Ihr ungewöhnlicher Stil erhielt Oberhausener Musikclip-Awards und füllt ihre Auftragsbücher: Anstelle von rasanten Schnitt-Stunts und lackierten Inferno-Postproduction-Oberflächen erwecken Herr Klöfkorn und Herr Husain Garagentore oder aufblasbare Objekte dokumentarisch zum Leben. Bekannt wurden sie als Hofregisseure der Frankfurter Musikproduzenten Sensorama.
Text: christian meyer aus De:Bug 49

A new Style is born
Dokumentar-Pop als Musikvideo-Ästhetik

Die Videos, die Michel Klöfkorn und Oliver Husain für Sensorama gedreht haben, haben einen Stil, soviel steht fest. In allen drei Filmen werden Gegenstände spielerisch zum Leben erweckt, erhalten ein “Eigenleben”, treten aus den geregelten Abläufen heraus und werden unkontrolliert. Kurz: sie befreien sich aus ihren drögen Sachzwängen. Eine sehr sympathische Idee, die man wohl auch als (post-)hippiemäßig beschreiben und in den 70er Jahren verorten kann: “Echtzeit” erinnert an deutsche, sozialkritische bzw. sozialutopische Autorenfilme, “Where the rabbit sleeps” vieleicht an Hark Bohm-Romantik, aber auch an die “Sendung mit der Maus”. Die Bezüge dürften zeitlich in die Kindheit und Jugend der beiden Produzenten fallen…

De:Bug: Entspricht das eurem sozialen Background? Könnt ihr mit solchen Vergleichen etwas anfangen, oder ist das für euch abwegig, bzw. ist eure Annäherung eine ganz andere?

Oliver: Das Dokumentarische stand im Vordergrund: Räume und Situationen so nehmen, wie sie gerade sind. Wohngebiete, Autobahnzubringer, Bürostadt, Parkplatz: Das sind unsere Sensorama-Orte, also Räume, die man mehr mit Vorstellungen vom Alltag verbindet als mit elektronischer Musik. Das sind sicher Orte mit einer eigenen Peripherie-Romantik. Auch die Gegenstände, die wir bisher gewählt haben, bewegen sich so wie immer: das Fördersystem bewegt Kleiderbügel, die Tore klappen, die Promotion-Produkte werden aufgeblasen. Das machen sie ja auch sonst. Wir haben sie nur woanders aufgebaut und auf die Musik geschnitten. Das ist ein Verfahren aus dem Musical: Den ‘grauen’ Alltag zum Tanzen animieren.

Michel: Wir empfanden es als befreiend, keine Musiker beim Musizieren inszenieren zu müssen. Musiker glänzen eher selten mit darstellerischem Talent im bewegten Bild, das ist bei Roman und Jörn glücklicher Weise anders. Wir haben die beiden an Bügelmaschinen gestellt, wir dachten: Wer Platten auflegt, der kann auch bügeln. Im Fall Sensorama war es uns lieber, es zappeln die Dinge als die Musiker, und wir waren sicher, dass die Musik die leeren Industrie- und Büroräume füllen kann. Die Abwesenheit des Menschen schafft Raum und Zeit für die Augen…
In Wirklichkeit ist die Welt der Reinigungen natürlich viel trister, wenn nicht krank. Ein Autorenfilmer hätte sich den in giftigem Dampf arbeitenden Frauen angenommen, und es wäre ziemlich daneben, deren Leben zu ästhetisieren. Wir haben uns für die Kleider interessiert, wie sie durch die Fabrik geschliffen werden und in den Stadtraum ziehen – und dabei entdeckt, dass sie lebendig werden.

De:Bug: Ich finde, dass man auch ästhetisch einen 70er Jahre Bezug herstellen kann: Eure Videos wirken nicht ‘modern’ im Sinne vieler Videoclips der Gegenwart. Es gibt keine grellen Farben. Das Filmmaterial bei ‘Echtzeit’ wirkt von der Farbqualität und Körnung wie älteres Filmmaterial, wie alte Familienvideos beispielsweise.

Oliver: …das haben wir aus Kostengründen auf geschenktem Filmmaterial gedreht, das etwas überlagert war. Daher das schwammige Aussehen. Es sollte nicht an Super8 erinnern…

De:Bug: Man sieht keine hektischen Schnitte, ungewöhnliche Kamerafahrten oder Perspektiven und keine digitalen Effekte… oder doch?

