Ulrich Schnauss sitzt mit neuem Album musikalisch zwischen den elektronischen Stühlen, obwohl er eigentlich überall richtig bequem Platz nehmen könnte. Dazwischen findet er es aber besser. Denn wer nicht bequem sitzt, ist aktiver. Nicht Entscheidungslosigkeit, sondern Entscheidungsfreude erzeugt den bittersüßen Geschmack, der anderswo einen Teil lebendiger Pop-Kultur bedeutet.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 72

Breitwand gegen Genregrenzen
Ulrich Schnauss bleibt nicht allein

Trotz allem findet Ulrich Schnauss diesen Platz zwischen den Stühlen ein wenig komisch. Man ist hier meist ein wenig isoliert, was wohl daran liegt, dass er in keine Schublade passt, was eben immer alle wollen. Ist das das Schicksal des wahren Generalisten der Elektronikas oder kommt sowas davon, wenn man seine neue Platte “A Strangely Isolated Place” nennt? Wir meinen, Herr Schnauss bleibt trotz dieses Titels nicht allein, denn bald möchten wohl alle mit ihm zwischen den Stühlen sitzen. Es wird eng!

DeBug:
Du agierst auf vielen verschiedenen musikalischen Spielplätzen, produzierst Drum and Bass ebenso wie Techno oder Elektronika. Wo liegt deine Motivation, genreübergreifend zu arbeiten?

Ulrich Schnauss:
Das Banale zuerst: Einige Projekte (ich denke da speziell an manchen Remix) lassen sich sicher ausschließlich aus finanziellen Motivationen heraus erklären. Da ich versuche, vom Musikmachen zu leben, ist das kein völlig zu vernachlässigender Aspekt. Andere Projekte sind schlichtweg Relikt aus früheren Zeiten – man hat das so schnell vergessen, aber es gab ja mal diese Zeit, in der sich mindestens wöchentlich die Welt in Gestalt von Drum and Bass-Platten neu zu erfinden schien. Es lag also durchaus nahe, Drum and Bass als Plattform für die eigenen musikalischen Ideen auszuprobieren – dass das in meinem Fall nie so 100%ig funktioniert hat, will ich aber auch nicht bestreiten.

DeBug:
Würdest du dich deswegen auch als musikalischer Generalist bezeichnen?
Ulrich Schnauss:
Ich denke nicht, dass die gleichzeitige Arbeit an Elektronika-, Drum and Bass und Techno-Stücken schon die Verwendung eines Begriffes wie “Generalismus” rechtfertigt – dafür liegen die genannnten Stilrichtungen dann doch viel zu dicht beieinander bzw. bilden zusammengenommen eben gerade mal ein Genre. Tatsächlich würde ich aber gerne viel breitgefächerter – eben genreübergreifend – arbeiten, nur ergab sich bis jetzt noch nicht die Möglichkeit dazu. Ich hoffe, es gibt mal ein Angebot, eine Indieband zu produzieren oder eine Country-Platte oder französische Popsongs oder Folkrock oder …

DeBug:
In meinen Augen ist die neue Platte ein romantisches, fast melodramatisches Pop-Epos, das fragmentarisch englischen Psychedelia Indiepop der 80er zitiert. Ich fühle mich an Label wie 4AD und Bands wie Clan of Cymox oder Ultra Vivid Scene erinnert. Was macht in deinen Augen die Platte aus? Lebt sie von Zitaten bzw. bestimmten Stimmungen? Wird sie dadurch zum Statement oder ist sie schon eins?
Ulrich Schnauss:
Ich hoffe eigentlich nicht, dass die Platte lediglich von Zitaten und Stimmungen lebt, kann das aber natürlich nicht objektiv beurteilen. Großen Einfluss auf das Klangbild hatte im Fall von “Isolated Place” die Musik, die ich in den letzten zwei Jahren gehört habe – das war in erster Linie viel englische Gitarren-Musik. Im Fall der älteren Sachen war es besonders der “Shoegazing”-Sound vom Anfang der 90er (My Bloody Valentine, Chapterhouse, Slowdive) – die Musik aus den 80ern habe ich damals nicht mitbekommen (war ich wohl noch zu jung) und es bis heute auch versäumt, mal nachzuhören.

DeBug:
Die Platte scheint wie ein perfekter Rock-Elektronika-Hybrid. Sie lebt von songorientierten, melodiegetragenen, gradlinigen Strukturen, die elektronisch instrumentiert/interpretiert werden. Sie lebt in Teilen von Pop/Rock inspirierter Dynamik. Hat sie eine beschreibbare Sound-Tendenz?
Ulrich Schnauss:
Für mich spielen diese Kategorisierungen letztlich keine große Rolle, das dürfte kaum überraschen. Mir ist aber klar, dass aus rein objektiven Gründen (Equipment, Sequencing, etc.) die Elektronika-Schublade unvermeidlich ist. Ich würde dennoch darauf bestehen, ein paar Unterschiede zum deutschen Elektronika-Mainstream zu betonen. Elektronische Musik funktioniert für mich immer am besten, wenn Synths, Software & Rechner das bleiben, was sie sind: Mittel zum Zweck. Es ist extrem wichtig – bei aller Faszination für elektronische Sounds – das Songwriting nicht zu vernachlässigen. Elektronika hingegen macht viel zu häufig das Werkzeug zum Selbstweck, zum 1000 Mal verbratene Click-, Cut- & Glitch-Spielereien ersetzen aber nicht musikalischen Nährwert und emotionalen Tiefgang. Ich verfolge dagegen einen Ansatz, der die Soundtüftelei immer der musikalischen Idee unterordnet.

DeBug:
Macht die bittersüße Grundstimmung, die tragende melodiöse Poetik die Platte zur Gratwanderung zwischen Pop und Kitsch?
Ulrich Schnauss:
Wie gesagt – alles ordnet sich dem Ziel unter, die musikalische Idee (die letzlich ein emotionaler Impuls ist) möglichst wirkungsvoll umzusetzen – das ist alles, was an dieser Platte “beabsichtigt” ist. Mit dem Begriff “Kitsch” kann ich in Bezug auf Musik ohnehin wenig anfangen. Mir gefallen viele Sachen, die andere Leute “zu kitschig” finden … Kitsch wäre zudem meine Beschreibung für eine “zuckersüße” Grundstimmung, ich sehe meine Sachen aber ebenfalls in einem “bittersüßen” Zusammenhang – das schließt sich dann von vornherein schon aus.

DeBug:
Wo siehts du in der neuen Platte Parallelen zu deinen anderen Veröffentlichungen, wo klare Unterschiede?
Ulrich Schnauss:
Der Unterschied des “Ulrich Schnauss”-Projekts zu allen anderen ist ein umfassender: Ich nehme mir die Freiheit, Genregrenzen, kommerzielle Verwertbarkeit u.ä. völlig außer acht zu lassen.

DeBug:
Was bekommst du für Feedback auf die Platte? Gibt’s da Unterschiede in Rezeption und Reflektion zwischen England und Deutschland?
Ulrich Schnauss:
Spezifisch deutsch scheint mir das ständige Einfordern von Erklärungen dafür zu sein, warum eine Platte so “schön”, “kitschig”, “harmonisch” etc. geworden ist. In dieser Form bin ich das von noch keinem Engländer gefragt worden. Die Kränkung, das man in Sachen Entertainment eben kein Global Player ist, führt in Deutschland wohl zur Angst vor allen stilistischen Elementen, die anderswo lebendige Pop-Kultur ausmachen.

DeBug: Sehr richtig. Vielen Dank für das Interview.

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Elektronische Lebensaspekte.