Der deutsche Bühnentechnoact Scooter bewahrt sich bei einfachsten Stilmitteln genügend gnadenlosen Humor, um zwischen Phänomen und Fanobjekt stumpfen Irrsinn begreifbar zu machen. Im ravenden Scooter-Universum ist Kicken unkompliziert und der Anspruch unreflektiert.
Text: harald peters aus De:Bug 59

Heiligeili!
Die ganze Wahrheit

Wer sich entschließt, den Weg auf sich zu nehmen, findet das Scooter-Studio draußen in Hamburg-Bramfeld, direkt zwischen einer Fleischerei zur Rechten und einer Bäckerei zur Linken – aber das hat nichts weiter zu bedeuten. Wen Scooter dann willkommen heißen, den bitten sie eine steile Treppe herauf, an deren Ende eine Tür in ein 2-Raum-Studio führt, in dem wohl die Mehrzahl ihrer Werke entstanden ist. Dass in den 90er Jahren zehn ihrer insgesamt 23 Singles in den hiesigen Top Ten landeten, führte immerhin dazu, dass Scooter in dem genannten Zeitraum an Top-Ten-Single-Einträgen gemessen der in Deutschland erfolgreichste Act nach Michael Jackson und den Backstreet Boys wurden. Doch weil an dieser Stelle Erfolgsgeschichten schon aus prinzipiellen Erwägungen nicht beeindrucken sollen, gilt es, sich den Reizen gerahmter Schallplatten und funkelnder Trophäen zu verschließen, während der unvergleichlich freundliche Rick Jordan durch die mit allerhand Technik vollgerammelten Räumlichkeiten führt. “Das Studio ist ein bisschen weit draußen, das stimmt, aber dafür gibt es keine direkten Nachbarn und man kann auch noch um drei nachts so richtig aufdrehen.” Ein Standortvorteil, der gerade für Scooter nicht zu unterschätzen ist. H.P. Baxxter und Jay Frog sind unterdessen Kuchen kaufen gegangen und kehren mit einem warmen Imbiss zurück. Jay Frog, bislang vornehmlich als Trance-DJ bekannt, leistet sich eine Portion Rosenkohl mit Wurst. Er ist der Neue. Er wurde vor wenigen Wochen für Axel Coon eingewechselt, der die Band in aller Freundschaft verließ. H.P. Baxxter sagt: “Jetzt haben wir auch noch einen Pfälzer mit an Bord.” Dann trinken alle eine sehr starke Tasse Kaffee. Soweit also alles ganz bodenständig. “Für wen ist das Interview doch gleich?”, fragt H. P. und gibt zu verstehen, dass er mit der Antwort offenbar nichts anfangen kann; auch Rick zuckt ratlos mit den Schultern. Allein Jay, den alle Jürgen nennen, nickt wissend über seinem Rosenkohl, sagt “Kenn ich!”, um sich dann wieder unbeeindruckt der Nahrungsaufnahme zu widmen. Das sollte allerdings niemanden wundern: Während die Band all die Jahre lang von der einschlägigen Fachpresse ignoriert wurde, nutzte sie die Zeit, um fernab von kritischer Betrachtung mit viel Liebe an ihren überschaubaren Stilmitteln zu arbeiten. Sie modifizierte und verdichtete sie und reicherte sie immer weiter an, bis eines Tages vor lauter Quantität eine neue Qualität erreicht war, die Qualität des Klassischen. Losgelöst von Trends und Zeitbezügen stehen Scooter seither da, monolithisch, mächtig und unerreichbar für alle Mitbewerber. Und während die Welt aus genannten Gründen nicht mehr an Scooter vorbei kann, haben Scooter kein Problem damit, der Welt keine weitere Beachtung zu schenken. Sie haben sich ihre eigene Welt geschaffen. Doch wie sieht es in dieser Welt aus? Wo liegt das Phänomen begraben? Gibt es etwa ein Prinzip?

