Der Moskower Anton Kubikov produziert als SCSI 9 brilliante Minimalhousetracks. Die verteilt er handverlesen auf deutschen Labels wie Salo, Force Tracks, Trapez oder Traum. Seit Russland von mafiösem Ibiza-Schunkelhouse bestimmt wird, ist das für das künstlerische Überleben unerlässlich.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 46

Black Box Vocoder
SCSI 9

“Weißt du, ich gehe so durch die Straßen von Moskow und denke an Deutschland, Leute in Deutschland, Situationen mit ihnen. Ich laufe herum und sehe plötzlich auf, seh mir die Gebäude an und frage mich: Wo bin ich eigentlich? Moskow oder Berlin? Köln? Frankfurt?” SCSI 9 ist eine lebende Schnittstelle. Zwischen Moskow und Deutschland. Eine Unmöglichkeit, schließlich ist in SCSI 9, wie jeder weiß, der schon mal so ein SCSI (Skasi) Kabel angeschlossen hat und danach die IDs vergeben musste, die 9 einfach nicht mehr da, noch nie da gewesen. Es ist so etwas wie einer der imaginären Räume vernetzter Computer. Oder, einfacher gesagt, ein guter, vielleicht etwas nerdiger Witz.
Der Witz heißt Anton, Anton Kubikov. Und kommt aus Moskow am liebsten nach Deutschland, weil er sich dort oder irgendwo zwischen den beiden Ländern musikalisch zu Hause fühlt. Seine erste Adresse, und die erste Adressierung ist ihm immer besonders wichtig, auf der Suche nach Schallplatten ist der DNS Recordstore in Berlin, wo er, was er immer macht, ein paar seiner Tracks und ein paar von Freunden dabei hat. Die spielt er dem Ladenchef vor, der zufällig ein eigenes Label hat, auf dem seine Platten erscheinen (unter dem Namen Drastic) und der sofort merkt, dass SCSI 9 genau zu ihm passt. Die ersten Platten von Anton Kubikov erscheinen bald auf SALO, dem DNS Label, spiegeln eine Welt zwischen deepen Housestrukturen und minimaler Ästhetik wieder und machen über das, was man heute überall als Minimalhouse unter verschiedensten Namen trifft, Salo zusammen mit den Drastic EPs zu einer Art Kultlabel.
Anton, der nach wie vor brilliante Platten auf SALO releast, zieht von dort aus weiter, die Route quer durch Deutschland, mit seinen Tracks in der Tasche, und bringt sich selbst unter anderem bei Force Tracks, Trapez (als Multiplier zusammen mit seinem Freund Ill Doggy) und demnächst auch bei Traum unter und sorgt dafür, dass sich Labelchefs landauf landab den Kopf zerbrechen über neue russische Acts und deren Musik. Eine Schnittstelle im imaginären Zwischenraum der Stile, Länder, Rechner und Stimmen. Moskow ist zu klein geworden. “Eine Weile lang (bis Mitte der 90er) gab es in Russland und logischerweise auch Moskow eine Menge Clubs und in den Clubs Techno aller Spielarten. Dann kam die endlose gnadenlose Rezession.” Incl. Mafia. Und aus der Vielseitigkeit wurde ein ökonomisches Überlebensinteresse. Die Clubs, die überlebten, machen Volksmusikshouse mit Progressive-Ibiza-Schunkelfaktor. “Wer jetzt noch Platten in Russland pressen wollte, müsste 100.000 pressen lassen, weil die Fabrik extra dafür vielleicht wieder aufmachen würde.”
Die Szene rings um SCSI 9 (DJ Fish, DJ Spider, Magic B, der demnächst auf Tresor releast, Motor, ILL Doggy, Lazyfish, …) wurde also immer kleiner und zum Auszug gezwungen, wenn sie Visas bekamen. Über ein berühmtes Festival in Südrussland 1996 (Kasantip in einem dank Greenpeace nie fertiggestellten Nuklearreaktor), auf dem sich alle “experimentelleren” elektronischen Musiker trafen und eine Art goldener Zukunft projektiert werden konnte, wurde ein enger Geheimbund von unterbeschäftigten Individuen geschlossen.
Während Lazyfish ein Programmierwizzard ist, liebt SCSI 9 an der Musik vor allem das “Lyrische”. Um es zu verdeutlichen, zeigt er ein Luftpiano, auf dem die Finger auf und ab hüpfen, womit er (vermutlich wegen der Brille) ein wenig aussieht wie Jimi Tenor. Melodische Tracks, zwar gelegentlich mit Dubs, aber ohne dass die gesamte Struktur der Tracks in Stakkatos und deren Echos aufgeht. Die Stimme in den Tracks, ohne dass es notwendigerweise ein Vocal sein müsste. Dieses Verborgene in dem, was man in instrumenteller Musik, aber auch in kommenden Vocaltracks Stimme nennen könnte. Sein Lieblingsinstrument zur Suche nach neuen Sounds ist deshalb auch logischerweise ein Vocoder. Der Vocoder als Black Box, nicht als Retroinstrument. “Ich mag es, wie man zwei verschiedene Sounds dort hineinschicken kann und hinterher nachsehen, was dabei herauskommt, ohne dass man es verstehen würde oder müsste. Es ist etwas Magisches. Manchmal funktioniert es, machmal nicht, aber wenn, dann hat es eine Wärme, die man sonst nicht so leicht bekommt, etwas Geheimnisvolles.” Eine Stimme, deren Stimmung einen Track machen kann, zusammen mit den anderen Stimmungen, den anderen Stimmen. “Wenn ich Musik mache, bin ich nicht im Recordshop und nicht besonders mathematisch. Es braucht nur eine leichte Melodie hängen geblieben zu sein, und schon beginnt der nächste Track.”

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Elektronische Lebensaspekte.