Breakbeat-Mutation aus New York
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 158

Die USA sind das Heimatland von House und Techno mit den mystischen Städten Chicago und Detroit. England dagegen hat das Hardcore Continuum und die daraus hervorgegangenen Breakbeat-Mutationen von Jungle über Drum and Bass bis Garage und Dubstep. Historisch vollkommen richtig, auf die Gegenwart aber nur noch sehr begrenzt übertragbar. Bestes Beispiel: Sepalcure aus New York. Deren Entstehungsgeschichte klingt wie der Anfang eines dieser typischen amerikanischen Buddy-Movies.

Praveen Sharma und Travis Stewart sind beste Freunde, seit sie sich Ende der 90er bei Nerdgesprächen über Step-Sequenzer und Squarepusher-Tracks im Chatroom kennenlernten. Jetzt ist Praveens Freundin für ein paar Monate nach Europa gegangen, die Beziehung steht auf der Kippe. Die beiden hängen jeden Tag zusammen ab, zocken Xbox und öden sich irgendwann gegenseitig so dermaßen an, dass sie auf Idee kommen, doch mal gemeinsam Musik in Praveens Studio zu produzieren. “Pangaea, Untold oder Mount Kimbie haben uns zu der Zeit vor etwa zwei Jahren besonders begeistert. Wir hatten zunächst gar nicht geplant, die Ergebnisse zu veröffentlichen,” erzählt Travis. Er verbringt gerade seine letzten Tage in Berlin und wirkt trotz Umzugsstress sehr entspannt. Auf dem Boden stapeln sich Kisten mit Vinyl, neben uns trocknen die frisch gewaschenen Schlafanzüge mit Blümchenmuster der fünfjährigen Tochter seines Mitbewohners Ned Beckett. Ned ist Mitorganisator der Leisure-System-Partys im Berghain und Neffe des Warp-Gründers Steve Beckett. Obwohl der tagsüber als Programmierer tätige Praveen nur per Videochat aus New York zugeschaltet ist und man im Hintergrund das geschäftige Gewusel eines Großraumbüros sieht, ist viel von der rührigen Buddy-Romantik der Sepalcure-Anfangstage zu spüren.

Retro reflexiv
Die im Sommer 2010 auf Hotflush erschiene Love Pressure EP deutet bereits im Titel die schwierigen persönlichen Umstände ihrer Entstehungszeit an. Ein zarter Dubnebel umhüllt die Tracks, die gleichermaßen in der Tradition von US-amerikanischem Deephouse wie von 2Step und UK Garage stehen.

Ein Jahr später hat sich die Liaison von Garage, House und R&B zu einer Art Trademarksound des Post-Dubstep-Universums entwickelt. Wo zuvor Wobble-Bässe und düstere Endzeitstimmung regierten, wimmelt es jetzt vor Diva-Samples und Rhodes. Während dabei oft Cheesyness-Toleranzen strapaziert oder mit künstlich antiquiertem Artwork und Sounddesign allzu platte Retroregister gezogen werden, betreiben Travis und Praveen einen reflektierten Umgang mit der Vergangenheit.

Auf “Feeling That I Know So Well” samplen sie zwar die im März diesen Jahres verstorbene Disco-Legende Loleatta Holloway. Ein derart offensichtliches Sample bildet aber die Ausnahme: “Praveen hat eine große Sammlung alter House-12″s, bei denen sich auf der B-Seite noch Acapella-Versionen befinden. Wir verfremden die meisten Samples so lange, bis sie sich nahtlos in den Track einfügen. Wiedererkennbarkeit ist uns ziemlich egal.”

