"Ein Rechtssystem und ein Gericht fehlen"
Text: Chris Köver aus De:Bug 110


Die Online-Welt Second Life ist nicht nur Hype der Stunde, sondern auch der massive Trend für 2007. Erster Second-Life-Popstar ist ausgerechnet eine Lehrerin aus Hessen, die unter dem Pseudonym Anshe Chung ein Pixel-Immobilien-Imperium aufgebaut hat.

Second Life ist eine Online-3D-Simulation, die von den Nutzern selbst gestaltet wird: Vom eigenen Avatar über das Geschäftsmodell bis zum digitalen Lebensstil. SL-Betreiber Linden Labs stellt – ganz wie im echten Leben der Staat – in erster Linie die Rahmenbedienungen für das Treiben der Nutzer, die konvertierbare Währung Linden-Dollar inklusive. Anshe Chung hat es als Immobilienhändlerin zur echten Dollar-Millionärin und in der Folge auch aufs “Business Week”-Cover gebracht.

Debug: Du bist vor kurzem mit dem Handel von Immobilien in Second Life (SL) zur US-Dollar-Millionärin geworden. Womit hast du deine ersten Linden Dollar verdient?

Anshe Chung (kichert): Ich drücke es mal vorsichtig aus: Bevor ich gelernt habe, wie man Sachen herstellt, habe ich als Unterhalterin gearbeitet und anderen Bewohnern zu einer interessanten Zeit verholfen. Später habe ich dann Kleider und Animationen entworfen. Viele wissen gar nicht, dass ich vor meiner Karriere als Immobilienhändlerin eine der erfolgreichsten Designer für Animationen in SL war.

Debug: Du hast eine eigene virtuelle Firma – die Anshe Chung Studios. Was ist dein Geschäftsmodell?

Anshe Chung: Wer in SL früher Land verkaufen wollte, der musste entweder lange und mühsam nach einem Käufer suchen oder das Land verschleudern. Auf der anderen Seite wussten Käufer oft nicht, wo sie Land herbekommen können und wollten eine größere Auswahl. Wir haben dann einen Service angeboten: für faire Standardpreise Land aufgekauft, es bearbeitet und für einen etwas höheren Preis vorrätig gehalten, bis ein Käufer sich meldete. Wie ein echter Immobilienhändler, der die Immobilie kauft, besitzt und dann nach neuen Käufern sucht.

Debug: Seit einem Jahr betreibst du auch einen realen Ableger deiner virtuellen Firma im chinesischen Wuhan. Hast du die Firmengründung nur mit dem Geld aus SL finanziert?

Anshe Chung: Zu hundert Prozent. Keine Investoren, keine Kredite. Ich habe momentan etwa 30 Mitarbeiter, will aber noch auf mindestens 60 aufstocken.

Debug: Gibt es für dich einen Unterschied zwischen der realen und der virtuellen Firma oder ist es im Grunde dasselbe Unternehmen?

Anshe Chung: Da gibt es den rechtlichen und den eigenen Blick auf die Dinge. Rechtlich ist es so: Die reale Firma ist aus der virtuellen entstanden. Mein Mann Guni und ich haben erst nur mit Bits und Byte gespielt, dann eine Firma gegründet und angefangen echtes Geld zu verdienen. Rechtlich zählt nur die reale Firma, denn ein virtueller Avatar kann nicht besteuert werden. Aber aus meiner Sicht der Dinge ist SL ein eigenes Land und meine Firma dort ebenso real wie in der echten Welt. Die Firma in China arbeitet zu 90 Prozent der virtuellen Firma zu.

Debug: Welche Dienstleistungen bietet deine Firma an?

Anshe Chung: Wir sind inzwischen ein Rundum-Dienstleister für Metaverse-Plattformen. Wir entwickeln Land, Gebäude, Projekte und ganze Communities. Den größten Teil unseres Geschäftes bildeten bisher die normalen Benutzer in Plattformen wie Second Life, There und IMVU. Inzwischen arbeiten wir aber auch für reale Unternehmen, für die wir Niederlassungen in SL bauen und betreiben, darunter der US-Sender NBC und mehrere amerikanische Universitäten.

Debug: Abgesehen davon, dass die Arbeitskraft dort preiswerter ist, gab es für dich noch andere Gründe, deine Firma in China zu eröffnen?

Anshe Chung: Ein Grund ist die rechtliche Unsicherheit in Deutschland. Das Konzept, in einer virtuellen Welt Geld zu verdienen, ist hier noch neu. Es gibt keine Lobby für solche Firmen. Als wir in Deutschland unsere Idee bei den Behörden vorgetragen haben, hat man uns für verrückt gehalten. Wir hatten Angst, dass man uns hier nur Steine in den Weg legen würde. In China wurden dagegen schon Leute wegen Diebstahl von virtuellen Gegenständen zu Gefängnis verurteilt. Die Behörden dort verstehen unsere Situation und unterstützen uns.

Debug: Was ist das Besondere, wenn man eine Firma in einer virtuellen Ökonomie betreibt?

Anshe Chung: Ein Monat in SL ist wie ein Jahr im echten Leben. Hinzu kommt, dass es keine bindenden Verträge gibt. Im Moment ist es noch wie im wilden Westen. Es fehlt eindeutig ein Rechtssystem und ein eigenes Gericht – vor allem für Unternehmen. Wenn man in SL mit einer anderen Firma kooperiert und betrogen wird, dann kann man nur vor ein reales Gericht ziehen, was aber Quatsch ist. Die betreffende Person ist vielleicht auf einem anderen Kontinent. Außerdem muss man dem Gericht erst erklären, was Linden Dollar sind. Irgendwann wird natürlich doch jemand klagen, wenn der Streitwert hoch genug ist.

