Menschliche Bewegungsmuster in bizarren Zeitstrukturen
Text: multipara aus De:Bug 167

Mark Fell, die eine Hälfte von SND, hat auf Sensate Focus, dem Sub-Label von Editions Mego vorerst ein Zuhause gefunden. Die Devise lautet: sphärische House-Keyboard-Sounds – hui, konventioneller 4/4-Takt – pfui! Ständiges Neuerfinden, bloß kein Mainstream, dabei aber immer schön organisch bleiben. Wir haben mit ihm über seine Produktionswege, sein Publikum und Londoner Taxifahrer gesprochen.

Es kommt eben immer anders. Am Anfang von Sensate Focus stand einfach nur Peter Rehbergs Idee, der kreativen Explosion seines Editions-Mego-Mutterschiffs auch ein Sublabel für House hinzuzufügen. Kuratieren sollte Mark Fell, bekennender Fan klassischer elektronischer Clubmusik. Nach wie vor, auch wenn seine Veröffentlichungen in letzter Zeit eher der MAX/MSP-lastigen, algorithmischen Computermusik zuzuordnen waren.
Der ihm dann doch etwas zu straight geratenen Einstiegskollaboration mit Terre Thaemlitz (stattdessen erschienen auf dessen Comatonse-Imprint) sowie Rehbergs strenger Deadline-Politik ist es zu verdanken, dass die ersten drei Releases schließlich allesamt von Mark Fell selbst produziert wurden – der damit unverhofft einen faszinierenden Neuzugriff auf den Dancefloor gestartet hat, fast fünfzehn Jahre nach seinem Debüt zusammen mit Mat Steel als SND, Sheffields Antwort auf Mike Ink, Thomas Brinkmann und Ryoji Ikeda. Seiner vertraut-eingängigen, basslinefreien Klangkomposition aus trocken-knackigen Beats, schweifenden, gleißenden Synths und Clubvocalhook-Schnipseln (explizite Soundreferenzen: Choo Ables, Mark Kinchen) stellt er nämlich immer wieder ganz ungewohnte Zeitstrukturen gegenüber, aus 17, aus 31, aus 60 Sechzehnteln, die sich noch nie so fordernd an Clubtänzer gewandt haben – ein Konzept, das auch gleich noch genug Stoff für ein Doppelalbum mit Selbst-Remixen hergab, “Sentielle Actualité Objectif”.

DE:BUG: Bist du mit den Reaktionen auf das neue Projekt zufrieden?

Mark Fell: Es fühlt sich für mich genauso an wie Ende der Neunziger, als ich mit Mat zusammen die ersten SND-12″s gemacht habe. Damals wie heute hatte ich keine Vorstellung, wie die Leute reagieren würden. Ich komme aus einem politisch gegenkulturell geprägten Umfeld und wollte nie Musik machen für Leute, die eine Menge Kohle haben und in schnellen Autos herumfahren wollen, diese Sorte macht ja einen Teil der Dance-Kultur aus. Eine etwas herablassende Haltung eigentlich, ich weiß, aber das ging mir beim Produzieren im Kopf herum: kein Mainstream. Aber auch nichts völlig Verrücktes, eher etwas, wo man sich sagt, oh, dazu könnte ich tanzen, und wenn man es dann tut, merkt man, irgendwas stimmt da nicht, und dann muss man eine andere Art zu tanzen entwickeln. Der Körper muss es verstehen lernen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die eher enttäuscht sind, weil sie die Computermusik-Sachen für anspruchsvoller halten. Clubmusik wird ja im akademischen Rahmen leider immer noch nicht ernstgenommen, gerade in England, da regiert Elektroakustik. In der Tat waren diese Platten für mich das Schwierigste, was ich an Musik gemacht habe. Mit dem Vokabular eines Genres wie House, seinen Strukturen und damit, wie Dinge kombiniert werden, kreativ umzugehen, ist viel anspruchsvoller als ein paar bizarre Patterns und wilde Sounds zu erstellen. Da passiert so viel mehr, alles hängt voneinander ab. Beim Produzieren von Clubmusik wird einem sehr bewusst, dass man eine Spannung oder einen Energiefluss kontrolliert, und das möchte ich bei Sensate Focus erkunden.

DE:BUG: In deiner Serie für das Webradio des MACBA mit Joe Gilmore über Prozess-basierte Musik sagt ihr an einer Stelle, dass letzten Endes jede Musik auch systemische Musik ist, also die Möglichkeiten eines Systems auslotet. Ich habe mich gefragt: Welches wäre das bei Sensate Focus: der Club? Der Editions-Mego-Kontext?

Mark: Für mich ist es vor allem die formale Qualität der Musik selbst, die Klangproduktion, die Patterns, wie alles zusammenspielt. Es ist wirklich schwierig, ein Pattern zu erstellen, das nicht in einer Standard-Zählzeit steht, und das eine Art menschliches Bewegungsmuster hat, das einen anspricht. Damit kann ich ganze Tage zubringen. Manchmal arbeitet man tagelang daran, bis man es super findet, und einen Tag später hört man es sich wieder an und es klingt total kaputt.

DE:BUG: Plötzlich ist der Downbeat verschwunden.

