Nach einer detailliert in Comicform ausgearbeiteten Theorie zum ästhetischen Phänomen "Comic" entdeckt Comicmaster Scott McCloud die Möglichkeiten der ästhetischen als auch ökonomischen Neuerfindung des Comics in Zeiten von Computer und Internet. Bang.
Text: christian meyer aus De:Bug 56

Bekannt wurde der US-amerikanische Comicautor Scott McCloud 1993, als er seinen viel umjubelten Comicband ‘Understanding Comics’ veröffentlichte, aus dem die deutsche Übersetzung leider besserwisserisch ‘Comics richtig lesen’ machte. Neben der ungewöhnlichen Tatsache, dass dieser Theorie-Band in der Form seines Gegenstandes gestaltet war – nämlich als Comic -, bestach das 220-Seiten dicke Buch vor allem durch seine treffende ästhetische Theorie in höchst kurzweiliger Form. Die visuellen Effekte, die von der Comicfigur Scott McCloud, die den Leser dozierend durch das Buch führt, erklärt wurden, konnten so auch gleich anschaulich vorgeführt werden. Sämtliche Koryphäen der Comic-Kunst von Will Eisner bis Art Spiegelman überschlugen sich mit Lob. Wir uns auch. Doch die Koryphäen waren im Gegensatz zu uns nicht lange wohlwollend. Das nächste Projekt McClouds, ein computergeneriertes Album namens ‘The New Adventures Of Abraham Lincoln’, fand wenig Gnade bei der Kritik. Das erklärt vielleicht McClouds Rückkehr zu der Erfolgsformel “Comic über Comic” in seiner jetzt unter dem Titel “Comics neu erfinden” (Reinventing Comics) auf deutsch erschienenen Analyse.

Die Neuerfindung
Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten beschreibt McCloud neun sogenannte Revolutionen, die die fetten Jahre Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre gebracht haben. Diese Zeit hat mit Akteuren wie Bill Sienkiewicz, Frank Miller, Alan Moore, Dave McKean u.a. meistens den übermächtigen Superhelden dekonstruiert. Es gab eine sowohl ästhetische als auch thematische Explosion auf dem us-amerikanischen Comicmarkt. Die Marktsituation ist mittlerweile aber nach dem Ende der Aufbruchsstimmung ziemlich schlecht bis katastrophal.
Im zweiten Teil des Buches fragt er daher nach den Möglichkeiten, die Errungenschaften der ‘Erwachsenwerdung’ der Comics halten und ausbauen zu können. Nach einleitenden Worten über Geschichte und Möglichkeiten von Computer und Internet beschäftigt er sich mit den Fragen der digitalen Distribution, Produktion (auch ‘Comics neu erfinden’ ist am Computer entstanden) und der komplett digitalen Comics, die nur im Netz existieren. Für den Netzteil spart McCloud nicht an Pathos, denn er sieht hier eine neue Möglichkeit, den künstlerischen Comic finanziell überlebensfähig zu halten und vollkommen neue Wege in der Ästhetik der einzelnen Panels als auch in deren Anordnung zu gehen. Dabei lässt er sich gar nicht einmal so sehr auf multimediale und interaktive Möglichkeiten ein, denn diese Felder möchte er Kunstgattungen überlassen, die dort wesentlich mehr leisten können, sondern hypt die Freiheit von Erzählstrukturen, wie sie durch die Loslösung vom bedruckten Papier entstehen könnten. Wir sind gespannt, warten aber lieber erst mal ab.

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Elektronische Lebensaspekte.