Während in weiten Teilen der Drum-and-Bass-Szene nach wie vor der schnellen Rave-Materialschlacht gefrönt wird, verfeinern Seba und Paradox nach wie vor ihren eigenen Sound. Drumfunk. Der ist langsamer und mit seinem Fokus auf Breaks vor allem eins: komplexer. Im Interview erläutern die beiden ihre Suche nach dem perfekten Break.
Text: Michael Wallis, Alexander Dreyhaupt aus De:Bug 104


Paradox und Seba //Schlacht und Suche

Debug: Dev, als du vor knapp zwei Jahren das letzte Mal in Leipzig warst, sagtest du, das wäre definitiv das letzte Mal, dass du live spielen würdest. Im Moment bist du viel beschäftigt, es gibt jede Menge Releases und Live-Sets von dir. Was ist passiert?

Paradox: Ich wollte tatsächlich die Live-P.A.s aufgeben, ich war einfach zu viel unterwegs. Seba hat mich überzeugt weiterzumachen. Wir haben eine gemeinsame Sache zu promoten. Er hat mich förmlich angetrieben, weiter live zu spielen.
Seba: Eigentlich habe ich ihm gesagt, wenn er aufhört, darf er nie wieder zu mir nach Schweden kommen und ich würde nie wieder für ihn kochen. Nie wieder Fleischklößchen. (Lachen)

Debug: So hast du ihn überzeugt?
Paradox: Ja, ich bin ein wahrer Fleischklößchen-Fan. (Lachen)
Seba: Wir haben ein gemeinsames Ziel. Dev hätte auch mit DJing anfangen können, denn ich kann mir vorstellen, dass es nervig ist, all das Equipment immer und immer wieder rumzuschleppen. Aber warum nicht eine Tour mit Paradox als Live-Act und mir als DJ. Seit der gemeinsamen Tour letztes Jahr ist das alles eine runde Sache.
Paradox: Genau.

Debug: Dev, du produzierst seit 15 Jahren Tracks und spielst seit mehr als 10 Jahren Live-Shows. Hast du dein Live-SetUp dabei jemals geändert?
Paradox: Nein, es wird auch immer das gleiche sein, bis es auseinander fällt. Es ist total oldschool und einfach total visuell. (Lachen)

Debug: Läuft dein Amiga immer noch? Meiner funktioniert seit Jahren nicht mehr!
Paradox: Ich hatte drei oder vier. In Japan haben sie mir die Tasten gestohlen, in England ist er mir in einen See gefallen. Ich hab ihn an meiner Heizung getrocknet, eine Woche später hab ich ihn dann wieder in Polen benutzt und es hat funktioniert. Wie gesagt, die Kiste rockt.

Debug: Du kannst so etwas nicht mit einem Laptop machen!
Paradox: Wahrlich nicht, der Amiga kann vielleicht nicht viel, aber das macht er wirklich gut, ich würde nicht zu einem Laptop wechseln. Der Amiga macht ja hauptsächlich das MIDI-Handling, die Sounds kommen dann doch aus mittlerweile auch schon nicht mehr aktuellen 16Bit-Hardware-Samplern. Da würde etwas verloren gehen, wenn ich hinter einem Laptop stehen und ab und zu auf eine Taste drücken würde. Ich riskiere es lieber, dass jedes Mal etwas nicht funktionieren könnte. Ich brauche den Stress und den Druck. Aufbau und die Schlepperei sind zwar blöd, aber am Ende der Show weiß ich, dass es sich wieder gelohnt hat.
Seba: Ich liebe es, Dev zuzusehen, nicht beim Live-Spielen, nein, wenn er den Kram schleppen muss (Lachen).
Paradox: Du Motherfucker! (Lachen) Ich bin der am längsten überlebende Drum-and-Bass-Live-Act! Ein wahres Fossil. Hehe, das ist schon lustig, ich werde demnächst auch mal wieder in England live spielen, all die anderen mit ihren Live-Bassisten und Sängern. Ich komme dann mit meinem Amiga und sage: Hey, Jenna G, aus dem Weg.
Seba: Yeah, das ist cool.
Paradox: Ich mache es halt immer noch. Ich hab ja auch Turntables und Mixer zu Hause stehen. Aber am Ende checke ich darauf die Testpressungen und gut. Das Auflegen überlasse ich lieber Sebastian und das Singen Robert.
Seba: Ich denke ja, du kannst ruhig auflegen, aber das Singen solltest du lieber lassen.
Paradox: Vielleicht sollte ich mal mit Robert üben. (Lachen)

