Joost, Kontentreal und die BBC basteln an der TV-Zukunft
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 112


Aus alt mach neu: Anstatt klassische Programm-Produzenten gegen nutzergenerierte Inhalte auszuspielen, basteln kreative Entwickler weltweit an Modellen für interaktives TV.

Bram Cohen ist nicht eben für Komplimente bekannt. Der Bittorrent-Erfinder und bekennende Borderline-Autist sagt, was er denkt. Dabei legt er sich auch gern mal mit den Konkurrenten seiner Firma an. Ende Februar nahm er sich Joost vor – jenes P2P-Video-Startup, hinter dem die Gründer von Kazaa und Skype stehen. Joost sei schon ein wenig eigenartig, befand Bram Cohen während eines Branchenkongresses. “Es basiert ganz wesentlich auf dem Konzept von Kanälen“, so Cohen. “Das entspricht der Art und Weise, wie alte Medien arbeiten.“

Bei aller Konkurrenz-Eifersucht muss man Cohen in einem Punkt recht geben: Allzu innovativ kommt Joost bisher noch nicht daher. In ihrem geschlossenen Beta-Test bietet die Plattform ihren Nutzern rund zwei dutzend Kanäle, die nach der Herkunft der Videos organisiert sind. Natur-Dokus inklusive putziger Pandabären gibt’s im National-Geographic-Channel, Musikvideos bei Warner Bros. Records. Sitcoms, die es nicht zur zweiten Saison geschafft haben, werden im Comedy-Central-Kanal restverwertet.

All dies wird in angenehm guter Video-Qualität präsentiert. Dazu gibt’s noch ein paar Widgets, um RSS-Feeds und Chat-Räume auf den Bildschirm zu zaubern. Das Resultat wirkt nett und professionell. P2P-Fans wird es zudem freuen, dass Joost auf dezentralen Datentausch setzt, um seine Streams durch die Datennetze zu schicken. Aber ist es wirklich die Revolution, die Joost-Mitbegründer Janus Friis der Welt versprach, als er davon redete, die besten Aspekte des Fernsehens mit den größten Stärken des Internets zu verbinden?

Mystery Joost 3000
Keine Angst, Joost hat noch das ein oder andere Ass im Ärmel. Zu einem der wichtigsten Faktoren dürfte dabei die Metadaten-Struktur werden, die Joost um seine Inhalte herum aufgebaut hat. Während bei Bittorrent & Co. nur rohe Videodaten von Festplatte zu Festplatte wandern, kann der Joost-Player seine Nutzer mit einer ganzen Reihe von kontextrelevanten Zusatzinformationen versorgen. So bietet Joost seinen Nutzern schon jetzt die Möglichkeit, einzelne Shows zu bewerten und diese Bewertungen mit anderen Teilnehmern auszutauschen.

Doch mit Metadaten lässt sich noch viel mehr anstellen. Das glaubt zumindest David Friedman, der neben seinem Job als Fotograf das schöne Blog “Ironic Sans“ betreibt. Friedman ist Fan der Show “Mystery Science Theater 3000“, einer Serie, in der ein auf einem Satelliten gefangen gehaltener Hausmeister gemeinsam mit seinen Roboter-Freunden einen B-Movie-Film nach dem anderen sehen muss. Die unfreiwilligen Opfer des schlechten Filmgeschmacks kommentieren dabei jede Szene mit lakonischen und teilweise extrem absurden Anmerkungen.

So etwas würde Friedman gern auch in Joost realisiert sehen – mit nutzergeneriertem Unsinn, versteht sich. Zuschauer hätten dabei die Möglichkeit, jede Joost-Show an beliebiger Stelle über eine simple Texteingabe zu kommentieren. Andere Nutzer könnten diese Kommentare dann bewerten und mit Tags versehen. Damit ließen sich Kommentare je nach Interessenlage und Qualität ausfiltern. Wer nur auf Informationen aus ist, lässt sich einfach keine dummen Witze anzeigen. Gleichzeitig könnten Film- und Fernsehfreunde so eine Art nutzergenerierten DVD-Kommentar erstellen. “Stell dir vor, du schaust eine Show wie Heroes an – und dann guckst du die Episode noch einmal mit Kommentaren, um zu sehen, welche dir entgangenen Details anderen Leuten aufgefallen sind“, so Friedman.

Gut möglich, dass Friedmans Ideen bald vom Joost-Team umgesetzt werden. Joost-Mitarbeiter Matt Hall ließ auf Friedmans Blog durchblicken, dass sein Team bereits an zeitbasierten Tags, Kommentaren und Notizen arbeitet. Community-Funktionen dürften ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Schließlich gehört zu Joosts Mitarbeiterstab auch ein gewisser Dan Brickley, der im Netz als Mitbegründer des FOAF-Projekts bekannt ist – jener Initiative, die das gesamte Web in eine Art maschinenlesbares soziales Netzwerk verwandeln will.

