Obwohl Dubstep ein noch relativ junges Genre ist, versuchen einige Producer und Labels die Grenzen zu anderen Genres zu überschreiten und einen neuen Sound an der Schnittstelle von IDM und Dubstep zu etablieren. Scuba und sein Label Hotflush stehen bei dieser Entwicklung ebenso an vorderster Front wie Barry Lynn aka Boxcutter.
Text: Eikman aus De:Bug 121


Dubstep

Beats in der Pause
Hotflush Records

Gemessen an seinem jetzigen Alter steckt Dubstep noch in den Kinderschuhen. Doch wie Kleinkinder eben sind, strecken sie schon frühzeitig die Hände nach neuen Dingen aus. Diese Form frühkindlichen Entdeckungstriebes manifestiert sich im Dubstep durch das Aufsaugen veschiedener Spielarten elektronischer Musik. Denn schon längst ist Dubstep nicht mehr bloß die simple Kombination aus Dub-Elementen und 2Step-Beats, sondern dem eigenen Laufstall entwachsen und versucht nun durch Einflüsse von Breakbeat, Techno und IDM die nächsten Schritte zu meistern. Das hilft nicht nur Dubstep, den stetigen Konflikt zwischen Übersättigung und Hype durch neue Nischen zu entrinnen, sondern bietet plötzlich auch Gelegenheit für Producer aus anderen Genres, sich auf der Spielwiese Dubstep auszutoben.

Paul Rose, als Produzent unter dem Namen Scuba bekannt, war einer der Geburtshelfer von Dubstep. Der gebürtige Londoner gehört mit seinem Label Hotflush nicht nur zu den ältesten Namen der Szene, sondern auch zu denen, die schnell versucht haben, die Grenzen von Dubstep zu überschreiten und zu erweitern. Wo viele seiner Kollegen noch immer auf dem archetypischen, basslastigen Clubsound herumreiten, versucht Hotflush eine andere, deepere Spielart von Dubstep zu etablieren, wie uns Scuba verrät.

Scuba: Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, wie eng ich überhaupt mit der Dubstep-Szene verbunden bin, da ich sowohl persönlich als auch mit dem Label immer ein bisschen abseits vom Mainstream-Dubstep gestanden habe. Einer der Nachteile daran, dass Dubstep immer bekannter wird, ist, dass einige Leute eine ziemlich eingeschränkte Vorstellung davon haben, wie es klingen muss. Viele der Demos, die ich bekomme, sind daher auch ziemlich langweiliger Standard-Dubstep, mit Half-Step-Drums, wobbly Basslines und Reggae-Samples. Das ist fast schon wieder eine Parodie auf Dubstep. Was wir schon immer mit dem Label machen wollten, ist Dubstep aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Das bedeutet fast unweigerlich, genrespezifische Restriktionen aufzugeben und sich Einflüssen von außen zu öffnen. Wie auch andere Musikarten (man denke an Drum and Bass), scheint Dubstep nicht nur aufgrund seiner multikulturellen Entstehungsgeschichte und den durchaus disparaten Ziehvätern Dub und 2Step für diese Entwicklung prädestiniert zu sein. Gerade in jüngster Vergangenheit hat sich Dubstep vermehrt durch Crossover-Produktionen mit Techno- und IDM-Einschlägen in neues Territorium gewagt. Doch wo das eine auf den Club-Kontext abzielt, scheint das andere bewusster auf Listening-Ebene zu arbeiten. Der Einfluss experimenteller Elektronika entzieht sich zwar teilweise dem Clubanspruch von Dubstep, verliert sich aber nicht zwangweise in anstrengender DSP-Effekthascherei, sondern zeichnet sich vor allem durch die gezielte Verwendung von Pausen, Flächen und detaillierten Arrangements aus, was den sonst oft gedrungenen Produktionen besondere Tiefe verleiht.