Geschichtsbewusstsein fängt für Sepalcure erst bei behutsamer Neuinterpretation und nicht schon beim simplem Nachspielen an. So entstand ihr Cover des Strictly-Rhythm-Klassikers “The Warning” von Logic bei einer Jamsession und war zuerst nur als Interlude geplant. Für die Produktion des Albums mussten Sepalcure aber ihre spontane Arbeitsweise aufgeben: “Travis und ich haben sehr unterschiedliche Tagesabläufe. Ich habe einen regulären Nine-to-five-Job und komme nur am Wochenende zum Musik machen. Dann ist Travis aber meist mit seinem Machinedrum-Projekt unterwegs, um irgendwo auf der Welt live zu spielen. Um das Album aufzunehmen hat er sich drei Wochenenden frei genommen. In dieser Zeit haben wir dann versucht, so viele Tracks wie möglich zumindest so weit fertig zu stellen, dass wir später nur noch an Details feilen mussten. Das funktionierte erstaunlich gut, der Großteil des Albums war schon nach zwei Wochen fertig.“

Positive Naivität bewahren
Dem Endergebnis hört man seinen hauruckartigen Entstehungsprozess gar nicht an, im Gegenteil ist Sepalcure ein sehr ausgewogenes Debütalbum gelungen. Den Balanceakt, ihrem Sound neue Facetten abzugewinnen, ohne Fans der beiden EPs zu verstören, meistern sie nonchalant. Der zart-süßliche Weltschmerz, der noch auf “Love Pressure” und “Fleur” dominierte, ist sanfter Euphorie gewichen. Verträumte, flächige Ambientpassagen und die nervösen Basszuckungen von Juke fließen völlig natürlich ineinander. Diese beiden gegensätzlichen Pole verbindet Travis auch auf seinem aktuellen Machinedrum-Album “Room(s).”
Von der zurückgelehnten Beatscience in bester Boards-of-Canada-Plinkertradition seiner Anfangstage auf Merck Records ist das ein großer Schritt, doch kleinkarierte Genreabgrenzungen interessierten ihn sowieso noch nie: “Ob etwas jetzt IDM oder Bassmusik genannt wird, ist mir egal. Vieles was heute in die Bassmusik-Schublade gepackt wird, verstehe ich als eine direkte Fortsetzung von IDM. Bevor IDM zu komplex und unzugänglich wurde, war es einfach eine kreative Oase abseits funktionaler Clubmusik, in der zwischen 90 und 160 BPM alles erlaubt war. Viele junge Produzenten haben heute wieder etwas von dieser positiven Naivität.”

Aufbruch Bass
Wenn man Travis und Praveen mit genau dieser positiven Naivität über Musik sprechen hört, vergisst man schnell, dass sie den meisten ihrer aktuellen Kollegen etwa zehn Jahre an Erfahrung voraus haben. Auch Praveen versuchte sich neben seiner noch immer laufenden Radioshow “Percussion Lab” bereits in Ambient- und IDM-Projekten. Unter seinem jüngsten Alias Braille erschienen in diesem Jahr zwei Singles auf Rush Hour und Hotflush, die sich noch stärker in klassisches House-Territorium vorwagen: “Vor einigen Jahren hätten mich die Leute noch ausgelacht, heute tanzen sie. Es fühlt sich gerade zum ersten Mal richtig für mich an, House zu produzieren.”
Für wesentlich spannender halten beide aber die gegenwärtige Entwicklung gebrochener Beats in den USA. Die Wurzeln des Hardcore Continuums mögen unbestritten in England liegen, seine unzähligen Mutationen wuchern mittlerweile weit über die Insel hinaus.

An der Westcoast ist die Saat in Form der Brainfeeder-Gang um Flying Lotus und Samiyam schon lange aufgegangen, aber auch in New York stehen die Zeichen auf Aufbruch. Nachdem die Clubszene sich sowohl von der restriktiven Politik Rudolph Giulianis als auch den Folgen des 11. September 2011 erholt hat, scheint mittlerweile wieder vieles möglich. Sepalcure bilden nur die Speerspitze einer Szene, zu der auch Falty DL und Mike Slott zählen. Neben den traditionellen Dub-War-Nächten etablieren sich besonders in Brooklyn immer mehr Parties abseits der geraden Bassdrum, die besonders beim jüngeren Publikum Anklang finden. Die Zeichen stehen also gut, dass die Basshybride auch im Big Apple weiter sprießen.

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. Rock'n'Roll, Baby!

    @debug_magazine Sepalcure:
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