Die Forschung zu Biotechnologie und Lifescience ist außer Kontrolle, die Diskussion dazu dreht sich jedoch immer in den gleichen Schleifen. Warum dieser eingeschränkte Diskurs die entscheidenden Kritikansätze verhindert, erklären Barbara Kirchner und Dietmar Dath in ihrem Manifest für mehr Marxismus und Wissenschaftlichkeit von Konkret bis Bild.
Text: Barbara Kirchner, Dietmar Dath aus De:Bug 44

|
Bioprotest, Biohoffnung, Biogeschwätz
Freiheit für den Diskurs zur Biotechnologie!

Die Themen Biologie, Biotechnologie, Life Science usw. sind im Augenblick ziemlich virulent. Wir haben beide darauf schon ein gerüttelt Maß an Arbeitstunden verwendet, ich (B) als Naturwissenschaftlerin und Wissenschaftsjournalistin, ich (D) als Kultur- bzw. politischer Journalist. Die dazugehörige Forschung ist, wie das Kevin Kelly, einer der Mitbegründer der Zeitschrift “WIRED” und einer der Hauptpropagandisten der “New Economy”, im Titel eines Buches zum Thema genannt hat: “Out of Control”. Damit ist nicht gemeint, dass es im globalisierten Superwesten keinen Stalin gibt, der sich einen Hof- und Lieblingsbiologen aussucht – in Stalins Fall war das ja bekanntlich der Lamarckist, Darwinfeind und Scharlatan Lysenko – nein, “Out of Control” bedeutet bei Kelly einfach, dass man nicht weiß, welche Wunder einem der Bio-Boom als nächstes beschert. Witzigerweise aber ist die öffentliche DISKUSSION über diese Themen nun gerade keineswegs “außer Kontrolle”, sondern kehrt vielmehr immer wieder zu denselben seltsamen Schleifen, Argumentationsfiguren etc. zurück: Ist Clonen unmoralisch, bedeutet die Reproduktionstechnologie Enteignung und Entmündigung von Frauen, was ist mit den Tierversuchen und so weiter und so fort. Es scheint fast, als gäbe es weniger für die wissenschaftlichen Tatbestände selbst, als vielmehr für deren mediale, nun, nennen wir es: “Politisierung” weniger ein ungeregeltes Feld, in dem alles drunter und drüber geht, als vielmehr eine merkwürdige semantische Starre, einen Strauß restringierter Codes, die verhindern, dass beispielsweise über “Utopie und Biologie” überhaupt so breit geredet wird, wie’s möglich wäre.