O: Doch, für die drei Videos haben wir immer gerne viele digitale Geschwindigkeitseffekte benutzt.

De:Bug: Wie würdet ihr euren ästhetischen Ansatz umschreiben?

M: Mein Ansatz …hmm. Fernsehen ist doof. Ich wollte das nie ändern. Wir arbeiten für Musik, die wir lieben, und gegen gesellschaftliche Verhältnisse, die wir missachten. Die Garagen sind auch ein Bild für Lovely-Nazi-Germany: Autos und Tod sind Deutschlands beste Exportschlager. Für das tägliche Spiel der Musiksender dagegen haben wir uns nur bedingt interessiert. Die Länge von Sensorama-Liedern – bis zu 6 Minuten – hat diesen Rahmen bereits gesprengt.

O: Wir fanden, die Bilder zu elektronischer Musik sollten, so wie die Musik selbst, auch vom Leben handeln und nicht nur vom Computer. Untergegangen sind wir mit der Entscheidung zum ruhigen und krisseligen Video nicht. Im Gegenteil, es öffnete uns Tür und Tor in Saus und Braus!

De:Bug: ‘Star Escalator’ fällt mit seinem Gimmik-Effekt da schon eher auf. – Eine Ähnlichkeit zu Experimentalfilmen der 60/70er, insbesondere dem strukturalen Film, ist unverkennbar. Ist dieser Bezug bewusst hergestellt? Schließlich ist die Verbindung von elektronischer Musik und strukturalem Film naheliegend: einerseits durch Fokussierung auf das Element Rhythmus beim Filmschnitt, andererseits durch (hypnotische) optische Effekte wie z.B. bei Tony Conrad, Stan Brakhage oder Paul Sharits.

M: Es ist immer schön, sich in guter Gesellschaft zu befinden. Wichtig war uns bei Sensorama immer ein dokumentarischer Ansatz der Videos. Wir haben die Musik im Alltag entdeckt und Bilder gefunden, denen elektronische Musik fehlte. Eine ungeschönte Kamera, wenig Schnitte, kein Make-up. Wie auch sollten wir ein Garagentor stylen. Das machen die Besitzer schön selbst. So erzählen wir mehr über die Menschen. Das ist mir wichtig an Film und Videos. Das ist Dokpop.
Daher auch die Zusammenarbeit mit Anna Berger. Sie ist Dokumentarregisseurin. Bei ‘Echtzeit’ hielten wir uns in der Welt der Väter auf: dem Büro, dort wo in Folie geschweißte Anzüge Geschäfte machen. In Star-Escalator gab’s die Vororte, der Speckgürtel der Städte und ihre Depression: die Welt unserer Mütter, die uns auch die schönsten Garagen organisiert haben. Mit ‘Where the rabbit sleeps’ sind wir jetzt mit aufblasbaren Produkten im Kinderzimmer angelangt. Die Konzerne, die uns die Inflatables zur Verfügung gestellt haben, waren begeistert von der Idee, dass ihre Produkte sanft einschlafen. Jeder spürt, das der Konsum weich wird. Nur die Bundeswehr, die wir zwei Wochen lang um einen aufblasbaren Panzer anfragten, hat nicht mitgespielt. Mir fehlt das an dem Video: ein erigierter Panzer, der plötzlich weich vor sich hinschlabbert. Schade.

De:Bug: Zum Schluss was ganz Grundsätzliches: Seht ihr euch eher als Experimentalfilmer unter neuen, veränderten Bedingungen denn als Videoclip-Produzenten? Ihr macht ja nicht nur Videoclips, sondern auch Nicht-Auftragsfilme.

O: Diese beiden Berufsbezeichnungen sind gleichermaßen gruselig… Wir sehen uns schon als Videoclipproduzenten. Der Job macht Spaß, wir finden es cool. Wir lassen uns sehr auf die Musik ein und wollen, dass die Bilder passen, oder mehr als passen idealer Weise. Selbst, wenn wir uns auf der Bildebene von der Musik distanzieren und ein abstrakteres Verhältnis zu ihr eingehen: das ist schon ein angewandtes Arbeiten, ganz anders als bei den Nicht-Auftrags-Filmen. Andererseits bezeichnen uns die Leute von größeren Labels oft, meistens erschrocken, als Experimentalfilmer. Sie haben eben ganz andere Kategorien des Denkens.

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Elektronische Lebensaspekte.