Gregory McKenzie und Cameron Dailey erzählen sich gerne schwule Wochenend-Anekdoten – erst nur am Telefon, dann im Magazin "Scumbagfagmag".
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 104


Gegen den Strich
Scumbagfagmag

Vielleicht wollte man genau das schon immer: tragisch schwelgerische Prosa adoleszent blühwinkliger Milchbubis und süße Mädchenträume gepaart mit harten Männerschwänzen, die einen durch Fotohandyästhetik hindurch oder von alten Fotografien aus anstehen. Schöne und schludrige Körper in meschugge-obszönen Verrenkungen und ein Reigen knallbunter Popkultur als übereinander geklebter rundherumlappender Rahmen.
Ganz viel nerdiger Punk, ganz viel Einsamkeit und tragische Komik. Potential, das ist mal sicher. Und Brooklyn New York, aber so was von.
Das seit 10 Ausgaben existierende Sbfm hat die bodenlos verschusselte und niedliche Coolness von Hot Chip. Das Design ist ungefähr so aufgeräumt wie Tracks von Sutekh und lässt so viel Platz für Assoziationen wie Texte der Pop Group. Es ist so queer verlinkt wie Lieder von Matmos und literarisch eine versponnene Mixtur aus Fänger im Roggen und postmodern-hybridem Richard Brautigan. Dabei so naiv schwul wie Devendra Banhart, investigativ und korrekt wie das Vice Magazin und zuletzt hat es nicht weniger politisches Potential als Winnie Puh.

Das unbestimmt monatlich erscheinende Mag hat mit Stonewall genauso wenig zu tun wie mit Foucaults Konzept des ”Reverse Discourse“, es gibt auch keine schonungslos radikalen Verweise auf Bruce La Bruce – dafür aber ist der Porno schön niedlich, immer nur wegen des Fun bitte – und der Fantasie.
Der verpeilt urbane Hipster ist jedoch entzückt über so viel queere und alberne Empfindsamkeit und pubertär-entrückte Tagebuchlyrik in kollagiert-ewigbuntem Dadagewand, dass aussieht, als hätten die unpolitischen Kinder von Rauschenberg und Hanna Höch die obszönen Nackedeis überpint.
Am Ende ist es schwieriger, dieses kleine Mag ohne einen Schnipsel Werbung oder nur eine Inhaltsangabe an einen Pseudodiskurs schwuler politischer Theorie zu koppeln, schlüssiger funktioniert es als Schaltstelle blühender Adoleszenz und romantisch großstädtischer Sensibilität.
Natürlich werden die Qualen moderner und schwuler Männlichkeit vorgeführt, aber das explizit schwule Problem daran schwingt nur mit, das Dilemma ist weiter gefasst und geht genauso das straighte Mädchen an, behandelt wird das Gefühl der Nichtdazugehörigkeit an sich. Nicht das schwule Auf-der-Welt-Sein ist dann das Problem, sondern überhaupt hier zu sein.

Wie gestaltet sich der Alltag bei Sbfm?

Cameron Dailey: Im Schnitt arbeiten immer sechs Leute an einer Ausgabe. Viva Ruiz schreibt immer, die anderen sind meist Leute aus unserem Umfeld, die wir auf die eine oder andere Art bewundern: Zuerst machen wir meist ein Konzept für die Ausgabe, danach diskutieren Gregory McKenzie (editor in chief) und ich unsere Gefühle und Inspirationen zu dem Thema, dann sammeln und verteilen wir Materialien und überlegen, wer was beisteuern könnte.

Wie kam es überhaupt dazu, ein Magazin herauszubringen?

Es entstand eigentlich durch die regelmäßigen Telefongespräche zwischen Gregory und mir. Gregory wohnte in Montreal und ich in New York. Jeden Sonntag haben wir über unsere Wochenendabenteuer in Saunen und so gechattet. Es war immer sehr lustig. Der Weg zu einem Zine war nicht weit, wir dachten eben, es mit anderen Leuten zu teilen. Manches ist immer noch sehr autobiographisch, vieles aber auch reine Fantasie.

Was unterscheidet euch von anderen Magazinen, gibt es da einen bestimmten Einflussbereich?