Mark: Ja, ohne die zwei Tage Reise kann man mit dem Ding am Ziel nichts anfangen. Ich arbeite ja schon so lange damit, Beats via Algorithmen in MAX/MSP erstellen zu lassen, vielleicht hat das auch die Art und Weise beeinflusst, wie ich Patterns konstruiere, wenn ich wie in diesem Projekt ausschließlich mit einer Zeitleiste arbeite. Wie bei den Londoner Taxifahrern, deren Gehirne ganz spezielle Regionen entwickeln. Ich verwende nie Keyboards zum Antriggern von Sounds. Da kommt Vorstellung ins Spiel und die ist das Problem. Vorstellung blockiert Ideen. Man muss sich von ihr frei machen, ohne sie arbeiten. Als ich klein war, sah ich mal Thomas Dolby im Fernsehen sagen, dass der perfekte Synthesizer für ihn der wäre, bei dem man sich einen Klang nur vorzustellen braucht, und dann setzt man sich ans Keyboard und kann ihn spielen. Ich finde diese Idee aber total doof, weil völlig einschränkend. Als DJ Pierre an der 303 gedreht hat, kamen Dinge raus, die er sich gar nicht vorstellen konnte. Die wichtigsten Dinge entstehen glaube ich immer aus Unvorhergesehenem. Ich glaube auch, wenn man Thomas Dolby heimlich filmen würde, dann würde man sehen, dass er auch so arbeitet: rumspielen und auswählen. Interessanterweise beschreibt er aber den kreativen Prozess anders, als so ein entkörperlichtes Vorstellen. Wenn ich mir ein Pattern vorstelle und es hinschreibe, ist es immer total langweilig.

DE:BUG: Du bist in Linernotes und Interviews ganz ungewöhnlich offenherzig. Was deine Arbeitsweise angeht, lädst du dein Publikum ein, dir Fragen zu schicken. Tut es das auch?

Mark: Ich bekomme in der Tat viele E-Mails und versuche immer, sehr klare Antworten zu geben. Ich war ja etwas bestürzt, über meine Linernotes in einem Forum zu lesen, dass da dieser ganze Kunst-Scheiß stünde – das soll es überhaupt nicht sein, sondern eine klare Beschreibung dessen, was ich mache. Deshalb stehen auf dem Remixalbum auch die Zeiteinheiten drauf, nicht um mit Wörtern um mich zu werfen, sondern damit sich da vielleicht ein DJ ranwagt. Das würde ich total gerne hören, darum steht das da!
Du erzählst sogar, aus welchen Presets du deine Sounds komponierst. Hast du keine Angst vor Kopisten?
Ich glaube nicht, dass es wirklich um Originalität geht, ich bin da eher bei Terre Thaemlitz, der sagt, Referentialität sei viel wichtiger. Jeder wird mit den gleichen Mitteln zu anderen Ergebnissen kommen, und wenn wirklich jemand kopiert, mach ich ja schon wieder was anderes. Ich bin vor einigen Jahren in einer Interviewsession in Barcelona dem Computermusikpionier Curtis Roads begegnet, der dort sagte, dass er es als Lehrer als seine Aufgabe ansehe, all sein Wissen zur freien Verfügung zu stellen. Das fand ich sehr inspirierend, und dachte, das sollte ich auch tun: keine Barrieren aufstellen, sondern alles so klar und explizit zu machen wie möglich.

DE:BUG: Auf deiner Webseite bietest du eine ausführliche Einführung in deine musikalische Entwicklung bis 1996 in Form eines sechsstündigen Mixes mit zeitgeschichtlichem Begleittext, “Dawn of Man”. Diese Entwicklung spitzt sich ja recht konsequent zu. Wie ging die denn danach weiter?

Mark: Ich bin mit einem ganz engstirnigen Ansatz aufgewachsen, von der Sorte, dass wenn Human League plötzlich eine etwas andere Kickdrum verwendet hätten, als die, die ich mochte, dann hätte ich die Platten nicht mehr gekauft. Diese Engstirnigkeit habe ich lange behalten, und als ich schließlich mit Mat SND gemacht hab, war es einige Jahre so, dass wenn etwas nicht so war wie das, was wir zwei produzierten, dann fand ich es Mist. Klingt schlimm, ist aber die Wahrheit. Das fand ich natürlich auch seltsam, und irgendwann dachte ich, vielleicht ist diese Vorliebe einfach nur Vorurteil? Ich lernte den Medienkünstler Yasunao Tone kennen, wir korrespondierten viel, und über ihn kam ich auf die Idee, das zu trainieren. Ich nahm das furchtbarste Stück Musik, das mir einfiel, so eine hiesige Versicherungswerbung wo einer Oper singt, und versuchte, daran Gefallen zu finden. Und von da weiter, bis ich alles, was so kommt, wenn du das Radio anmachst, gleichermaßen genießen konnte, anstatt zu sagen: so ein Scheiß. Und ich hab’s geschafft. Also, nicht wirklich, aber irgendwie doch. Man muss dafür sein Selbstbild ändern, eine andere Person werden. Um Heavy Metal zu hören, musst du eine Art Metaller werden. So war das dann auch, als ich mit Sensate Focus angefangen habe: Jemand ganz anderes werden, nicht zu versuchen, eine Mark-Fell-Platte zu machen.

Mark Fell, Sentielle Acutalité Objectif, ist auf Editions Mego erschienen.
Sensate Focus 10, 5, 3.3333333333333333333333 und 2.5 sind auf Sensate Focus erschienen.

markfell.com
editionsmego.com

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Elektronische Lebensaspekte.