Community statt Gleichzeitigkeit
Community steht auch im Mittelpunkt des aktuellen Projekts von Kontentreal. Die New Yorker Agentur ist für die Produktion von Design:e2 bekannt – einer Doku-Serie, die sich grüner Architektur und nachhaltigem urbanen Leben widmet. Themen wie diese finden in den USA nur im kleinen, unkommerziellen PBS-Netzwerk Platz. PBS-Stationen besitzen kein gemeinsames Programmschema. Eine Sendung, die in New York montags um 9.00 Uhr läuft, wird in San Francisco möglicherweise Dienstags um 8.00 ausgestrahlt. Dazu kommt, dass Sendetermine im Zeitalter digitaler Videorecorder natürlich eh immer unwichtiger werden. Doch mit dem Ende des Zeitdiktats stirbt auch die kollektive Rezeption. Eine Show wird nicht mehr so leicht zum Bürogespräch, wenn jeder sie zu einem anderen Zeitpunkt anschaut. Grad bei Doku-Sendungen gibt es ja auch wenig Anreize, sie sich so bald wie möglich anzuschauen. Design:e2 ist eben nicht Lost.

Kontentreal entschloss sich deshalb, sich komplett vom Programmschema als Identifikationsfaktor zu verabschieden. Stattdessen bastelt man an einer Community, die über Zeit- und Mediengrenzen hinweg um die Show herum kooperiert. Du willst mehr über ein bestimmtes Segment der Sendung erfahren? Drück einfach eine Taste der Fernbedienung deines digitalen Videorecorders – und schon wird dir lokalisierter Kontext aus dem Web auf den Fernseher geliefert. Dir fällt auf der Straße ein Gebäude auf, das dich an die Sendung vom Vortag erinnert? Schieß einfach ein Foto mit deinem Handy und lad es auf die Design:e2-Website. Dich beeindruckt eine Szene der DVD-Version der Show besonders? Dann kommentier sie doch einfach auf der Design:e2-Webseite – direkt von deinem Blu-Ray-Player aus.

Kontentreal stellte Anfang Februar in Los Angeles erstmals einen Prototypen für seine Community vor. Nutzer sollen dabei die richtigen Tools bekommen, um vom Zuschauer zum Aktivisten zu werden. Die Show-Plattform soll anfänglich mit professionellen Inhalten starten. Das erklärte Team der Macher ist jedoch, dass Community-Beiträge bis zu 80 Prozent der Inhalte ausmachen sollen.

Der Killer-Recorder
Shows werden kommentierbar, Communities ersetzen Sendeplätze: Was sagen eigentlich Fernsehsender zu diesen Entwicklungen? Bei der BBC scheint man die interaktive TV-Zukunft gar nicht abwarten zu können. Der britische Medienriese gab seinem New-Media-Manager Tom Loosemore deshalb freie Hand im Entwickeln neuer Fernsehmodelle. Loosemore tat sich dafür mit ein paar britischen TV-Hackern zusammen. Gemeinsam entwickelte man eine Box, die kommerzielle digitale Videorecorder alt aussehen lässt. Ein Terabyte Speicherplatz, drei DVB-Tuner, ein halbwegs leistungsstarker Prozessor und ein wenig clevere Software ermöglichen dem Gerät, ein dutzend kostenlos zu empfangende DVB-Kanäle gleichzeitig aufzunehmen und bis zu sieben Tage lang zu speichern.

Die BBC ließ ein paar hundert Prototypen dieser Monster-Recorder bauen und verteilte sie an einige sehr glückliche Mitarbeiter. “Das war einfach fantastisch“, erinnert sich Loosemore, der natürlich selbst auch eine der Boxen in seinem Wohnzimmer stehen hatte. Er hatte rund um die Uhr Zugriff auf 15.000 Sendungen. “Es gibt in Großbritannien großartiges Fernsehen“, so Loosemore, “aber du verpasst normalerweise das meiste davon.“

Mittlerweile wurde das Experiment gestoppt, nachdem einige Aufnahmen ihren Weg ins Netz fanden. Doch Loosemore und sein Team arbeiten bereits an einer Nachfolge-Idee. Anstatt die Aufnahmen auf eine Woche zu beschränken, will man ein endloses TV-Archiv aufbauen. Nutzer sollen wiederum ein Terabyte für Aufnahmen zur Verfügung haben, diese aber untereinander mit Bittorrent tauschen.

Zugegeben: Es dürfte noch eine Weile dauern, bis solch ein System mit dem Segen der Rechteinhaber seinen Weg ins Wohnzimmer findet. Doch Loosemore geht es auch gar nicht darum, fertige Produkte zu entwickeln. Sondern um Zukunftsszenarien. Dazu gehört auch, Lösungen für bisher nicht gekannte Probleme zu finden. Wie findet und verwaltet man zum Beispiel Inhalte, wenn zig tausende von Sendungen rund um die Uhr verfügbar sind?

Loosemore wurde schnell klar, dass Tags und andere soziale Filter eine große Rolle spielen müssen. Doch warum sollten sich Nutzer nur ganz Sendungen empfehlen können, und nicht etwa auch einzelne Segmente und Szenen? Sein Team entwickelte deshalb ein System, dass alle Shows in Sekunden-Segmente aufteilt. P2P-Videorecorder könnten diese Segmente dann in beliebigen Kombinationen zu anderen Teilnehmern schicken – und jeder Zuschauer wäre potentiell auch Remixer seines eigenen TV-Programms. “Die Gefahr ist natürlich, dass Inhalte dann ohne ihren Kontext verfremdet werden“, meint Loosemore, “doch das Konzept selbst ist unabwendbar.“
http://www.joost.com

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Elektronische Lebensaspekte.