Uns ist wichtig, dass wir nicht Kunst machen um der Kunst willen, eigentlich machen wir auch kein Schwulenmagazin nur um dessentwillen, uns geht es vielmehr um den Betrachter. Wir nähern uns dem Schwulsein mit Humor und nehmen uns selbst dabei nicht ernst. Wir bringen einfach raus, was wir sexy finden, witzig und irgendwie auch blöd – nicht was gerade cool ist oder dem Schwulsein an sich entspricht. Bis jetzt sind wir noch frei von Werbung, deshalb ist der Einzige, dem wir verpflichtet sind, Gott.
Beeindruckt hat mich sicher, gleichzeitig in Texas zu leben und jung und schwul zu sein und natürlich zum ersten Mal ”Advocate“ zu lesen (wichtigstes offizielles Schwulenmagazin in den USA).

Die Ästhetik und Form von Sbfm ist keine typisch schwule, entschuldige mein Reden in Klischees, aber es erscheint mir deviant auf zwei Arten: Einerseits einfach deshalb, weil es ein Schwulenmagazin ist, auf der anderen Seite, in diesem Kontext, hat es aber auch eine Sonderstellung, da es sich sehr von dem, was man traditionell als Schwulenmagazin kennt, unterscheidet.

Die Welt braucht weder ein weiteres straightes noch ein Schwulenmagazin, in dem der Text immer da ist und die Bilder immer da und alles weitere immer genau hier. Wenn wir beginnen, die Ausgabe zu gestalten, nimmt es seinen eigenen spontanen Gang. Alles, was wir dann noch sagen können, ist: Fuck yeah! oder hell no! Ich würde Sbfm eher als ein schwules Kunst- und Kulturmagazin bezeichnen denn als Porno, da die Bilder und der Text ihren eigenen Sinn stiften und dich daneben vielleicht heißmachen. Wenn das zusammen funktioniert, ist es natürlich noch besser.

Was bedeutet denn schwule Ästhetik für dich?

Alles, was leuchtet, Muskeln ohne Haare, Blumensträuße, kleine Hunde.

Ist so etwas wie Act Up Movement noch akut für euch? Aids wird in Sbfm in einer sehr ironischen und überraschend witzigen und augenzwinkernden Art thematisiert? Ist es einfach an der Zeit, sich in einer solchen Form mit Aids auseinander zu setzen? Ihr seid ja nicht wirklich an ernsthaften politischen Statements interessiert.

Unsere Sicht auf Aids und der Gebrauch von Crystal in der schwulen Gemeinschaft ist weniger ein politischer, das ist natürlich richtig. Es ist mehr ein emotionaler Kommentar auf die Art und Weise, wie Schwule ihre Werte setzen.
Ich wuchs in dem Glauben auf, dass ich unweigerlich an Aids sterben würde.
Ich denke, dass viele Schwule in einem selbstzerstörerischen Selbsthass aufwachsen, wenn ich daran zurückdenke, wie die Texaner Gregory und mich behandelt haben, ist es unglaublich witzig. Wenn wir das nicht mit Humor betrachten würden, wären wir jetzt wahrscheinlich tot. Es ist auch eine Art der Therapie.
Als meine Mutter herausbekam, dass ich schwul bin, war ihre größte Sorge, dass ich an Aids sterbe. In der Schule haben alle immer erzählt: “All fags have AIDS”, man bekommt einen sehr starken Selbsthass und Selbstzerstörungswut, beginnt seltsame Dinge zu tun.

Das scheint mir auch der Punkt, an dem der für euer Magazin bezeichnende Schnitt aus Tragik und Komik entsteht und es ist auch der Aspekt, wo ich denke, dass es euch gar nicht so sehr darum geht, ein explizit schwules Problem zu schildern?

Das stimmt. Es geht eigentlich weniger darum, schwul zu sein, als darum, unsere eigenen Gefühle und Gedanken auszudrücken, in dem Glauben, dass sie genau so zulässig sind wie andere auch. Es geht weniger darum, eine bestimmte Peergroup zu befriedigen, als dass wir uns in unserer eigenen Haut wohlfühlen. Obwohl wir schwul und glücklich sind, haben wir nicht den dringenden Wunsch, uns über diesen Fakt zu definieren. Wir stimmen mit ganz vielem, was die schwule Kultur angeht, nicht überein, und das ist gut so, also machen wir uns darüber lustig. Ich würde niemals jemanden mit diesen Kommentaren verletzen wollen, aber diese Mischung aus lustig und traurig ist eben, wie ich mich fühle.

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Elektronische Lebensaspekte.