Die Tracks des Kölner Labels Sender sind stellenweise nur widerspenstig floorkompatibel, aber werden dennoch ständig und überall gespielt. Einfach weil sie so herausragen; leicht bedrohlich, aber vor allem cool über den Dingen stehend.
Text: kerstin schäfer, sascha kösch aus De:Bug 47

Sender
Zwischen Label und Logo

“Ein Sender stellt im Kommunikationssystem denjenigen Teil dar, der eine Nachricht auf irgendeine Weise umformt, um ein Signal zu erzeugen, das für die Übertragung über den Kanal geeignet ist.” (Claude E. Shannon/ W. Weaver: Mathematische Grundlagen der Informationstheorie,1949/1964)

Berlin, Fernsehturm. Es mag keinen passenderen Ort als diesen geben, um mit Benno Blome, Labelbetreiber von Sender, den Zusammenhang zwischen Techno und Informationstheorie zu ergründen. Nach sieben Veröffentlichungen, die sich zwischen der forcierten Übung im Minimalismus und Techno als Nischenprogramm im öffentlichen Rahmen bewegen, wurde es Zeit, Sender mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Zuerst mal die Symbolik betrachten, denn diese ist bei Sender eindeutig. Der Fernsehturm fungiert als greifbare Analogie, um das zu verdeutlichen, was Sender so speziell macht. Der Transport von Inhalten; Musik muss immer gesendet und empfangen werden. Die Musik ist schon deswegen minimal, um die Inhalte möglichst unverfremdet transportieren und wiedergeben zu können. Die Informationen meinen Techno auf der Basis von reduzierter Klangfülle, geradlinige Basslines streben mit selbstgeschaffenen Soundquellen über den Äther.

Sender hat vor ein paar Jahren in Köln begonnen, als Benno Blome nach Releases auf Time zusammen mit Konkord/Konfekt die erste Platte seiner Freundin Kim Lakizz, die Schwebestaub EP, rausbrachte. Wie immer, wenn in Köln etwas Neues geschieht, waren alle überrascht von der dunklen, schweren Intensität dieser unerwarteten Wendung im Stadtbild des Minimalismus. Sender galt als Geheimtip. Es folgte ein Reissue einer Lieblingsplatte von Pulsinger und Tunakan aka Sluts & Strings & 909, ihr House- und Sommerhit “Summerbreeze”, und schon standen dem Label alle Türen bei den Liebhabern heimlicher Kultstätten offen. Mit zwei Releases von WeltZwei, dem Projekt von B. Blome und Konkord, sowie einem dieser schrägen Hits von T.Raumschmiere begann das Label sich sowohl in ihrem Lieblingsthema zwischen Senden und Empfangen auszudehnen, als auch immer mehr einer Internationalisierung und Profilierung der eigenen Ideen zuzustreben. Minimalismus in digitaler Schichtung mit neuen frischen Sounds, wenig formalisiert, aber immer an der Grenze zu Neuem, zu einer krispen Darkness, die auch ohne stilistischen Deckmantel auskommt. Stellenweise widerspenstig, was die Floorkompatibilität angeht, sind Sender Tracks aber dennoch ständig überall gespielt worden, einfach weil sie so herausragen; leicht bedrohlich, aber vor allem cool über den Dingen stehend. Vor knapp einem halben Jahr zog das Label dann nach Berlin, um ein neues Umfeld zu testen und sich zu verändern. Nun beginnt Sender zusammen mit einem der kanadischen Geheimtips (Jake Fairley, der nicht nur auf seinem eigenen Label Dumb Unit, sondern auch auf Traum mit überragend deepen und klaren Technotracks überrascht hat und von jedem A&R elektronischer Musik als Lieblingsaquisition trotz fallender Börsenkure gehandelt wird) und einer Doppel 12″ mit Loops auszuloten, was es in diesen Zirkeln rings um die weltweite Fernsehturm-Verschwörung noch alles auszuformulieren gilt.

Setzt man hier an, so stellt man schnell fest, dass Sender auch beim Gebrauch von populärer Symbolik wie etwa dem TV-Turm schnell da ankommen, wo sie hinwollen. Nämlich dann doch irgendwie in einer Halböffentlichkeit. Halböffentlichkeit meint, dass Sender sowieso nicht alle Leute erreichen wollen. Das Ganze zusammengerollt kann da als Gegenkonzept zur POP!-Welle fungieren, denn Pop ist nun mal für alle da. “Das Ziel von Sender ist es aber nicht, wahnsinnig populär zu werden”, so Benno Blome. Er sieht dann auch die Zukunft von Popmusik in der immer minimaler werdenden Form. Denn: “Minimale Inhalte sind auf Dauer einfach angenehmer, weil sie auch viel direkter sind.”
Minimal as minmal can be?

Oder geht das vielleicht gar nicht, Minimal als die globale Applikation? Deutschland ist mitten drin, mitten im Minimalismus, und genau das macht “Musik aus Deutschland” zur Zeit, aber auch in absehbarer, so relevant. Aber Minimal ist eben immer nichts, wenn es nicht konfiguriert wird, wenn es nicht Einstellungen folgt, die über alles, was Minimalismus nahelegt (weniger ist mehr) hinausgehen, wenn es nicht Minimal + ist. Minimalismus ohne Maximierungsästhetik, denn Minimalismus ist das Gegenteil von Leistung, weil die Regeln der Tracks, so konsequent und redundant sie auch arrangiert werden, immer erst dann eine Spannung bekommen, wenn sie in sich selbst gebrochen werden können. Bei Sender wäre das: Digitaler Minimalismus, u.a., denn jede Platte ist, wie es in Netzwerken nun einmal passiert, ein anderes Ziel, minimale Darkness, schwergewichtig schleichende Präzisionsarbeit an Sounds, das Begreifen von Minimalismus als Interface, Schnittstelle, mit genauem Blick auf die Öffnungen und Inputs, auf Radiowellen, auf Doppelungen (WeltZwei) oder auf Dinge, die erst noch ankommen und nicht besser formuliert werden könnten als in Musik, weil sich hier Definitionen festlegen lassen, die sich nicht in Worten definieren ließen, aber dennoch dort fixiert werden, und zwischen den Worten als Agenten des Kicks funktionieren.

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Elektronische Lebensaspekte.