bei Reed geht’s mehr darum, einen Grundgedanken mehrfach um sich selbst zu drehen, bis man ihn nicht mehr wiedererkennt; bei Egan wird der analoge Einfall eher sauber auseinander gefaltet und auf nicht gleich ganz offensichtliche Implikationen abgeklopft.
Beides ist legitim, und für beides ist die klassische Romanform mit ihrer psychologischen, soziologischen, historischen und intertextuellen Opulenz manchmal einfach ein bisschen zu geräumig. Warum die ganze Armee der ästhetischen Mittel in Stellung bringen, wenn es ein Streifenwagen mit zwei motivierten Ermittlern auch tut?
Sowohl Egan wie Reed haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Romane schreiben können; nicht genug zu loben sind sie deshalb gerade dafür, dass sie die vom Markt wenig unterstützten Mittelstreckenformate pflegen – Formate, ohne die es die Gattung gar nicht gäbe: Der Weg zum Roman war für die SF einer, der von Kurzgeschichten in den einschlägigen Magazinen ungefähr um den Jahrzehntwechsel von den Vierzigern zu den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts über das Zusammenfügen und Ineinanderschrauben just solcher Neunzig-Seiten-Experimente bis zu fetten Wälzern führte.

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“Fixup novel“ nannte der alte Hase A.E. Van Vogt jene Bastelei, die zunächst einmal den Zweck verfolgte, den Autoren begreiflich zu machen, dass ihre Kunstgattung überhaupt für die Juxtaposition mehrerer Einfälle und die Abschattierung von Zwischenstufen taugt. Einige der unbestrittenen Klassiker des Genres, etwa Asimovs “Foundation“-Zyklus, Hamiltons “Captain Future“ und Wichtiges von Van Vogt, Simak und Heinlein, kamen so zur Welt.

Und in unserer Gegenwart?
Das Magazinsterben dauert an, das Publizieren im Internet rechnet sich nicht, die thematisch oder anderweitig Texte bündelnde Anthologie (von der, siehe Harlan Ellisons “Dangeorus Visions“ oder Bruce Sterlings “Mirrorshades“, in der Vergangenheit so wertvolle Unterströmungen der SF wie die New Wave oder der Cyberpunk ihren Ausgang nahmen), ist selten geworden – Egan hat “Riding the Crocodile“ immerhin zunächst in so einem Sammelband untergebracht, bevor er die Geschichte jetzt auf seiner Website kostenlos ins Netz stellte, wo sie als Teaser für seinen nächsten Roman fungiert, der 2008 erscheinen soll und in den sie NICHT integriert werden wird; Reed ist “Flavours of my Genius“ beim Winzverlag PS losgeworden (www.pspublishing.com), einem Outlet, auf das und dessen Verwandte wie Subterranean Press oder Tachyon Publications sich auch Leute wie Lucius Shepard oder Charles Stross (der in dieser Debug gewürdigt wird) für ihre freihändigen Sachen zunehmend verlassen.

Die Großen schlafen, die Kleinen sollen’s richten … es ist wie immer, und wenn jetzt jemand “Indie“ sagt, fange ich an zu schreien.

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Elektronische Lebensaspekte.