Überstunden am Ich: Die Coverstory aus der letzten Ausgabe
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 176

Selbstverbesserer

Sie überwachen sich, tracken all ihre Regungen und rennen Tag und Nacht einem perfekteren Ich hinterher. Die Selbstverbesserer sind wie wir, aber sie wollen erfolgreicher, sinnvoller und maximaler sein. Wir sind den Spuren der exzessivsten Selbstvermesser gefolgt.

Früher waren wir Gammler. Wir lagen gemeinsam in Ecken, stopften große Mengen Gras in eine Glasbong und taten nichts, als in stiller Askese über Verschiedenes nachzudenken. Alles, was mit Leistungssteigerung oder auch nur Mitmachen zu tun hatte, lehnten wir ab. Es war verdächtig, in der Schule seine Hand zu heben und etwas beizutragen. Es war verdächtig, einen Job in Aussicht, interessante Hobbys, vermittelbare Interessen oder ein Ziel vor Augen zu haben. Sport ging gar nicht. Das Internet wurde damals erst erfunden. Wir waren Figuren, die auf dem Weg ins 21. Jahrhundert verloren gegangen sind.

Im letzen Jahr fragte der ehemalige Astrophysiker und heutige Informatiker Larry Smarr in dem Magazin The Atlantic: “Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie informationsreich ihr Stuhl ist?” Der vergnügte Smarr löste die rhetorische Frage direkt auf und spricht von einer Datenkapazität von 100.000 Terabyte pro Gramm menschlicher Kacke. “Das sind mehr Informationen, als etwa im Chip eines Smartphones oder PCs. Ihr Kot ist also viel interessanter als ein Computer.” Larry Smarr hat nichts zu verbergen. Er ist Hypochonder und hatte die Idee, dass er die Daten in seinem Körper nur auf Unregelmäßigkeiten untersuchen, und bei einer Ausschreitung zum Arzt gehen müsse. Er hatte recht – und fand bei sich eine Krankheit, bevor sie ein Arzt je hätte diagnostizieren können. Larry Smarr ist ein moderner Mensch. Und das bedeutet: Er will ein besserer Mensch sein, und ein noch viel besserer werden. Larry Smarr ist nicht allein. Er ist Teil einer Bewegung, die sich Selbstverbesserer nennen: aktive, motivierte Männer und Frauen; sie lachen mit einem Strahlen. Sie beobachten und analysieren pausenlos ihre Körper, ihre Frequenzen und Stimmungen, Ernährung und Verbrauchergewohnheiten – so viele Routinen wie möglich, alle eigenen Zuckungen.

Florian Schumacher, Schirmherr von “Quantified Self – Self Knowledge Through Numbers” in Deutschland, weiß: “Auch Alltägliches wie Emailverkehr, die Telefonnutzung oder die Häufigkeit von Meetings rücken in den Fokus der Analyse. In Verbindung mit Gamification hat es den Anspruch Verhaltensänderungen und eine bessere Lebensweise voranzutreiben.” Man merkt immer auch: Es geht darum, sich sauber zu halten. Sein Blut, seine Zellen, seine Biographie, sein Leben. Smartphone-Apps, Statistik-Softwaredienste wie Daytum, unzähliger Fitnessprodukte wie Fitbit, Runkeeper oder Nike+Active (plus “power songs“, wenn du mal schlapp machst), vernetzte Vitalitätssensoren in Waagen, Blutdruckmessgeräten oder Schrittzählern scheinen in den letzten zwei Jahren ein Sprung gemacht zu haben. Runtastic gab gerade die Marke von 25 Millionen mobilen Nutzern bekannt. Die Google-Brille kommt, Apples Uhr wird toll. Fast lebendige Armbänder wecken diese Menschen, wann es gut für sie ist. Selbstvermesser essen mit intelligenten Gabeln, die beobachten, wie schnell sie essen, putzen ihre Zähne danach mit intelligenten Bürsten, die sich merken, wie oft sie ihre Zähne putzen, schlüpfen in schlaue Schuhe, die signalisieren, wann sie zum Schuster müssen und bezahlen aus Portemonnaies, die das Geldfach bei rotem Kontostand automatisch verengen. Und wenn es nachmittags regnet, erzählt ihnen der Regenschirm schon am Morgen davon und bittet darum, ihn doch besser mitzunehmen.

