Kurzportraits der neuen Helden
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 110


Science Fiction ist unübersichtlich wie sonst kaum ein literarisches Genre. Und obwohl es nicht nur die ganz Großen in die deutsche Heyne-Übersetzung schaffen … viele Perlen bleiben uns diesseits des Atlantiks einfach verborgen. Kurzportraits der neuen Helden aus den USA und aus UK.

Jon Courtenay Grimwood
Während Grimwoods erste Romane eine Art Renaissance von Cyberpunk waren, hat er sich mit seiner Arabesk-Serie als Meister sublimer Parallel-Geschichts-Romane etabliert, die – neben ihren komplex konstruierten Handlungen und inneren Monologen mit schwer definierbaren Zweitintelligenzen – oft davon leben, dass mit nur wenigen Handgriffen eine scheinbar bekannte Welt ausgehebelt wird und so, obwohl typische technische Gadgets selten auftauchen, die Grimwood-Universen um so eigenwilliger wirken. Sein letzter Roman “End Of The World Blues” ist ein halluzinogener Thriller zwischen Cosplay, einer Ode an seine Katze und Yakuzaroman.
http://www.j-cg.co.uk

Richard Morgan
Nach zwei Klassikern für alle, die harte Detektiv-SciFi-Themen lieben, in denen digitale Uploads das Noir-Genre um skurrile Twists bereichern, hat sich Richard Morgan mit seinem letzten Roman “Market Forces” auf ein Thema verlegt, das die Szene des Investmentkapitals in eine Welt katapultiert, in der nicht nur Waffendeals und Risikokapitalverteilungen über Autorennen ausgetragen werden. Eine Art “Stock-Exchange Mad Max Update”, das allen Kritikern des globalen Kapitalismus genauso gefallen dürfte wie frustrierten Börsenmaklern. Sein im Mai erscheinender vierter Roman “Black Man” erforscht die Selbstzweifel einer in einer friedlichen Welt überflüssig gewordenen genetisch modifizierten Alphamännchen-Züchtung.
http://www.richardkmorgan.com

Geoff Ryman
Einer der Mitbegründer der Mundane-SF-Bewegung, die das Ende allen interstellaren Verkehrs, der Außerirdischen und anderer geliebter Themen fordern (och …) und dabei dennoch überraschenderweise nicht etwa konservative Near-Future-Scifi schreibt, sondern – zuletzt mit Air – medienkritisch komplexe Romane mit einem Hang zu den vergessenen Teilen der Erde. Klar aber auch: Diese Art SciFi-Dogma-Variante ist unter Kollegen nicht unbedingt kritiklos verlaufen.
http://mundane-sf.blogspot.com

Ken MacLeod
Als gebürtiger Zoologe gehört Ken MacLeod überraschenderweise zu den Trotzkisten unter den schottischen SciFi-Autoren. Seine revolutionäre Space Opera zeichnet sich aber vor allem durch einen sympathischen Humor aus, der dazu führt, dass kiffende Dinosaurier keinesfalls merkwürdigere Helden abgeben als die Astronauten der kommunistischen EU. MacLeod gehört zu den wenigen neueren Autoren, die immer wieder gerne First-Contact-Romane schreiben.
http://kenmacleod.blogspot.com

Neal Asher
Neal Asher dürfte zu den darkesten Autoren derzeitiger britischer Science Fiction gehören. Technisch extrem versiert und definitiv mit einem Aggressionsproblem unterwegs, neigen seine Romane zu weitschweifigen Gewaltorgien in übel unwirtlichen Gegenden, die Cyberpunk- und SpaceOpera-Themen in eine nicht zu unterschätzende Nähe von Horrorromanen rücken. Wer meint, Albträume dürfen nicht PC sein, für den könnte Neal Asher genau der Richtige sein.
http://theskinner.blogspot.com

Ian McDonald
Lange Zeit aufgrund seines Romandebuts “Desolation Road” Anfang der 90er als eine Art Steampunk-Autor verkannt, hat sich Ian McDonald in den letzten Jahren immer mehr zu einem Exoten verwandelt, dessen Romane vergessene Länder ins Zentrum rücken. Indien mit “River Of Gods”, Brasilien in seinem neusten Roman “Brazyl”. Immer in der Größe des Landes angemessener epischer Bandbreite. Seinen eigenwilligen Stil beschreibt er mit so denkwürdigen Sätzen wie: Eine computergenerierte Seifenoper, in der alle Charaktere von künstlichen Intelligenzen gespielt werden.
http://ianmcdonald.livejournal.com