Utopie und Biologie

Das ginge ja potenziell los bei der relativen Unsterblichkeit, d.h. wenigstens der indefiniten Verlängerung des menschlichen Lebens. Dafür steht im Moment besonders die Arbeit an Mitteln gegen die Zellalterung, d.h. die Erforschung der Telomere. Dies sind von einem Enzym namens Telomerase gesteuerte, “angeklebte” redundante Abschnitte bzw. Endstücke der DNA, die das Zusammenkleben dieser großen aperiodischen Makromoleküle verhindern sollen und damit die Zellvervielfältigung regulieren. Im Alter wird die Telomerase weniger, die Reproduktionsrate nimmt ab, es werden keine neuen Zellen mehr produziert. Könnte man – und daran wird im Moment geforscht – das Vorkommen von Telomerase willkürlich steuern, so würde man durch deren Verknappung Krebszellen absterben lassen und umgekehrt durch deren Proliferation die Zellalterung bekämpfen. Wie gesagt, das ist nur eine der Grenzen, die im Moment eingerissen werden. Der britische SF-Autor Brian Stableford nennt das in seinen Romanen und Kurzgeschichten “Emortality”, eben: relative Unsterblichkeit (s. “Inherit The Earth”, “The Fountain of Youth” u.a.).
Dann gibt es die auch viel zuwenig politisch, d.h. anders als unter ganz engen Begriffsvorgaben wie Vergiftung und Krankheit diskutierte Welt-Ernährungsfrage, Stichwort: Gen-Maniok für alle. Da redet niemand darüber, ob so etwas überhaupt wünschenswert wäre, selbst wenn es keine Gesundheitsgefährdung brächte. Warum nicht? Und schließlich gibt es den ganzen Bereich pharmazeutischer Anwendungen, hier kam ja auch der erste Biotech-Goldrausch zustande, als in den Achtzigern der Cytokin-Boom losbrach. Nachdem Donald Metcalf in den Siebzigern die ersten Cytokine entdeckt hatte, das sind bestimmte Proteine, die das Wachstum, die Entwicklung und Funktion von Immun- und Blutzellen regulieren, löste das seinerzeit zig Firmengründungen aus. Und all die Behauptungen, man könne Parkinson, Alzheimer und AIDS auf gentechnischem Weg therapieren oder besiegen, basieren eigentlich – neben der Herstellung von Insulin mittels rekombinanter DNA-Technologie – heute noch auf den damals erzielten Erfolgen. Wird aber alles nur in Fachkreisen und von SF-AutorInnen diskutiert, dabei wäre es keineswegs schwieriger zu erklären, als die Tatbestände der BSE-Übertragung. Gerade auch die aber werden wiederum höchstens mal im SPIEGEL per Schaubild erläutert, ansonsten aber republikweit auf einem ganz merkwürdig begriffslosen Panik-Level erörtert, der offenbar keinen Platz dafür hat, zunächst einmal darzulegen, was ein Prion ist. Stattdessen druckt die BILD-Zeitung spaltenweise unkommentiert Leserbriefe, in denen irgendwelche armen dummen Schweine von Landwirten argwöhnisch verkünden dürfen, sie “glaubten” die “ganze Tiermehlsache” nicht, es läge ja wohl eher “an den vielen Medikamenten, die die Tiere kriegen”, und niemand schlägt dem Verfasser oder doch sich selbst mit der Hand vor die Stirn angesichts eines solchen haarsträubenden Vielleicht-ist-die-Erde-heimlich-doch-eine-Scheibe-Drecks: Medikamente, warum nicht Erdstrahlen? Das ist aber kein Bauernproblem: Wo bitte schön hat man in Anti-Gentech-Schriften je davon gelesen, wie der Kapitalismus gerade in der Genwirtschaft sein eigenes Globalisierungsgetröte lügen straft, Stichwort internationales Patentrecht, und wie die USA sich für einige dabei eingeschlagene europäische Sonderwege mit FDA-Kontrollen für Pharma-Produkte revanchiert, die de facto Schutzzöllen und Autarkie-Maßnahmen gleichkommen – wo wäre dazu mal eine, sagen wir, marxistische Analyse zu lesen gewesen?

Gesellschaftskritik als Technologiekritik

Wie gesagt, diese ganzen von uns gewünschten, an den Sachen selber orientierten Debatten finden kaum statt. Oberflächlicher Grund dafür ist wohl, dass die Form der Diskussion beim Thema “Gesellschaftskritik als Technologiekritik” immer noch von den Restausläufern der nebulösesten 80er-Jahre-Öko-Ideologemen reguliert wird, wo sich als Technokratin oder Fiesling verdächtig macht, wer die Tatbestände kennt, selbst wenn an ihrer oder seiner antikapitalistischen oder sonstwie integren Haltung zunächst kein Zweifel besteht. Aber Schuld an der Enge der Debatte haben nicht allein die GRÜNEN. Dahinter steckt ein allgemeineres Phänomen, nämlich das des sogenannten “Bescheidwissens” auf allen Ebenen, also gerade auch da, wo die Wissenschaft und die Technik selber nicht zu finden sind, wohl aber ihre Kritik. Das heißt, dass es nicht nur Atomphysiker gibt, sondern dass die Anti-Atom-Bewegung ihre eigenen Gegenexperten schafft, Protestexperten eben. Und deren Bescheidwissen reguliert, worüber im kritischen Milieu geredet wird, absurderweise nicht weniger als das der Establishment-Experten die Rede im administrativen Milieu.

Wir wollen mit all dem keineswegs bejammern, dass die “positiven Seiten”, die etwa Biotech haben mag, unterschlagen würden, darum geht es nämlich gar nicht. Sondern: es findet keine Diskussion darüber statt, was wünschenswert wäre, weil gar nicht mehr vorstellbar ist/ausgeschlossen wurde, dass das Zeug mal jemand anderem GEHÖREN, von jemand anderem bestimmt werden könnte, als denen, die jetzt buchstäblich DAS SAGEN (mehr noch als das Machen) haben. Die Diskussion läuft entlang der einmal vorgegebenen Linien, in KONKRET nicht anders als in BILD. Wenn das oberste Interesse einer Intervention in derartige Debatten NICHT ist, das Gerinnen genau solcher Sprechweisen zu verhindern, gegenzusteuern, wo’s überhaupt nur möglich ist, dann braucht, finden wir, wirklich niemand die sich solcherart auf ihrer sicher abgesteckten Ausgegrenztheit ausruhende “Kritik”, die entsprechende “Linke” und deren “Opposition”.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.