Basic Channel sind eine absolute Autoritätsgröße in Techno, seit einem Jahrzehnt. In Vergessenheit gerieten die neun EPs von Mark Ernestus und Moritz von Oswald nie. Scion frischen sie jetzt neu mit der "Live"-Software von Ableton auf. Tradition, Respekt und lebendiges Fortschreiben in Perfektion.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 62

Wir erinnern uns
Scion

Basic Channel waren immer für eine Verwirrung gut. 12″s. Von wem? Keine Ahnung. Hast du schon die neue gehört? Ach, da gibt’s eine? Kommen die aus Detroit? Nee, kann ich mir nicht vorstellen. Verwirrung eben. Keine Infos, keine Bilder, keine Adressen. Die Musik war alles, was zählte, und setzte an, die damals immer noch spröde Technowelt zu verändern. Fortan galten Basic Channel als die ersten Lichtgestalten der immer noch neuen und sich in großen Schritten entwickelnden Musik. Es wurde viel getuschelt und immer, wenn einer dieser verrauschten Sounds aus den Lautsprechern kam, gingen erst diverse Augenbrauen hoch und dann wurde konzentriert zugehört. Das ist mittlerweile alles Jahre her, alle neun Basic Channel 12″s haben in der Abteilung “zeitlose Klassiker, regelmäßig abstauben und mindestens einmal pro Woche spielen” eine feste Stelle im Regal. Das Projekt gilt mehr oder minder als beendet und auch die großen Fragezeichen sind kleiner geworden, will sagen: Moritz von Oswald und Mark Ernestus haben sich enttarnt, mit ihren anderen Projekten “Maurizio”, “Burial Mix” und “Rhythm & Sound” ihre musikalische Vision bis zum heutigen Tag weiterverfolgt und außerdem mit dem Label “Chain Reaction” eine Plattform für Musiker geschaffen, mit denen man sich die Ideenschnittmenge teilt.

Wir erinnern uns, Teil 2

Dieses Mal digital, sprich auf CD. Nach Abschluss der 12″-Reihe erschien eine CD-Compilation von Basic Channel, vollgepackt mit sachten Versionen der Vinyle, die die Deepness der Originale fast schon von der ambienten Seite neu aufrollte und einen Blick in die Untiefen dieser bis heute unerreichten Mischung aus Soundforschung, der Konzentration auf einen kleinen Klang und seine perfektionierte Durchdeklinierung vor den heimischen Lautsprechern erlaubte. Was fehlte, und da waren sich irgendwie alle schon immer einig, war die andere Compilation. Die der Originale. Und nun switchen wir in die Gegenwart.

Von vorn

“Die Idee, die alten Basic Channel-Tracks auf CD zu packen, stammt eigentlich von Dimitri vom Tresor”, erzählt DJ Pete aka Peter Kuschnereit und eine Hälfte von Scion. Zusammen mit René Löwe (der anderen Hälfte von Scion und außerdem Vainqueur) hat er sich die letzten Monate hinter dem Rechner vergraben und die Basic Channel-Tracks in eine neue Form gebracht. Pete und René gehören zum Berliner Techno-Urgestein, arbeiten seit Jahren im Hardwax, haben gemeinsam (eben als Scion) und allein (Vainqueur und Substance) auf Chain Reaction veröffentlicht und sind seit geraumer Zeit sozusagen die Backing Band von Tikiman. “Außerdem wollte der Tresor gerne eine Mix-CD von mir haben. Als dann Abletons “Live” auf den Markt kam, konnte man alles perfekt verbinden, auch wenn es jetzt für Menschen, die da nicht so drinstecken, vielleicht ein bisschen kompliziert geworden ist. Es ist Mix und Compilation in einem, gemacht von uns, die ja mit der Entstehung der Originale nichts zu tun hatten. Na, egal!”
“Arrange And Process Basic Channel Tracks” erzählt eine der vielen Basic Channel Geschichten, gräbt tief in der Geschichte, arrangiert, dicht und straight. Bemüht sich gar nicht erst, die gängigen Erwartungen an eine Compilation zu erfüllen, beschränkt sich auf eine Handvoll Tracks aus dem BC-Backcatalogue, die dafür entsprechend Raum und Platz bekommen, und fügt sogar ein paar Sprengsel Tikiman und Quadrant hinzu, ein Indiz dafür, dass der gesamte Pool an Tracks von Ernestus und von Oswald nicht wirklich mehr auf verschiedene Labels aufgesplittet werden muss. Es ist und bleibt ein Familiending. Nicht nur, dass Scion fest zur Homebase dazugehören, auch die Tatsache, dass LIVE, die Software, mit der dieser Mix entstanden ist, maßgeblich von Gerhard Behles und Robert Henke konzeptioniert und entwickelt wurde, passt ins Bild. Beide veröffentlichten früher als Monolake ebenfalls auf Chain Reaction.