Debug: Bist du selbst schon mal betrogen geworden?

Anshe Chung: Ja, um Geld, Land und Geschäftswerte. Die Methoden erzähle ich jetzt aber nicht, sonst wird es noch nachgeahmt.

Debug: Hattest du je Probleme, Geld von deinen Kunden einzutreiben?

Anshe Chung: Das ist nicht das größte Problem. Viel gefährlicher ist, dass sich Preise und Features von einen Tag auf den anderen ändern können, wenn die Betreiberfirma das so entscheidet. Im realen Leben können Gesetze sich natürlich auch ändern, aber in SL ist alles viel schneller und radikaler. Das Land ist keine Demokratie, sondern wird von Linden Labs regiert. Das macht es riskanter.

Debug: Auf deiner Inselgruppe Dreamland hast du Regeln aufgestellt, die man einhalten muss, wenn man dort leben möchte.

Anshe Chung: Manche Gebiete haben bestimmte Stile und Bauvorschriften, andere sind für bestimmte Kulturen oder Lebensstile reserviert. In Dreamland Deutschland muss man beispielsweise Deutsch sprechen können. In Wohngebieten darf man keine Geschäfte eröffnen, andere Viertel sollen nur kommerziell genutzt werden.

Debug: Was machst du, wenn jemand die Regeln verletzt?

Anshe Chung: Ich kann ihn rauswerfen und ihm auch Land wegnehmen. So wie eine Regierung in einem Staat.

Debug: Das geht einfach so? Immerhin unterstehst du als Einwohnerin von SL auch der Regierung von Linden Labs.

Anshe Chung: Meine Rolle ist ähnlich der des Verwalters einer Sonderwirtschaftszone in China: Ich habe ein wenig Freiheit – aber nur geduldet durch die zentrale Regierung.

Debug: Phillip Rosedale, der Gründer von Linden Labs, hat dich mal als die Regierung von Dreamland bezeichnet.

Anshe Chung: Da hat er recht. Allerdings ist auch eine mächtige Führerin ohne Macht, wenn Gott seinen Blitz und Donner schickt. Hihi. Ich habe zwar Macht, aber technische Macht und tatsächliche Macht ist nicht das Gleiche. Obwohl ich technisch die Kontrolle über das Land in Dreamland habe, bin ich abhängig von den Bewohnern. Eigentlich stimmen sie jeden Tag neu ab, ob ich meine Arbeit gut mache – indem sie bleiben oder wegziehen. Anders als im echten Leben sind die Menschen hier sehr mobil.

Debug: Du bist im realen Leben ausgebildete Lehrerin.

Anshe Chung: Das hat mit Anshe nichts zu tun. Du musst verstehen, dass Anshe Chung nicht die Fortsetzung von Ailin Gräf ist, sondern eine neue Rolle. Ich habe bewusst eine Persönlichkeit geschaffen, die anders ist als ich im echten Leben. Anshe tut auch Dinge, die ich im realen Leben nicht tun würde. Sie ist frech und unkonventionell, sie traut sich viel und tut, was ihr Spaß macht. Ailin ist brav und harmoniebedürftiger.

Debug: Hätte Ailin dieses Unternehmen aufbauen können?

Anshe Chung: Nein, das konnte nur Anshe. Ailin ist zu nett und will es immer jedem recht machen. Anshe ist fair, aber durchsetzungsfähig, sie kann führen und hat auch keine Angst vor direkter Konfrontation.

Debug: Ist Second Life schöner als das echte Leben? Hier kann jeder so aussehen, wie er es möchte. Die Männer haben große Muskeln, die Frauen sind schlank und schön.

Anshe Chung: SL ist anders und für manche auch schöner. Man kann hier ewig jung sein. Ich habe Freunde, die sind im echten Leben behindert oder alt und haben hier Freude, Liebe und Sex.

Debug: Aber in einem anderen Land kann man nicht automatisch zu einem anderen Menschen werden. Auch keine Flügel oder Tierköpfe wachsen lassen. In virtuellen Realitäten schon.

Anshe Chung: Das ist richtig. Allerdings ist zum Beispiel Michael Jackson auch in der realen Welt sehr weit damit gegangen, sich zu verwandeln. Das Gleiche gilt für andere Stars wie Madonna. In Second Life geht es natürlich schneller, ist billiger und tut auch nicht weh. Außerdem kann man alles wieder rückgängig machen.

Debug: Du scheinst von dem ganzen Rummel um deine Person nicht begeistert zu sein. Wie ist es für dich, dass Anshe Chung jetzt auf dem Cover der Business Week abgebildet wurde?

Anshe Chung: Den Rummel um Anshe finde ich lustig, nur um meine reale Person hätte ich gerne weniger Rummel. Es war nie geplant, dass jemand erfährt, wer ich im echten Leben bin. Dass es an einem bestimmten Punkt notwendig war, meine Anonymität aufzugeben, hat viel kaputt gemacht. Viele Dinge kann ich in SL nicht mehr tun, weil die Leute meine reale und meine virtuelle Identität verwechseln.
http://www.anshechung.com

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. eggs

    Finde es sehr interessant was sie erschaffen hat, bin selbst seit n paar Tage auf SL aktiv und lerne jeden Tag mehr dazu. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, aber wie Chung erwähnt hat man muss klein anfangen und genug Linden sammeln 😉 dann kauf ich mir vielleicht Land von ihr! wer weiß