Der ehemalige Buddy von Radioslave Matt Edwards hat sich voll und ganz Italodisco verschrieben, auch wenn ihm diese Bezeichnung übel aufstößt.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 130


Der ehemalige Buddy von Radioslave Matt Edwards hat sich voll und ganz Italodisco verschrieben, auch wenn ihm diese Bezeichnung übel aufstößt. Gut angezogenes Geschichtsbewußtsein macht den Weg frei für das Paradies, nur ein bisschen entschlacken muss man die alten Tracks.Serge Santiago

Bob Marleys Reggae-Songs wurden in den 70ern für den UK-Markt mit einer Leadgitarre aufgerüstet – der Hörgewohnheiten wegen. Serge Santiago speckt die originalen Italo-Disco-Tracks aus den 80ern um die wirren Synthieexzesse ab – der Hörgewohnheiten wegen. Ein Mittler zwischen den Welten, das möchte der englische DJ und Produzent sein. Auf einer Autotour vor sechs Jahren von seinem damaligen Radio-Slave-Partner Matt Edwards angefixt durch ”Feel the Drive“ von Doctor’s Cat, wollte ihn der Drive von Synth-Disco und Italo nicht mehr loslassen.

Schon vor Radioslave hatte er mit seiner ersten Produktion ein Händchen dafür bewiesen, aus Radio-Hits integre Dance-Hits zu machen. Sein 1999er-Track ”Push it“ remixte den Salt’n’Pepa-Hit zu einem stampfenden und zerrenden Monster, mit dem man Justice-Dumpfköpfe beglücken könnte. Heute mag er allerdings weder seinen Track noch Justice. Die nutzen die teuerste Distortion, die es für Geld gibt. Mehr ist da nicht.

Bis 2006 gab Serge zusammen mit Matt Edwards Tracks von Schwergewichtern wie Kylie Minogue, White Stripes oder Britney Spears den Vier-Uhr-morgens-Vibe. Mit seinem Label Arcobaleno will er dem analogen Synthie-Geist von Patrick Cowley, Giorgio Moroder, Gino Soccio oder Rinder & Lewis in farbigem Vinyl nachspüren, zeitaktuell aufbereitet, natürlich. Für das kommende Album als Retro/Grade gibt er Gino Soccios ”There’s a woman“ eine 1A Carl-Craig-Behandlung, skelettiert den Schlager ”Comanchero“ bis auf seinen Schnarrbass oder lässt einen Italo-Groove in Lil’Louis’ ”French Kiss“-Manier einschlafen. Davon verspricht er sich einen Meilenstein wie Daft Punks ”Homework“.

De:Bug: Italo galt jahrelang als die billigste und scheußlichste Musik. Wann hast du dich dafür interessiert?

Serge Santiago: Das Label Italo wurde mir von außen aufgepappt. Ich spreche lieber von Disco mit Synthesizern. Allerdings hat ein Italo-Track meine Begeisterung für Synthie-Disco ausgelöst: “Feel the Drive“ von Doctor’s Cat, das Italo-Anthem schlechthin.

De:Bug: Aber du fühlst dich trotzdem für Italo verantwortlich. Immerhin planst du neben dem Retro/Grade-Album eine 3-CD-Box zum Thema.

Serge Santiago: Ich möchte eine Geschichtslücke schließen. Außer uns Geeks weiß doch niemand, wo Italo historisch hingehört. Ich plane, all die alten Helden zu interviewen.

De:Bug: Wie Tony Carrasco?

Serge Santiago: Oder Alexander Robotnik. Wenn sie in meiner Nähe spielen, schnappe ich sie mir für ein paar Minuten und quetsche sie aus. Die erste CD der Box wird aus alten Italo-Originalen bestehen, die zweite aus meinen Edits und das Dritte wird eine DVD mit den Interviews sein.

De:Bug: Das Projekt liegt aber auf Eis.

Serge Santiago: Mein Album mit Tom Neville als Retro/Grade geht vor. Wir nehmen uns unsere liebsten Italo- und Synthiedisco-Tracks vor, spielen sie komplett nach und strukturieren sie um. Alles auf den alten Instrumenten, keine Samples. Eine Sauarbeit, aber viel mehr kreative Freiheit als bei Samples. Wenn ich als DJ einen der Album-Tracks spiele, drehen die Leute durch: ”Was ist das?“ Das ist die Zukunft!
”Coda“ von Amin Peck haben wir zum Beispiel sauber nachgebaut. Den originalen Synthie rauszuhören, war eine Schweinearbeit. In der Mitte von ”Coda“ setzt ein wirrer Part ein, den begreift kein moderner Hörer. Also haben wie ihn rausgeschmissen. Wir erhalten aber den Ursprungsgeist. Nie würden wir HiHats draufknallen.

De:Bug: Du bist zwar Engländer, hast aber viel in Italien aufgelegt.

Serge Santiago: Ich habe mit Tom ein Edit von Kanos ”It’s a War“ gemacht. Wir haben den Sänger eliminiert. Dafür haben sie mich in Italien geliebt. Keine Ahnung, warum. Aber es hat sich auch gezeigt, dass die Italiener keine Ahnung von mir hatten. Ich kam um zwei Uhr nachts in einen Club. Der Laden war gepackt voll. Aber absolute Stille. Ich gucke den Manager an. Was geht? Er sagt: Die Leute warten auf dich! Die ganze Zeit starren sie mich an, wie ich hinter die DJ-Kanzel klettere, meine CDs raushole, den Kopfhörer aufsetze, die erste CD einlege. Und dann tanzen sie wie auf Kommando los. Tausend oder zweitausend Leute. Aber nach ein paar Tracks gehen die Arme auf halbe Höhe und sie machen alle so ein Handzeichen in meine Richtung, so ähnlich wie ”Kopf ab“. Es war ihnen nicht cheesy genug, sie wollten volle Kanone Karnevals-House vorgesetzt bekommen, keine Edits aus ihrer eigenen Musikgeschichte …
http://www.myspace.com/sergesantiago

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