Neu gemacht

Die Entscheidung, die Tracks im Rechner neu zu arrangieren und nicht auf dem “traditionellen” Wege mit zwei oder drei Plattenspielern zu bearbeiten, gibt dem Projekt einen sehr modernen Anstrich. Dabei waren ganz praktische Gründe dafür ausschlaggebend. René Löwe: “Die Software war da und vielversprechend. Wir mussten natürlich vorsichtig sein und nicht in einer kompletten Loop-Verliebtheit enden. Das Programm verführt ja dazu. Es ging eher darum, die Art und Weise, wie wir die Tracks schon früher aufgelegt haben, in eine Form zu bringen. Das Material ist ja sehr unterschiedlich, es gibt viele ruhige Passagen, der Sound ist teilweise sehr unterschiedlich. Um das alles zu kompensieren, war LIVE das ideale Tool.” Und DJ Pete fügt hinzu: “So etwas ‘klassisch’ zu machen, also mit zwei oder drei Plattenspielern und vielleicht von einem CD-Player oder einem Effektgerät …das wäre ein Riesenaufwand. Nicht, dass wir den scheuen würden, aber der ganze Fluss müsste minutiös geplant sein. Und ob es dann hinterher gut klingt … hmmm. Am Rechner hat man viel mehr Freiheiten, kann Dinge ausprobieren, editieren, Kurven bauen. Es gibt kein lästiges Phasen oder so. Am Ende haben wir fast alles in LIVE gebaut. Also nicht großartig gejammt oder so, sondern schon sehr überlegt strukturiert. Der große Vorteil war natürlich, dass wir auf die Originalsounds zugreifen konnten und so im Rechner alles perfekt vorbereiten konnten. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass sich das Material für eine klassiche Compilation gar nicht wirklich anbietet. Andere Compilations, wie die von Maurizio oder auch Burial Mix, kann man sehr schön zuhause durchhören. Die Basic Channel Tracks sind doch um einiges rauher, da war es ganz gut, die ein bisschen aufzubereiten. Wir kennen die Platten ja wirklich in- und auswendig, vielleicht sogar besser als Mark und Moritz selber (lacht), haben sie jahrelang aufgelegt und wissen sehr genau, wie man das machen muss. Oft passiert in den Stücken ja nicht viel. Andere DJs haben die Tracks einfach von A-Z durchgespielt. Wichtig ist, dass man die Idee dahinter begreift und den Sound als Ausgangsposition nimmt und mit ihm spielt. Früher haben wir das mit drei Plattenspielern gemacht, teilweise völlig neue Grooves gebaut. Diesen spielerischen Umgang mit dem Material soll auch die CD widerspiegeln. Wir haben ja auch in der Entstehungsphase immer wieder mit Mark und Moritz Rücksprache gehalten, ihnen Entwürfe vorgespielt, Passagen wieder verworfen, Elemente rausgeschmissen, bis es dann schließlich für alle Beteiligten eine runde Sache war. Das Ergebnis ist bestimmt kein erneutes Aufwärmen alter Klassiker, sondern funktioniert einfach gut.”
Diese langjährige persönliche Beziehung zu den Tracks hört man der CD an. Hier wird nicht versucht, die zeitlosen Erinnerungen krampfhaft zu modernisieren. Ganz vorsichtig haben Scion versucht, dieses Gefühl von damals, was heute natürlich genauso gilt, in eine runde Form zu bringen. Und das ist ihnen gelungen. “Arrange And Process Basic Channel Tracks” ist ein Dokument einer Musik, die heute noch dieselbe Bedeutung hat wie damals.

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Elektronische Lebensaspekte.