RICK: Also wir neigen schon zu den Dingen, die eher nach vorne los gehen. Und catchy sollten sie sein. Die Leute werfen uns zwar immer vor, wir seien zu kommerziell. Aber der Kommerz ist nicht unser Antrieb, kommerziell ist höchstens das Produkt.

H.P.: Und unsere Songs sollten etwas haben, was man sich merkt. Nur banal darf es nicht sein. Wie zum Beispiel bei “How Much Is The Fish?”. Da haben wir das alte Sauflied “Sieben Tage lang” mit ins Stück gepackt. Damit konnte man nicht rechnen. Es darf eben nur nicht zu platt sein. Das muss schon irgendwie anders sein.

DEBUG: Anders ist das zweifellos. Gerade “How Much Is The Fish?” halten viele für die peinlichste Nummer überhaupt.

(großes Hallo, viel Gelächter)

H.P.: Okay, selbst wir halten den Song für einen Grenzfall. Andererseits ist der auch wieder so irre, dass man den durchaus bringen kann.

RICK: Zumal der Titel “How Much Is The Fish?” ja auch schon so richtig schön bescheuert klingt.

H.P. Der stammt übrigens aus einem Stomp!-Song gleichen Namens. Den scheint aber niemand zu kennen. Da hat uns jedenfalls nie jemand nach gefragt. Die haben sich alle nur gewundert.

DEBUG: Ist Gnadenlosigkeit das Konzept?

RICK: Nun ja, das ist verschieden.

H.P.: Doch, gnadenlos, das ist nicht falsch. Immer schön richtig auf dicke Hose, viel Alarm und auf die Tube. Wir bedienen uns auch gern bestimmter Sounds, die eigentlich mehr aus dem tiefsten Underground stammen. Der Underground ärgert sich dann immer die Krätze…

(großes Gelächter)

… Und dadurch klingt das alles schon sehr speziell und nicht so wie diese Standard-Trance-Produktionen, die teilweise den Markt überschwemmen. Was Ideen angeht, steckt da jedenfalls eine ganze Menge drin. Allein durch die Texte haben wir uns ein Scooter-Universum geschaffen. Die Texte verstehen nämlich nur Leute, die sich schon länger mit Scooter befassen, nur für sie ist der Wahnsinn greifbar. Und für alle anderen ist es wie bei KLF. Also wenn ich ein Vorbild nennen sollte, dann wären das eindeutig KLF. Die hatten ihren eigenen Kosmos. Die konnte nur verstehen, wer den Zugang fand.

DEBUG: Gibt es denn bei euch etwas zu verstehen?

H.P.: Doch… schon… ja… irgendwie. Zum Beispiel bei dem neuen Song, also “Nessaja”, wie geht der noch gleich los?

RICK: “3 a.m.”

H.P.: Genau, “3 a.m.”. Das ist nämlich der Name des Projekts, unter dem wir “Nessaja” als Clubversion veröffentlicht haben. “3 a.m.” ist folglich die Auflösung: “Hallo, wir sind’s”. Die zweite Zeile lautet dann “The Painted Cow”, was daher rührt, dass Fans uns einmal das Foto einer Kuh geschickt haben, auf der Scooter geschrieben stand.

RICK: Ein schönes Foto. Ist auch auf der Homepage zu sehen.

H.P.: Seither ist “The Painted Cow” unser Pseudonym. Und so geht das immer weiter im Text. Aber das versteht man eben nur, wenn man sich damit befasst.

RICK: Manchmal erfreuen wir uns aber auch nur am Irrsinn.

DEBUG: In “Posse (I Need You On The Floor)” heißt es zum Beispiel “Heiligeili”. Ist das schon Irrsinn oder kann man das noch verstehen?

H.P.: Vielleicht beides. “Heiligeili” stammt von DJ Balloon, unserem Support-Act. Und immer, wenn er auflegt, schreit er ab und zu “Heiligeili”, so wie auf dem Jahrmarkt. Und das hab ich aufgeschnappt und fand das witzig. Nachdem er das drei Jahre lang auf keiner seiner Veröffentlichungen erwähnt hat, dachte ich, jetzt mach ich das eben.

