Was heute unter 'Minimal' läuft ist doch moderner Schranz
Text: Anton Waldt aus De:Bug 117

So ein Sender ist eine beständige Sache: Das Berliner Label sorgt für einen stetigen, weder besonders überbordenden, noch zu mageren Strom Tanzmusik, die sich konstant aber bar jeder Hektik weiterentwickelt. Nach rund 80 Veröffentlichungen zieht Sender-Impressario Benno Blome mit “Antenna To Antenna I” zum dritten Mal ein Compilation-Fazit, und schält damit seinen intuitiven Masteplan weiter in Kontur: Bei Sender geht es um Gefühle auf Bassline-Basis, um Emotionsbögen, die haften bleiben, und um knapp unesoterische Romantik.

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Blome steuert sein Sendervehikel dabei wie ein umsichtiger Tankerkapitän, der die Stürme und Untiefen, die das Label umtosen, fest im Blick hat, aber sich von diesen keinesfalls zu ungestümer Navigation hinreißen lässt. Und der Orkan, durch den Blome seit der letzten Sender-Compilation “Receiving Data … Ah, it’s coming!” aus dem Jahr 2004 kreuzt, wird “Minimal” genannt: “Es hat ja 2004, 2005 diesen Wechsel im Techno gegeben, etwas, das man wieder ‘Minimal’ nannte, stand plötzlich erneut im Vordergrund,” erklärt Blome: “Zwar hatte sich der Knarz auch für mich etwas überreizt, aber dass dann Leute ankamen und sagten: ‘Warum macht ihr jetzt denn Minimal?’ ist nicht nachvollziehbar. Sender war ja immer schon Minimal-Techno, wenn man denn Wert auf diese Zuschreibung legt. Aber das, was inzwischen unter ‘Minimal’ läuft ist doch – gemein gesagt – moderner Schranz.”

Kleine Technogeschichte mit Captain Blome: “Das ganze Tribal-Techno-Ding, aus dem dann Schranz wurde, basiert auf Loops. Die laufen sehr Tool-mäßig durch, weshalb man den Bass als DJ schön rein- und rausdrehen kann. Sowas ist im Club natürlich sehr effektiv, und das gleiche findet heute mit ‘Minimal’ statt.” Aber nicht auf Sender, dafür sind die Tracks von Baby Ford, Bloody Mary, Phage oder Misc und natürlich die Eigenproduktionen des Labelmachers viel zu sehr dem Spannungsbogen verhaftet.

Bei Sender sollen eben nicht nur DJ-Werkzeuge produziert, sondern im Idealfall Geschichten erzählt werden. Und die Stimmungslage dieser Geschichten ist zwar durchaus romantisch, aber Romantik als Sehnen nach einem imaginären, besseren Ort, der die gemeine Realität vergessen lässt, ist auch nicht Blomes Sache: “Romantik steht doch im Endeffekt hinter der ganzen Clubgeschichte: Der Versuch, mit Musik in einen anderen Zustand zu gelangen. Dabei ist der Club natürlich auch eine Realität, aber eine andere. Für mich ist das aber keine Flucht, sondern ein switchen von Realitäten.”

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Und im Switchen ist Blome allein durch seinen Hometurf gut geübt: Das Sender-Büro, Blomes Studio und seine Wohnung finden sich in bequemer Laufweite in der Gegend um den Berliner Kollwitzplatz, wo sich der Prenzlauerberg inzwischen anfühlt, wie eine Öko-Version von Charlottenburg. Und das bedeutet: Hier läuft man bestimmt nicht dem Partyvolk vom Wochenende über den Weg, statt dessen kann man hier ungestört am Sound feilen, der dann von Freitag bis Sonntag dem Floor in die Beine gejagt wird.

Durch das Switchen wird auch Betriebsblindheit vermieden, und der Horizont offen gehalten, etwa um aus einem Ambient-Track ein “Techno-Hörspiel” zu entwickeln. Das Ergebnis heißt “Eramina”, versammelt die Stimmen von Freunden oder Telefonzufallsbekanntschaften und wird Sender Records sein erstes Sublabel bescheren. Und natürlich wird dabei erst recht eine Geschichte erzählt, bei der es ums Reisen an andere Orte geht.
http://www.sender-records.de/

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Elektronische Lebensaspekte.