Heil Los Angeles entkommen, uff, jetzt kommt die Nachbearbeitung als musikalischer Diavortrag. Auf "Out of the Woods" stellt der Schweizer Seelenluftikus Beat Solér mit unterschiedlichsten Gästen vergnüglich das Kaleidoskop seiner Eindrücke vor.
Text: Anett Frank aus De:Bug 61

Elektronika

Wie man in den Wald hinein ruft…
Seelenluft & the Silvercity-Bob Orchestra

“Out of the Woods”, das neue Album von Beat Solér aka Seelenluft, ist ein gepatchworktes Potpourri aus persönlichen Reiseerinnerungen im musikalischen Diavortrag-Format. Nette Idee das. Mit der Abreise aus dem Palmengarten der Stadt der Engel beginnt die Entwirrung der dort gesammelten, chaotischen Eindrücke. Immer wieder tauchen persönliche Sound-Sampel-Schnipsel aus den Straßen und Geschehnissen L.A.s auf und man wird trotzdem genötigt, diese mit seinen klischeesierten Vorurteilen zu verbinden.

Das ganze Spektrum musikalischer Eindrücke auf “Out of the Woods” rührt wohl auch nicht weniger von den Inspirationen, die sich dem reisenden Kurzzeitgedächtnis eingebrannt haben. Ein paar Monate Los Angeles inmitten von Wahnsinn und Spannung, saftigem Naturpark und chaotischem Menschengewusel haben sich zu Beat Solérs Instrumenten-Arsenal seines Sampler-Rom-Players in Laptopia gesellt. “L.A. Woman”, gesungen von Karaoke-Bar-Star und Elvis-Imitator Elbautz, ist eines der Stücke, die den Soulcharakter des Albums nur noch verstärken. Seit dieser Vocal-Performance ist er in das “Silvercity-Bob-Orchestra” auf Klein-Records eingegliedert. Die Mannigfaltigkeit nimmt durch den zwölfjährigen Mikemaster Michael Smith eine Gestalt mehr an. Michael kommt aus einem Viertel L.A.s, in dem Bandenkriege zum alltäglichen Geschäft gehören und sich die Attitude auf der Straße im Hip Hop- oder Gangstaz-Style äußert. Das Southcentral-L.A.-Kid schmottert hier seine Vocal-Parts im Kelis-Stil aufs Vinyl. Unbedingt zu empfehlen ist daneben das Highlight “Aircondition” von Lara Stuart gesungen. Sie singt zum Rückzug, denn Indie gibt in diesem Song Ruhe und Nachdenklichkeit.

Da schweift der Blick zunächst unablenkbar über die lange Liste der Nebenprojekte. So leiht Beat Solér seine musikalischen Ideenfluten ganz gerne mal einer Synchronschwimmperformance namens “Acapulco11” oder bastelt Ton und Soundtrack zu Filmen wie “Der beidseitig angeschlossene Polygonzug”, “Goldmarie” oder eben mal für den Escolette-Trickfilm-Werbespot. Neben diesen Freizeitaktivitäten bleibt immer noch genug Zeit, sich mit diversen Remix-Projekten, Tanztheater-Vertonungen und Performance-Art-Koalitionen zu beschäftigen. Bleibt die Frage: Wie macht der Mann das bloß?

Nicht zu kurz kommen neben allen Kooperationen auch die eigenen Verortungsversuche wie vor gut zwei Jahren die Veröffentlichung “The Rise and Fall of Silvercity-Bob”. Da ist er noch mit seiner Trompete im kuschlig-weißen Hasenkostüm auf Schweizer Großstadt-Dächern zu entspannend-leichter Musik herumgehüpft. Zu Percussion, Trompete und allerlei orchestralem Damdidam gesellt sich immer wieder gern ein französisches Wortsample oder elegische Strings. Aber auch in Ambrosia getränkte Verheißungen und Easy Going–Refrains wie: “Such a man is liked and appreciated by women.”
Im verspielten elektronischen Rhythmus geben sich nun auf der neuen Platte “Out of the Woods” Piano-Sounds und Drums immer wieder resynthetisierten, perkussiven Akustik-Instrumenten hin. Tänzelnd wiegt sich diese Platte in Hingabe, Sehnsucht und Erinnerung. Durchwoben vom Blues der Saxophoneinlagen und von melancholischer, naiv-charmanter Spoken-Word-Begleitung lässt man sich so dahintreiben. Was danach kommt, ist dann auch erst mal egal, das Album macht es leicht, nicht ernsthaft nachzudenken, was für zwischendurch gut und gerne zu begrüßen ist.

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Elektronische Lebensaspekte.