Ich finde diesem Elektronika-Einfluss ziemlich interessant. Es stimmt schon, dass es da gerade in letzter Zeit einige Entwicklungen gab, in denen gerade auf Kompositions-Ebene Gemeinsamkeiten zu IDM-Produktionen sichtbar werden. Der gemeinsame Ansatz ist vermutlich, nicht immer dem direkten, geraden Weg zu folgen, sondern eben mit den einzelnen Elementen zu experimentieren. Die Verwendung von Raum und Pausen ist für mich ein integraler Bestandteil der Musik, der leider in letzter Zeit häufig vergessen wird, und man viele Tracks hört, die einfach zu vollgepackt sind.

Ist Dubstep also so etwas wie der Fluchtpunkt für frustrierte IDM-ler, deren verkopfter Knöpfchendreh-Enthusiasmus durch die Entdeckung des Subbass neu entfacht wird?

Ich kann vermutlich nicht abstreiten, dass ich von den frühen Warp-Sachen ziemlich beeinflusst wurde. Ich glaube aber nicht, dass jetzt vermehrt IDM- Künstler anfangen Dubstep zu produzieren. Da kenne ich mehr frustrierte Drum-and-Bass-Produzenten, die zu Dubstep wechseln. Warum also nicht mal Dubstep? Aus dem IDM-Lager fällt mir spontan nur Boxcutter ein.

Nicht zufällig fällt der Name Boxcutter: Kaum einer kokettiert so offensichtlich mit IDM-Einflüssen im Dubstep wie Boxcutter aka Barry Lynn. Wo sich seine Kollegen häufig im Subbass-Treibsand und Half-Step-Dschungel verlieren, führt Boxcutter seinen Ansatz von Dubstep in Territorien, die sowohl an die frühen Breakbeat-Eskapaden von Squarepusher und Aphex Twin erinnern, aber mit komplexen Breaks und emotionaler Tiefe auch neue Wege des Macro Dub erkunden. Dass Boxutter ausgerechnet seine erste 12“ auf Scubas Hotflush-Label veröffentlicht hat sowie zwei Alben auf dem ähnlich Elektronika-affinen Planet Mu, bestätigt die Assimilation von Dubstep und IDM, die inzwischen auch den Trademark-Sound des Labels ausmacht. Sein aktuelles Album, das Produktionen aus den Jahren 2002-2005 enthält, lässt diese musikalische Sozialisation noch deutlicher erkennen.
Betrachtet man sich nun die Auswüchse von Dubstep, die immer vielschichtigere Formen annehmen und größere Wurzeln schlagen, so hat sich Dubstep aus dem Nischen-Dasein als Süd-Londoner Subkultur selbst zum Melting Pot unterschiedlichster Sound-Ästhetiken gemausert, was laut Scuba nur eine logische und positive Entwicklung ist.

Nur so kann Dubstep spannend bleiben. Die Aufgabe liegt darin, es auch in Zukunft noch weiterentwickeln zu können. Dubstep ist noch ein ziemlich junges Genre, die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgereizt. Drum and Bass hat eine ähnliche Entwicklung gemacht, das war über Jahre eine spannende Sache, aber inzwischen ist die Luft raus. Eine ähnliche Entwicklung kann man wohl auch IDM und Techno zuschreiben. Früher oder später ist alles ausgereizt, aber dann kommt wieder jemand mit einer neuen Idee, einem anderen Blickwinkel eben, und plötzlich wird es wieder aufgerollt und ist wieder angesagt. Dubstep allerdings ist noch am Anfang seiner Evolution, der Recycling-Punkt ist noch nicht erreicht.

Denn wenn Minimal- und Dubtechno-Einflüsse dafür sorgen, dass sich Dubstep auch der kontinentalen Technogemeinde öffnet, Grime-Produktionen immer öfters mit den Charts flirten und Labels wie Hotflush weiter an ihrer eigenen Vision von Dubstep mit IDM-Einschlag feilen, kann man dem noch jungen Genre doch beeindruckende Frühreife attestieren.

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Elektronische Lebensaspekte.