Selbstverbesserer

Dieser Guy, das bin nicht ich

2007 wurde die Website quantifiedself.com von den amerikanischen Wired-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly ins Leben gerufen. Am 10. Oktober findet in San Francisco wieder die jährliche “Quantified Self. Global Concerence” statt. Dort treffen sich die eifrigsten Selbstvermesser, um die Studien am eigenen Ich in kurzen Präsentationen vorzustellen. Es ist die TED-Konferenz der Superselfies, der exzessivsten Einbildvonsichmacher. Bill Schuller wird da sein. Er ist Selbstoptimierer, seine Frau auch, und sein Sohn Luca, fünf Jahre alt, ist es auch. Luca quantified seit er zweieinhalb Jahre alt ist. Schullers Tochter ist zwei, und dabei seit sie eins ist. Bei den Schullers zuhause werden die Windeln getrackt. Sehr hilfreich, sagt Schuller. Und die Kinder – die wollen das halt, sie benutzen jeden Tag mit viel Freude die Wif-Scale. Die Waage sage nicht nur wie schwer du bist, sondern wer du bist. Schuller hat dann ein Spiel entwickelt, die Kinder lieben das. Auch harmlose Abnehmer wie Matthew Ames werden dabei sein, der durch intensives Self-Tracking beträchtlich an Gewicht verlor. Während seiner Präsentation spricht er immer über diesen guy, den man dort auf dem Foto sehe, der aber ja zum Glück schon lange nicht mehr existiere. Er meint damit sich selbst, in dick. Das wichtigste sei, dass man, bevor man morgens mit irgendjemandem, auch mit seiner Frau spreche, auf die Waage springt. Er erwähnt das sehr oft. Anfang nächsten Jahres erwartet seine Frau ein Kind. Ames spricht darüber, als wäre es das Ergebnis des Self-Trackings, als wäre es das alles wert gewesen. Die amerikanischen Männer, die auf diesen Konferenzen sprechen, machen zumeist einen etwas zu glücklichen und dadurch verrückten Eindruck. Selbstoptimierer sind ständig ungenügende Versionen ihrer selbst, sie leben im immer währenden Bewusstsein, schlauer zu werden, gesünder und dadurch länger zu leben und vor allem: Stets das absolute Maximum herauszuholen. Es gibt Leute, die das alles für keine gute Idee halten. Evgeny Morozov ist so einer. Dieser Tage erscheint sein jüngstes Buch in deutscher Übersetzung: “Smarte neue Welt -Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“. Der 1984 in Weißrussland geborene, inzwischen in Amerika lebende Publizist sagt, er wohne in einem Land, das Angst hat, zuzugeben: “Mein Name ist Amerika, ich bin ein Dataholic.” Er sagt, die NSA brauche keine Überwachungskamera mehr, denn sie wisse bald alles von der Zahnbürste.

In der FAZ erklärte er kürzlich:
Bei dem Startup Miinome kann man sogar Geld verdienen, indem man seinen genetischen Code online veröffentlicht. Jedes Mal, wenn ein drittes Unternehmen diese Informationen nutzt (etwa zu Werbezwecken oder für einen Big-Data-Versuch), wird Ihnen ein kleiner Betrag überwiesen.” Morozov warnt: Sensoren und umfassende Konnektivität schaffen neue, flexible Datenmärkte, auf denen Selbstüberwachung zu Geld gemacht werden kann. Die Selbstverbesserer werden aktuell allerorten zu Spinnern erklärt – die perfide Avantgarde einer Gesellschaft, die verrückterweise freiwillig dazu beiträgt, auf Grundlage neuer Technik eine entfesselte kommerzialisierte Kontrollgesellschaft entstehen zu lassen – nebenbei füttern sie die Werbeindustrie, Versicherungen und Kreditinstitute mit Material, das danach gegen sie verwendet wird. Die Jungle World erinnert jüngst an die religiösen Bezüge der Bewegung: “Eifrige Selbstquantifizierer beichten wie die Frühchristen vor der Gemeinde, allerdings täglich und ohne Aussicht auf Absolution.” Nachdem alle Ideologien ausgedient hätten, so stand es in der “Zeit“, bleibe dem freien Menschen bloß mehr die eine große Metaidee: Mach das Beste aus dem eigenen Leben.Dieses neoliberale Selbst – das nun auch sein eigener Doktor sein soll – findet wohl in der Figur des Francis J. Underwood in “House of Cards” aktuell seine stylistischste Gestalt. Gerade, wenn er nach dem 20-Stunden-Job im Keller auf dem hölzernen, archaisch anmutenden Trimmer seinen alternden Körper trainiert. Allein, hat dieser von Kevin Spacey so genial gespielte “Frank” auch genug Spaß? Die Selbstverbesserer jagen einer alten Idee hinterher. Selbstoptimierung als Vervollkommnung war bereits in der antiken Philosophie präsent und entwickelte sich in der Aufklärung zu einem Leitgedanken. Auch Goethe hatte einen harten Zwang zum täglichen Protokoll. Heute allerdings, gibt der Soziologe Zygmunt Baumann zu bedenken, ergäbe sich eine Gefahr, wenn der Mensch nicht mehr nur die Aufgabe habe, eine Ware zu werden, sondern sich selbst zu einer zu machen. Gesichert scheint: den Körper, als Rohmaterial begriffen, selbst zu durchleuchten und durch die folgende Optimierung einen effektiveren Mehrwert aus dem menschlichen Organismen zu ziehen, nur um sich im Do-it-yourself-Kapitalismus besser zu verkaufen – das ist relativ neu. Die entgrenzte Arbeit, die Kolonialisierung des Körpers. Womöglich bezeichnet das den zeitgenössischen Pakt mit dem eigenen Teufel.

