Holger Hoschi Wick, Korben Dallas und Tobias Müller, die Drei von Bischofsheim, haben sich unter dem Labelbanner "Sense" zusammengeschlossen, um mit ihrer Vorstellung von House die Dorfkirche zu übertönen. Man hört es bis Kanada.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 43

The Man and his Musician, Pt. 2

SENSE MUSIC

Holger Hoschi Wick war Eigentümer des Labels “Labworks Germany”. Labworks begeisterte sich zentral für die Geradlinigkeit in Techno. Aber Hoschi kann auch anders. 1997 schreitet er durch das Sternentor oder über eine von diesen sieben Brücken in den nächsten Lebensabschnitt: von der Technoadoleszens in das Houseerwachsenenstadium. Er stellt nach fünf Jahren Labworks (1997) ein und baut das Label “Sense” auf. Ein familiärer Betrieb im familienfreundlichen Bischofsheim, dem Hoschi als Spiritus Rector vorsteht. Obwohl er jahrelang selbst reger Technoproduzent gewesen ist, hält er heuer lieber seinen Inhouseproduzenten Tobias Müller und vor allem Frank Lotz aka Korben Dallas den Rücken frei, die über den Großteil der bisherigen 14 Veröffentlichungen für das zurückhaltende, aber distinkte Profil von Sense sorgen. Gefühlsüberhebung, nein danke. Hoschi: “Die Leute sollen alle mal wieder entspannter werden.” Sense pflegt eine Housevariante, die sich vor aufgesetzter Molltheatralik ekelt und sich eher an der funktionellen Rundung eines straff jazzigen Grooves begeistert denn an dem poetischen Schmock sensibel getupfter Congas. Dann doch lieber via Elektro auf die humorige Ernüchterung achten. Nenne es Deephouse mit rhythmischem Zack oder Techhouse mit Tiefenstimmung. Auch Bischofsheim hat seine lakonischen Gemütsnischen, und Deephouse bekommt es sehr gut, wenn es sich eher als Dienstleistung denn als Egoexpressionismus versteht. Hoschi hat den Schritt in die mittelständische Kunstproviderexistenz geschafft, deren Produkt genau diesen Schritt thematisiert: House als Vertonung des skeptischen Arrangierens im Feindesland, des Etablierens mit Bauchschmerzen. Dramatisieren will man diese Bauchschmerzen aber gerade nicht. Das Stürmen und Drängen im Techno, das ist mental einfach nicht mehr drin. Neben der Kerngruppe Hoschi, Korben Dallas und Tobias Müller unterstützten auch der Engländer Atjazz vom Mantis-Label sowie Miguel Migs & DJ Rasoul den Geist von Sense. Gemeinsam mit den Neuentdeckungen aus der Region “Tyler Moore”, “The One” und dem Kanadier Costigane präsentiert sich Sense auf der aktuellen Labelkompilation “Refresh your Sense Vol.2” als die unerschütterliche Bank im House, der Divengehabe genau so fremd ist wie avantgardistische Exzentrik. Aus dieser Arbeitshaltung resultiert die integre Deepness, die auch noch aus Callahan’s (Korben Dallas + Tobias Müller) elektrolastigen Tracks mit Klanggimmick strahlt. Gentlemen im Arbeitsoverall.
Hoschi: “Auch bei Labworks gab es House Releases, die haben nur damals niemanden interessiert. Ich war aber immer wesentlich vielgleisiger. Dass wir mit Sense fast nur noch House machen, hat vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun. Ich bin jetzt 31, und bei Techno kann ich nichts wirklich Spannendes mehr entdecken. Wir sehen uns eher in der Nähe von Labeln wie “Mantis”, dem Label von AtJazz aus England. Mit der Frankfurt-Schiene haben wir nicht so viel zu tun. Allgemein ist Deutschland ja auch nicht unbedingt das traditionelle Houseland. Feedback kommt für Sense zu 90% aus dem Ausland. Das macht aber nichts, im Gegenteil, ich sehe das Ganze eh globaler, wir machen ja auch internationale Musik. In Frankreich läuft es beispielsweise für uns sehr gut. Wir sind auch oft in Kanada als DJs unterwegs, coole Leute in Kanada, auch mal Ältere, und die sind nicht an Rave, Trance oder Techno interessiert.
