Die Wheels of Steel rosten nicht. Gegen alle Prognosen steht die Jugend von heute auf Plattenspielertechnik von vorgestern.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 92

Plattenspieler: Scratches und Sakrilege

Und er dreht sich doch. Oder besser: immer noch. Und das sogar wieder vermehrt. “Totgesagte leben länger“, wundert sich der Fachverband Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) – und konnte in den vergangenen Jahren erstmals seit Mitte der Neunziger wieder einen leicht steigenden Absatz von Plattenspielern verzeichnen. So gingen 2003 rund 82.000 Geräte über die deutschen Ladentheken, 2004 waren es schon 85.000. Im vergangenen Jahr setzten die Händler hier zu Lande damit immerhin neun Millionen Euro um. 2003 waren es noch zehn Millionen Euro Umsatz. Den leichten Umsatz-Rückgang trotz gestiegener Verkaufszahlen erklärt der gfu-Sprecher Roland Stehle mit Preisverfall bei den Geräten. “Pro Jahr“, sagt er, “sinkt der Verkaufspreis um fünf Prozent.“ Trotzdem: Der Markt sei klein aber stabil. Nach gfu-Angaben kurbelt vor allem die “Disc-Jockey-Szene“, wie das der Fachverband ein bisschen steif nennt, das Geschäft an: “DJs, die ihren Job samt Scratch-Einlagen und gemixten Übergängen längst zu einer eigenen Kunstrichtung entwickelt haben, kommen ohne analoges Arbeitsmaterial trotz professioneller CD-Player kaum noch aus“, schreibt der Verband in einem Marktbericht. “In den Clubs und Discotheken zelebrieren sie ihre Kunst – den besten folgt einer Karawane gleich eine Schar von Fans teilweise quer durch die Republik zum nächsten DJ-Set.“

Daneben gibt es zwar auch eine kleine, verschworene High-End-Gemeinde, die ebenfalls auf Plattenspieler schwört und bis zu 50.000 Euro dafür ausgibt. Ein Scratch käme für diese Audiophilen einem Sakrileg gleich. Ansonsten aber regiert inzwischen die gute alte 12er-Reihe von Technics, die seit 19 Jahren in Clubs ihren Dienst tut, zusammen mit zahlreichen Epigonen, Nachbauten und aufgemotzten Konkurrenzprodukten den gesamten Markt für Plattenspieler. Michael Wagner, Produktmanager für Technics-Geräte, darf zwar nichts zu genauen Umsatz- und Absatzzahlen seiner Plattenspieler sagen. So viel aber doch: “Wir sind image- und umsatzmäßig Marktführer bei DJ-Plattenspielern.“ Technics ist inzwischen zu einer reinen Marke für DJ-Equipment geworden. Die gehört dem Unternehmen Panasonic. Und das wiederum dem japanischen Matsushita-Konzern. Der setzte übrigens im abgelaufenen Geschäftsjahr mit seinen weltweit 290.000 Angestellten in 372 angeschlossenen Firmen rund 72 Milliarden Dollar um. So viel zu Globalisierungskritik und DJ-Kultur.

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Elektronische Lebensaspekte.