Selbstverbesserer

Klappt nicht

Doch scheint das Geschrei der aufgescheuchten Moralapostel nicht etwas laut, angesichts ein paar topmotivierter Freizeitirrer mit Digitalband um den Kopf? Sollen sie doch ihre Liegestütze machen. Wenn sie sich dabei, die Nasenspitze zum Zählen stets auf das in Kopfhöhe am Boden liegende iPhone stubsend, von diesem noch anschreien lassen, bitte sehr. Wenn einen aber das Gefühl ereilt, dass mittlerweile alle verrückt geworden sind, dann hilft Nik Kosmas. Seit 2006 wohnt der Amerikaner in Berlin, er war Teil des just aufgelösten Künstler-Duos Aids-3D, die sich mit Fragestellungen am Kreuzungspunkt von Technologie, Ökologie, Ökonomie und sozialem Aktivismus beschäftigten und zu den prägenden Figuren einer Bewegung gehören, die Netzkunst in etwas verwandelt haben, das mit dem umstrittenen Namen “Post-Internet” nur schwer zu fassen ist. Sie drückten einer Alien-Statue einen USB-Stick mit seinen eigenen Daten in die Hand, bauten Wandobjekte aus Solarpanelen oder bastelten einen “OMG-Obelisk“, der es schon in eine Ausstellung im New Yorker New Museum geschafft hat. Nik Kosmas trägt heute einen schwarzen, selbst-designten Sweater mit ganz vielen, sehr großen weißen Logos darauf, unter anderem vieler Müslisorten. Von Kunst möchte er aktuell nicht sprechen, Kosmas hat gerade seinen Fitnesstrainer-Schein gemacht.

Während die Aussagen der Selbstverbesserer sich wie von selbst in diesen Text weben – aufgrund ihrer Programmiertheit und passgenau ausgefeilten Keynotes in Netzvideos erstarb jegliche Motivation ein persönliches Gespräch zu führen im aschefarbenen Nichts – führt das Gespräch mit Kosmas in ungeahnte Weiten, mäandert ziellos und macht Spaß. Denn seine Wörter leben. Kosmas hat mit diesen Menschen gesprochen, er hat ihre Erfindungen ausprobiert, und war auf den dazugehörigen Sportmessen. Er sagt: “Ich versuche, ein ganzheitliches Leben zu führen, den Vorgängen in meinem Körper gewahr zu werden, vom Hirn, durch die Wirbelsäule, in meine Eingeweide. Es kann nicht unnatürlich sein, mehr über diese Vorgänge zu erfahren, schließlich sind sie ein Produkt meines Lebens.” Aber er sagt auch: “Es gibt viel aufregende Hardware für Selbst-Quantisierer, aber die Software, die Analyse, das Sinn-Schöpfen aus den Daten ist immer noch weit hinten dran. Für einen User, der selbstbewusst relativ subjektive Interpretationen der Daten unternimmt, gibt es nicht viel Spielraum. Niemand wird verhaltensverändernde oder lebensverändernde Entscheidungen anhand von kleinen Graphen treffen.” Kosmas glaubt, so lange es die Apparate nicht schaffen, dem Menschen ehrliche, natürliche Anweisungen zu geben, wird es nicht funktionieren. Man wird sich nicht verändern, man wird nicht besser. Trotzdem arbeitet er selbst seit einem Jahr an einer Fitness-App für Intervall-Training:

Ein Routine-Planner, der neue Workout-Pläne für jede Trainings-Session erstellt. Eine Umfrage nach jedem Workout erlaubt den Usern, entweder das Workout oder jede einzelne Übung zu beurteilen. Anhand dieses Feedbacks verändert die App zukünftige Workouts. Für mich ist an diesen Daten-Tools interessant, dass sie ganz einfach Werkzeuge sind, mit denen das kollektive Wissen für bessere Trainingspläne angezapft werden kann.” Auf die Frage nach seinen eigenen Selbstoptimierungstools, antwortet er: “Schwierige Frage. Ich benutze aktuell eine Nike Sport-Watch, um während des Trainings meine Herzfrequenz zu messen. Ich lerne Schach und gehe zum Psychotherapeuten. Man kann Selbstverbesserung nicht so einfach herunterbrechen, ich kenne viele glückliche Dicke. Ich strebe danach, von meinen Fehlern zu lernen, ein guter Freund zu sein und mich konstant weiterzubilden – nicht nur mit oberflächlichem Wissen, sondern tatsächlich meine Expertise zu vertiefen.”

Selbstverbesserer

Sorge um sich

Auf dem Weg zurück in die Klause denke ich an Gary Wolf, den Gründer von Quantified Self, und den Narcissistic Personality Index (NPI), der sich in einigen Apps aus subjektiven Eigenangaben ergibt – man überlegt sich anhand eines mood trackings, wie es gerade so läuft. Man drückt einen Smiley, vielleicht nur, um nach dem Lauf gut in den Tag zu kommen. Wolf bezeichnet das Erfassen von Daten über sich selbst als Spiegel, in dem man sich erkennt. Mir schwant: Was uns schlaffe Kiffer damals interessierte, war im Initiativmoment nichts anderes: Selbstreflexion. Wir nahmen bewusstseinserweiterte Drogen auf, um durch diesen Reiz noch tiefer in uns einzutauchen und sich intensiver mit uns selbst auseinanderzusetzen. Wir hatten damals Foucault im Kopf, aber nicht seine Schriften zum Panoptikum, auch nicht die zum unternehmerischen Selbst, sondern den kleinen Text “Sorge um sich”. Darin beschreibt der französische Denker die allgemeine Bedeutung der “Selbstsorge” in der Ethik der griechisch-römischen Antike, die er als zentrales Motiv der antiken Freiheitspraktiken erkennt. Die Selbsterkenntnis war kein Selbstzweck, sondern sollte das Erlernen von Techniken des Selbst ermöglichen und so dem Einzelnen erlauben, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer, eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen. Mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt.

Natürlich verstanden wir nichts davon. Wir lagen da, dem narzisstischen Rausch des THC erlegen, und versuchten, Foucaults genialen Gedanken mit grobem Besteck in unsere vernebelten Hirne zu löffeln. Wenn wir nur besser werden, dann wird es auch die Welt. Nur wer sich um sich selbst sorgt, kann auch den anderen darin einschließen. Wir schauten in unsere Patmos-Kinderbibel und lasen sogar dort eben nicht “Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst“, sondern “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Und am Ende dachten wir dann eigentlich immer: Ist doch eh scheißegal, im Grunde geht es doch nur um Happiness, darum, in Ruhe seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Und genau in diesem einen Moment hätten uns die Selbstverbesserer verloren. Dann nämlich, als Matt Killingsworth seine App “Track Your Happiness” vorstellte. Mit dieser erfasst er in Echtzeit die Gefühle der Nutzer und präsentiert ein überraschendes Ergebnis: Wir sind am glücklichsten, wenn wir uns ganz auf das Jetzt konzentrieren. Tagträumen dagegen macht furchtbar unglücklich. 650.000 Echtzeit-Meldungen von mehr als 15.000 Menschen hat er analysiert, danach meint er zu wissen:

Unglücklicher sind die Menschen, wenn sie gedanklich abschweifen. Fokussiert sein auf seine Arbeit: macht zufrieden. Selbst wenn man an etwas Schönes denkt, sich an einen besseren Ort tagträumt, ist man unglücklicher als wenn man sich konzentriert. Diese Aussicht, dass Mind-Wandering Unsinn ist, hätte uns verwirrt. Sie wäre trotz der Idee der Selbsterkenntnis, der Selbstfindung mit Hohn bestraft worden. Diesen Killingsworth, wir hätten ihn, auch aus Angst, ausgelacht. Doch Killingsworth kann das egal sein, denn dieFiguren, die wir waren, gibt es bereits nicht mehr.

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