Es sieht gut aus, ist aber schlecht gedacht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 112

Es sieht gut aus, ist aber schlecht gedacht. Apple TV dürfte im deutschen Markt kaum auf viel Entgegenkommen stoßen. Wir bedauern’s.

Im Grunde ist Apple TV wie jedes andere Apple-Produkt. Das Design ist elegant, es passt perfekt z.B. auf ein Airport Extreme, das Auspacken macht Freude, die Installation (viel mehr als das mitgelieferte Kabel an den Fernseher anschließen ist kaum notwendig) geht wie von selbst, die Bedienung über iTunes (via Synchronisation) und das von FrontRow bekannte Interface auf dem Fernseher ist jedem Mac-User durch und durch bekannt. Und schon sagt ein neues Kind der Apple-Familie einem freundlich “Hallo”. Doch danach beginnen die Fragezeichen, und man wird den Gedanken nicht los, dass man hier einem verflixt komplizierten Infrastruktur-Problem begegnet.

In den USA setzt Apple TV nicht nur auf einen Markt auf, in dem Tivos (und damit digitale Videorecorder mit gewissen Abo- und Netzfunktionen) schon zum Popphänomen geworden sind, sondern vor allem der iTunes Shop ist dort längst mehr als ein Musikshop. Gut, auch hierzulande kann man mit iTunes Videopodcasts abonnieren, ein paar Musikvideos kaufen oder eine Hand voll Kurzfilme von Pixar. Aber das war es dann auch schon und ob man die so unbedingt auf dem neuen Flatscreen-TV sehen will, dass man sich dafür extra Hardware kauft, wage ich zu bezweifeln. Fernseh-Serien oder Spielfilme sind im deutschen iTunes Shop (dem hier Konkurrenten wie IP-TV oder Maxdome etc. längst davonziehen) bedauernswerterweise nach wie vor völlig inexistent. Obendrein hat schon der Gesamtmarkt der digitalen Downloadverkäufe in Deutschland nicht die Dimension wie in den USA und der iTunes Shop hierzulande obendrein auch noch keinen vergleichbaren Marktanteil.

All dies wäre kaum ein Problem, wenn Apple TV andere Videoquellen anzapfen könnte. BitTorrent-Liebhaber z.B. würden es sicherlich schätzen. Doch natürlich versteht Apple TV (serienmäßig) kein AVI-File und keine Windows-Media-Filme, nichts, was iTunes von Haus aus also auch nicht versteht. Man muss also schon ein Mac-Fan sein, um unbedingt ein Apple TV haben zu wollen. Und hier begegnen wir der nächsten Komplikation. Denn Apple-User in Deutschland glauben noch stärker als in den USA an “Think Different”. “Kreative” nutzen klassischerweise Macs. Kreative kaufen aber leider auch im geringeren Maße als Durchschnittsbürger Enhanced-Definition- oder High-Definition-Breitformat-Fernseher, die für Apple TV unerlässlich sind.

Der wahre Markt für das eigentlich höchst sympathische Apple TV dürfte also der sein, der sich kurz nach Release der Kiste im Internet meldete. Diejenigen, die bereit sind, sich all das, was sie von einem gut vernetzten und synchronisierbaren Media-PC erwarten, gerne zusammenhacken. Denn auf Apple TV läuft OSX, und mittlerweile sind Unmengen von PlugIns im Netz unterwegs, die einem sowohl die erwünschten Formate ermöglichen als auch die schändlich vermissten RSS-Funktionen sowie den Anschluss externer USB-Platten für Hardcore-User, denen 40GB einfach zu wenig sind. Sollte also die Systemsoftware von Apple TV weiterhin so geschlossen bleiben, wie sie bislang ist, und sich die Shop-Infrastruktur nicht rasant verbreitern, dürfte Apple TV hierzulande wohl leider nur einer sehr kleinen Zahl von Usern wirklich etwas bedeuten können. Bedauerlich, denn Alternativen wie Maxdome oder T-Home sind ähnlich geschlossene Netzwerke, die letztlich nur Pay TV in modernerem Gewand sein wollen.
http://www.apple.de

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Elektronische Lebensaspekte.