Und wer könnte besser, suggestiver, und überzeugender “Heiligeili” schreien als der große H.P.? Wer könnte mit “Ihr Schweine”, “AAAAHHHHHHHH, Ihr seid ja alle wahnsinnig!!!!!” oder “AAAAAARGH, Resurrection!” gekonnter jene kollektive Raserei verursachen, die überall dort entsteht, wo Scooter vors Publikum treten. Wobei analytischeren Naturen sofort auffallen wird, dass sich das Scooter-Publikum aus zwei völlig unterschiedlichen Segmenten zusammensetzt. Jenen, die das Scootersche-Œuvre aus vollem Herzen schätzen, und jenen, die sich nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die Scooter-Songs auch nur ansatzweise ernsthaft schätzen können, die sich aber aus einem zynischen Interesse heraus von deren Existenz überzeugen wollen. Seltsamer Weise gehören die Vertreter der letzten Gruppe nach dem Konzert meist zur Gruppe der ersten. Auf diese Weise blieb Scooters-Fangemeinde irgendwie stets stabil. Andererseits werden Scooter noch immer mit großer Inbrunst gehasst. Wie kann das kommen?

H.P.: Ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht ist es Neid. Vielleicht sind es unsere Visagen. Vielleicht ist es einfach nur die Musik. Wir bieten natürlich enorme Angriffsfläche. Wenn ich singe, schrei ich ja immer nur rum. Könnte schon sein, dass das die Leute irgendwie nervt.

DEBUG: Wolltet ihr mal gemocht werden?

RICK: Zu Anfang schon.

H.P.: Vor Scooter waren wir ja ganz normale Raver. Wir waren auf der Love Parade, auf der Mayday und so weiter. Und plötzlich, nach den ersten Singles kannten uns all die DJs, die dort aufgelegt haben. Die DJs, die wir gut fanden, haben sich auf einmal mit uns beschäftigt. Dumm war nur, dass die uns alle scheiße fanden…

(sehr großes Gelächter)

… Aber immerhin. Mittlerweile hat es sich ein bisschen gegeben. Wenn man sie alleine trifft, sagen viele mittlerweile: Mensch, eigentlich ist das ja klasse, was ihr da macht, und ihr seid ja auch schon so lange dabei und das ist echt gar nicht so schlecht. Aber sobald sich ein Rudel bildet, fangen die sofort wieder an zu lästern. Aber es ist ja nicht so, dass uns alle schlimm finden. Unsere Platten werden ja gekauft. Ich meine, es gibt ja auch noch unsere Fans.

DEBUG: Und die sind überraschend alt. Man stellt sich vor, dass sie im Durchschnitt 14 sind, tatsächlich sind sie aber eher 34.

H.P.: Mitunter wundere ich mich da selbst. Aber es gibt auch jüngere. Neulich lag zum Beispiel wieder ein Zettel in meinem Briefkasten, auf dem mit einer Kinderschrift stand: Mein Bruder ist der größte Scooter-Fan, aber er traut sich nicht nach einem Autogramm zu fragen. Im letzten Satz stand dann: Mein Bruder ist fünf…

(großes Gelächter)

…. Auch junge Mütter scheinen sich von Scooter angesprochen zu fühlen, weil der Lärm und das Geschrei bei kleinen Kindern wohl sehr gut ankommt.

DEBUG: Und was lernen wir daraus?

H.P.: Ach, weißt du. Wenn ich früher von der Schule nach Hause kam und mal wieder völlig genervt war, bin ich in mein Zimmer gegangen, hab die Tür zu gemacht, Motörhead aufgelegt und ordentlich aufgedreht. Ich mein, das ist es doch. Mehr ist es doch eigentlich nicht. Alles andere ist doch Quatsch.

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Elektronische Lebensaspekte.

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