Domu und Seiji sind zwei der wagemutigsten Beatexperimentatoren mit Soul- und Drum and Bass-Bindung, die in West London perfekte Liebeslieder auf die scharfe Kante stellen.
Text: Andy Greenman aus De:Bug 54

The Year West London broke
Domu, Seiji

London galt immer als musikalischer Schmelztiegel. Vielseitigkeit, eine generelle und die speziell musikalische Offenheit hält die Stadt in ständiger Bewegung. Sobald sich eine neue Musik herauskristallisiert, ist ein neues Sub-Genre geboren. Genres sind im ständigen Fluss in London. DJs, Piratenradios und Clubber haben eine sehr niedrige Toleranzschwelle und brauchen ständig Neues.

Nach einer eher ruhigen Zeit steht London jetzt wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dieses Mal geht es um ‘Broken Beats’ – ein Hybrid, das um Oldschooler wie Phil Aher, Ian O Brien, Mark und Dego von 4Hero / Reinforced, IG Culture (New Sector Movements/Mainsqueeze) und Bugz in the Attic (Bitasweet) kreist. Sie sind das Interface zwischen der Rave / Drum and Bass / House Szene der frühen 90er Jahre und einer neuen Gruppe von Künstlern. Aber entwickelt sich da wirklich etwas Neues? Zwei Neulinge, Paul Dolby aka Seiji / Opaque und Dominic Stanton aka Domu sollen uns diese Frage beantworten.

Domu
Domu, den man schon von seinen Drum and Bass Veröffentlichungen auf Reinforced als Sonar Circle kennt, hat auf Degos Label 2000Black und auf Archive veröffentlicht und soeben sein neues Album “Up And Down” vorgelegt. Mit gebrochenen Elementen. Aber Up And Down ist mehr ein persönliches Statement seines eigenen Stils, ein Versuch, der DJ-dominierten Welt des puristischen Drum and Bass zu entkommen. “‘Up And Down’ is about being open-minded”.

Das Album pendelt von Beat-orientierten Tracks über mutierte Rhodes Motive über Nu Jazz direkt zu perfekten Liebesliedern (“Sail away with me” zum Beispiel ist ein Duett mit Valerie Etienne von Galliano). Dicht und dennoch leicht im Sound beschreibt Domu selbst sein Album als eine Mischung aus “rhythmischer Komplexität, die immer den Groove im Kopf hat, merkwürdigen Samples als Gegenüber und manischen Verknüpfungen und Synergien zwischen diversen Genres und Stilen. Was ich will, ist die Reinheit des Klanges und der Emotionen, genau wie bei den Oldschool Produzenten.”

Domu selbst sieht sich nicht als Teil irgendeiner Szene. Anstelle dessen beschreibt er sein neues Album einfach als Tanzmusik. “Die Sache mit den Broken Beats heißt doch nichts anderes, als dass Produzenten sich die besten Zutaten verschiedener Stile zusammensuchen. Diese Musik ist nicht restriktiv, es geht darum, Genres miteinander zu verschmelzen.”

Domus Inspirationen legen seine Verbindungen zu den anderen neuen Produzenten offen. HipHop als sein wichtigster Einfluss steht brav neben Beatless (neu auf Ubiquity), Jazzanova, D’Angelo und oldschooligen Soul-Musikern. Und wenn man ausgeht, treffen sich alle auf den Co-Op Parties, die von Dego und IG Culture veranstaltet werden und wo Domu zum Beispiel Ian O’ Brien kennengelernt hat, der auch auf Up And Down zu hören ist.

Gibt es eine Broken Beats Szene? “Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, die Majors hängen sich da nur wieder an eine kleine Gruppe von Produzenten ran. Broken Beats, Nu Jazz…egal wie du es nennst, es wird nicht explodieren. Es geht darum, Grenzen niederzureißen und neue Sounds zu entwickeln.” Domu vertraut auf seine Crew.

Seiji
Am anderen Ende der Stadt arbeitet Drum and Bass Produzent Paul ‘Seiji’ Dolby ebenfalls an der Verquirlung von Genres. Seiji veröffentlicht auch auf 2000Black, Reinforced und hat als Opaque gerade P-Taah und Beatless geremixt. Auch er macht lieber sein eigenes Ding, als sich irgendeiner Szene zugehörig zu fühlen. Die Inspiration kommt bei Seiji eher aus der Klassik und seiner Jugend, die er vor allem mit seinem Cello verbracht hat.
Erst der frühe UK Hardcore brachte ihn mit elektronischer Musik in Kontakt, und als er dann amerikanischen House von Blaze und MAW zu hören bekam, war es passiert. “Garage war neu, exotisch, voller Soul und super fett.” Diese Obsession mit House lässt sich bis zu seinem neuesten Album verfolgen. “Do What You Wanna”, das er als Homecookin auf Sole Music veröffentlicht hat, verbindet das Latinogefühl von MAWs (‘Familiar Flava’), Filterdisco (‘Bringsome’) und Vocal House (‘Stay Away’). Alles geht. Auch Seiji ist kein Purist.

“Es langweilt mich einfach, auszugehen und den ganzen Abend über nur eine Musik zu hören. Solche Abende erfüllen ihren Zweck, aber es passiert nichts. Ich mag DJs, die alles miteinander verweben.” Seiji erklärt, er habe viel von Freunden wie Bugz gelernt, die mit der Prämisse ‘anything goes’ verdammt weit gekommen sind. Hits sind unwichtig. Und die Broken Beats?

“Ich weiß nicht recht, was das eigentlich sein soll. Es gibt da diese Gruppe von Produzenten, die im Moment eine ähnliche Idee von dem haben, was sie machen wollen. Wir sind wie eine Familie mit dem gemeinsamen Wunsch zu experimentieren.”

Ob Broken Beats nun ein neues Genre ist oder nicht, muss sich erst noch zeigen. Aus der Ferne sieht es zunächst nur wie eine vage Referenz aus. Näher betrachtet sind die Broken Beats das Ergebnis eines langen Prozesses, in dem Funk und Soul mit neuen Produktionstechniken konfrontiert werden. Immer auf der Suche nach dem nächsten Level, einem neuen Groove. Seiji und Domu sind Teil dieser Entwicklung und zollen der Vergangenheit Respekt. So einfach ist das.

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Elektronische Lebensaspekte.