Jeff Noon
Nach Vurt und Pollen war Jeff Noon einer der Lieblings-Science-Fiction-Autoren all derer, die sonst nie Science Fiction lesen. Obwohl nicht unwesentlich für das Genre insgesamt, ist vermutlich seine Alice-im-Wunderland-Obsession, gepaart mit eher magischen Zusammenhängen von Musik und eminent britisch schrägem Humor, dafür verantwortlich, dass seine Folgeromane “Automated Alice”, “Nymphomation”, “Needle In The Groove” und “Falling Out Of Cars” auf offene Ohren in der Debug-Redaktion trafen und die Stille seit 2002 beunruhigt. Zurzeit arbeitet Jeff Noon aber nach wie vor an einer Karriere als Screenplayautor und verfolgt nebenher seine Liebe für neue Methoden der Schreibpraxis auf Mappalujo.
http://www.jeffnoon.com
http://www.mappalujo.com

David Marusek
Bislang hat er zwar erst einen Roman, “Counting Heads”, veröffentlicht (eine Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel “Getting To Know You” folgt im April), aber schon jetzt gilt der ehemalige Grafik-Designer als einer der viel verprechendsten neuen amerikanischen Autoren. Ob sein überbordendes Faible für skurrile Neologismen und menschliche Tragik in der nahen Zukunft auch seinen Ende des Jahres erscheinenden zweiten Roman “Mind Over Oship” zu einem Fest machen wird, erscheint auf jeden Fall wahrscheinlich.
http://countingheads.blogspot.com

Max Berry
Vermutlich der Liebling aller Globalisierungsgegner und Großkonzerngeschädigten ist Max Berry, ehemaliger Verkäufer von Hewlett-Packard-Computersystemen, wohl eher am Rande SciFi-Autor. Sein Near-future-Roman “Jennifer Government” – für den er extra ein Onlinespiel entwickelt hat – und sein letzter Roman “Company” können aber durchaus als Schritt in Richtung Snowcrash gelesen werden und teilen mit manchen SciFi-Autoren die Begeisterung für Absurditäten im globalen Business als Motivation für neue Helden. Die Übersetzungen (und Cover) seiner Romane ins Deutsche stoßen bei Berry glücklicherweise auf ein ebenso heftiges Kopfschütteln und Unverständnis wie bei uns.
http://maxbarry.com

John Meaney
Während man Meaney (schon wieder einer mit Informatiker-Vergangenheit) nach “To Hold Infinity” als einen der typischen Vertreter neuen Cyberpunks einordnen konnte, bewegte er sich mit seiner Nulapeiron-Sequence-Serie ab 2000 immer mehr in eine Tradition sozialkritischer SciFi mit eigenwilligem Fantasy-Unterton. Sein nächster Roman “Bone Song” verfolgt die höchst komplexen und eigenwilligen Welten weiter in eine fast barocke Welt technologischer Todessehnsüchte.
http://www.johnmeaney.com

Greg Egan
Wissenschaftlich böse ausgefuchst (schließlich ist Egan Mathematiker), wurden seine Romane gegen Ende der 90er immer komplexer (was die Physiker unter seinen Lesern erfreute) und die Personen immer abstrakter bzw. digitaler. Darunter aber dennoch nicht leidend, versteht es Egan immer wieder, das ganz große Drama heraufzubeschwören, gegen das unsere Vorstellungen vom Kulturclash wie Sandkastenspiele anmuten.
http://gregegan.customer.netspace.net.au

Chris Moriarty
Ihr zweiter Roman, “Spin State”, den sie selbst als “Posthumanen Spionage-Thriller über Quantenmechanik” beschreibt, hat Chris Moriarty zu einer der herausragendsten neuen Scifi-Autorinnen gemacht. Auf ihrer Webseite gibt es obendrein einen guten Überblick und eine spezielle Kategorisierung dessen, was sie Chickpunk nennt.
http://www.sff.net/people/moriarty

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Elektronische Lebensaspekte.