Für mich ist es eben so, dass Schranz/ Hardcore und Trance nicht wirklich groovt. Es ist kerzengerade, und da geht es um ganz andere Sachen als Groove, um Ekstase. Ich akzeptiere das, ertrage es aber mittlerweile nicht mehr, irgendwo fünf Stunden dieses Geboller zu hören, sinnlos ein DJ-Tool nach dem anderen. Die Konsumenten gehen halt die ganze Woche arbeiten und wollen am Wochenende ihre Aggros rauslassen und feiern. Nun, dann sollen sie’s doch machen, wenn sie es dazu können. Besser, als sich auf der Straße abzuknallen.” Zu solcher Ventilfunktion fühlt sich Sense nicht berufen. Sense bietet Musik für Leute, die auch beim Arbeiten zufrieden sind. Hoschi: “Sense ist für Leute gedacht, die intensive Musik hören. Es zielt darauf ab, die Sachen noch in mehreren Jahren anhören zu können. Es geht uns um eine gewisse Art der Zeitlosigkeit. Bei manchen Labworks-Sachen denke ich heute: Mein Gott, wie warst du denn damals drauf? Aber es hat halt jeder mal die Phase, in der es nicht hart und abgedreht genug sein kann. Die ersten Sense Releases waren ja noch nicht so jazzig angehaucht wie jetzt, sondern teils eher entfernt Wild Pitch-Sound, und Wild Pitch-Initiator DJ Pierre habe ich immer schon gespielt. Für mich war der Schritt von Labworks zu Sense deshalb nicht so krass. Ich gehöre zu den Musiksozialisierten, die als Teenie zwangsläufig auch Kool & the Gang, Chic und den ganzen Kram gehört haben, sich aber viel stärker mit EBM identifizierten und zeitgleich ‘DJ International’ und ‘Jack Trax’ entdeckten. In den letzten 2 oder 3 Jahren wurden Jazz und Funk Einflüsse für mich wichtiger. Aber ich muss nicht jede siebziger Platte kennen, weil es gerade angesagt ist. So fanatisch bin ich nicht. Der einschneidende Schritt war für mich nicht der von Labworks zu Sense, sondern der von House ohne Vocals zu House mit Vocals. Ich war immer ein Vocalhasser. Ich fand nichts schlimmer als NY House, Strictly Rhythm, wenn so extrovertiert gesungen wurde. Mittlerweile gibt’s gewisse Songs, die haben mich bekehrt. Wir haben jetzt ein paar schwarze Sängerinnen für das geplante Soul Parlor-Album eingeladen. Das ist für uns der nächste Schritt. Natürlich wird niemand durchgehend fünf Minuten singen, wir sind eher auf Samplebasis unterwegs.” Aber einen Generalplan verfolgt ihr nicht? “Wir machen das, was auf dem Tisch liegt. Und die Jungs sind mittlerweile so gut, die machen ihre Tracks völlig eigenständig. Ich behalte mir lediglich vor, A- oder B-Seiten festzulegen. Der Standard ist auch so hoch, es ist fast unmöglich, noch etwas wirklich Schlechtes zu produzieren. Bei uns zumindest muss selten ein Track unter den Tisch fallen. Künstlerisch ist alles im Lot, und geschäftlich auch. Sense läuft besser als Labworks zur besten Zeit. Man lernt nette Leute kennen, reist herum, hat Erfolg. Es ist alles locker.” Hoschi, endlich zu Hause im House. Die offizielle Stellungnahme: “Was willst du schreiben? Sense gibt’s seit 3 Jahren, wir sind halt drei Leute, die Musik machen und Hören, über uns gibt es auch nichts spektakuläres zu berichten, außer, dass wir halt coole Musik machen, Spaß am Leben haben und aus der Pampa kommen.” Bischofsheim 1:0.

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Elektronische Lebensaspekte.