Debug: Was macht die Zusammenarbeit mit Seba aus? Es scheint ja gut zwischen euch gefunkt zu haben.
Seba: Ich bin sehr sarkastisch. (Lachen)
Paradox: Er ist verdammt noch mal der sarkastischste Bastard in der Welt und genauso ist es mit der Musik. Wenn du zu einer Seba-Paradox-Show kommst, bekommst du einen Sound zu hören, den es sonst nicht mehr gibt. “The Lost Forms of Drum and Bass” – die Leute kommen zu unseren Shows und merken, das ist etwas Einzigartiges.
Seba: Wir sind uns 1997 das erste Mal über den Weg gelaufen und immer irgendwie in Kontakt geblieben. Nach fünf Jahren sind wir das erste Mal zusammen ins Studio gegangen. Wir haben die gleiche Vision von Drum and Bass, auch wenn es eigentlich in eine total andere Richtung gegangen ist. Das ist das, was Dev mit den “Lost Forms of Drum and Bass” meinte, wir wollen genau unseren Sound erhalten und weiterentwickeln.

Paradox: Ja genau, das ist der Sound, als “Good Looking” auf dem Höhepunkt war. Es ist so gut, dass wir zusammengekommen sind, insbesondere auch zu dritt mit Robert. Alleine ist es wie eine Schlacht, die wir nur verlieren können. Zusammen können wir Spuren in der Szene hinterlassen.
Seba: Ich würde es nicht Schlacht, sondern unsere Suche nennen. Ich denke, wir versuchen etwas voranzutreiben.
Paradox: Für mich ist es so oder so das gleiche Ding.
Seba: Also ich sehe definitiv keine Gegner, aber es ist lustig. Ich dachte eben an Robert. Er ist noch gar nicht so lange dabei, ich muss ihm unbedingt einen Mix aus der Zeit um 1997 machen. Wie viele Tracks haben wir jetzt zusammen gemacht?
Paradox: 22 Tracks.
Seba: Nein, ich meinte zusammen mit Robert. Das müssten mittlerweile 10 oder 12 sein?

Debug: Dev, du hast mit vielen Leuten gearbeitet. Als nächstes steht zum Beispiel eine Kooperation mit Herbie Hancock an. Was war die schwierigste Kooperation, die du in den letzten Jahren hattest?
Paradox: Definitiv Nucleus. Er ist die mit Abstand faulste Person, die ich kenne. Aber er ist einfach so krass. Ich denke am Anfang immer, dass keine seiner Ideen oder Samples funktioniert, aber am Ende ist es jedes Mal genial.

Debug: Bei 100 Releases und 15 Jahren in der Szene muss jetzt die Klassiker-Frage kommen: In welche Richtung wird sich die Musik entwickeln?

Paradox: Es gibt eine neue Generation an Hörern. Den Sound der goldenen Jahre 1995 bis 1997 kennen die gar nicht. Um ehrlich zu sein, die Leute, die den Sound mochten, hören kaum noch Drum and Bass, was ich auch verstehen kann, denn Penduluum oder DJ Fresh sind einfach schlecht. Für mich ist das nicht mal Musik. Wir wollen die Elemente zurückbringen, ich nenne es “Schlacht” und Seba die “Suche“. Wir machen, was wir wollen, und kümmern uns nicht um den Rest. In England ist der Sound sehr schnell, da ist kein Platz für Funk oder Soul. Zum Glück sind wir nicht ganz alleine. Ich denke da an Breakage und Calibre. Die denken einfach mehr über die Musik nach. Ich hoffe, in zwei Jahren ist der Sound, den wir mögen, weltweit populärer.

Debug: Jetzt zur allerletzten Frage. Deine einhundertste 12″! Wo wirst du sie herausbringen?
Paradox: Yeah, ich müsste sie nächste Woche bekommen. Nr. 100 ist schon ein wichtiger Schritt und die einzige Chance, einen Kuchen mit 100 Kerzen zu bekommen, auch wenn ich ihn selber kaufen muss (Lachen). Sie kommt auf “Paradox Music” raus. Rotes Vinyl. Es ist ein Remix eines ´98er-Reinforced-Tracks. Eigentlich ist es ein doppeltes Jubiläum. Meine 100. Platte und der fünfte European Cup für den 1.FC. Liverpool, deshalb auch das rote Vinyl. Rot für Liverpool und für mich. Ich hab den Verein auch kontaktiert und wenn jeder Liverpool-Fan eine kauft, bin ich Millionär. (Lachen)

Debug: Wir sind durch.
Seba+Paradox: Cool, let´s get some Schnitzel.

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Elektronische Lebensaspekte.