Sergej Steuer über die Faszination Militärkleidung
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 165

Sergej Steuer mit Blick auf den Prenzlauer Berg: “Oft können Worte nicht ausdrücken, was man fühlt”.

Sergej Steuer, 45 und vor vielen Jahren aus Kiew nach Berlin gekommen, ist seit fast 15 Jahren eine Instanz in Fragen Militärkleidung und Camouflage. Sein Army Shop war über zehn Jahre lang um die Ecke der DE:BUG-Redaktion, im Prenzlauer Berg, und er wirkte von außen wie von innen stets wie ein olivgrünes verwunschenes Wunderland. Jetzt musste er leider in den Wedding ziehen. Dort steht Steuer in einem viel kleineren Laden neben meterhohen Regalen, bis zur Decke vollgestopft mit Uniformen, Gewehren, Nippes und seinen selbst geschneiderten Kleidern (aus alten Uniformen wohlgemerkt, unter dem Namen Schützengrabenabendkleid). Er war und ist nun wieder praktizierender Arzt. Und an seiner Gestalt und seinen Erzählungen lassen sich gleichermaßen die Faszination und der Abscheu an der Militärklamotte ablesen, der sich durch die Modegeschichte von Techno und HipHop zieht. Steuer sagt, es wären wie Drogen. Der schüchterne Mann mit den melancholischen Augen erzählt uns seine verrückte Geschichte.

Debug: Sergej, wie ging das alles los damals?
Sergej Steuer:Im Grunde, als ich 1987 in Kiew zwei Berliner getroffen habe. Die sahen lustigerweise genauso aus, wie man sich in Russland zwei Ostdeutsche vorstellte: komische Sandalen aus Kunstleder an den Füßen, eine runde Brille wie John Lennon auf der Nase, die typische DDR-Boxer-Jeans und Stoffbeutel. Wir spielten damals Frisbee und haben sie eingeladen mitzuspielen, sie waren ein paar Jahre älter, 23, Germanisten. Ich war 18 und wir lebten in einer Art besetztem Haus. Man mietete ein Zimmer, wohnte dort mit fünf Langhaarigen und wurde ständig von der Polizei kontrolliert. Überrascht hat uns, dass Jens und Gaby, die beiden Deutschen, sagten, sie hätten kein Hotel. Besucher ohne Hotel, das gab es in der Sowjetunion nicht, wie heute einen Hund ohne Leine. Ich habe Medizin studiert und bin dann mit ihnen auf eine monumentale Reise durch die Sowjetunion gefahren.

Debug: Wie lassen sich der pazifistische Hippie, der du ja warst, und der Militäroptimist vereinen?
Sergej:Anders als in Deutschland gab es bei uns in Literatur und Erziehung auch nach dem Krieg ganz viele Heldengeschichten, erzählt an der Gestalt des Soldaten. In meinem Fall ist das auf fruchtbaren Boden gefallen. Auf der anderen Seite hatte ich natürlich auch viele kritische Gedanken. Irgendwann bekam ich von meinen Freunden den Spitznamen Inspektor Küstenwache, denn ich entwickelte ein Spiel: Aus Babynahrungsverpackungen habe ich mir silberne Rangabzeichen und aus einer alten Fahrradtasche so etwas wie einen Holster gebastelt. Damit bin ich die Küste am Schwarzen Meer entlanggelaufen und habe Touristen angemacht, dass sie keinen Müll hinschmeißen dürfen. Damals waren die Bürger und auch die Polizei so autoritätshörig, dass sie alle Angst bekamen. Und so hat das bei mir angefangen.

»Wenn man einen Arsch hat, kann man sich freuen über den Arsch, wenn man keinen Arsch hat, ist das ein bisschen schlecht, aber keine Katastrophe.«

Debug: Wann bist du nach Berlin gekommen und warum?
Sergej: Als die Wende kam, konnte ich die Miete in Kiew nicht mehr bezahlen, obwohl ich als Arzt gearbeitet habe. Dann habe ich für eine deutsche NGO in Albanien gearbeitet. Aber schon da war ich infiziert von der Begeisterung für militärische Kleidung. Gekauft habe ich die Sachen später am Potsdamer Platz, als dort noch eine Brachfläche war und riesige Märkte. Und am so genannten Krempelmarkt in der Nähe des Mehringdamms, den gibt es heute nicht mehr, habe ich die amerikanischen Uniformen aus dem Vietnamkrieg entdeckt. Das hat mich total fasziniert, besonders ihre Farbe OG-107.

Debug: Was genau hat dich begeistert?
Sergej:Das ist wie Liebe, es ist schwer zu erklären. Dieser Farbton erinnerte mich ans Meer, es gibt Momente bei gutem Licht, da changiert es stark zwischen grün und blau. Wie eine Lasur, einerseits total schön, andererseits verbergen sich in dieser Kleidung auch alle möglichen Emotionen, Erlebnisse und Tragödien. Diese Farbe hat mich dann Jahrzehnte lang dominiert. Steckt nicht vor allem auch eine Menge Angst in einer alten Soldatenjacke? Wenn du jung bist, verstehst du viele Sachen gar nicht. Es gab und gibt zu jeder Zeit Strukturen, die gezielt verhindern, dass man im Krieg Leiden verursacht. Auf alten Bildern tragen Soldaten das Gewehr gern wie einen Sonnenschirm, man zog in den Krieg um die Welt zu sehen. Viele junge Männer verbanden das Leben in der Armee daher nicht mit Tod, Vergewaltigung und Entstellung. Sie waren voller Ehrgeiz und zum Teil auch süchtig nach Heldentum. Sie dachten, sie könnten für das Gerechte kämpfen. Das ist auch heute noch so. Ich kannte gute Leute, die sich idiotischerweise freiwillig für den Dienst in Afghanistan gemeldet haben. Erst im Nachhinein begreift man wie die Wahrheit aussieht. Dass im Krieg Menschen sterben, dass man im Feld nicht gerecht und warmherzig sein kann.

Debug:Aber du hegst doch eine große Faszination für diesen Typus?
Sergej: Ich erkläre mir das über zwei Dinge. Für mich ist der Soldat wie ein Mönch. Er besitzt sich selbst nicht und er setzt sich jeden Tag mit dem Tod auseinander, denn er versteht, wenn auch zwangsweise, dass er gehen muss. Der Soldat ist für mich eine in- teressante Figur, denn er kann auf seinem Weg zum Tod anderen Hilfe leisten, er kann Kameraden beschützen und Menschen retten. Außerdem ist Militärkleidung immer mit Sexualität verbunden, wenn auch sehr subtil. Es hängt damit zusammen, was Jean-Paul Sartre schrieb: Der Orgasmus als kleiner Tod. Irgendwie gibt es eine Verbindung zwischen Tod und Sexualität. Der Tod ist dann etwas Reizvolles.

Debug: Selbst warst du nie Soldat?
Sergej:Nein. Ich war zwar schon in militärische Aktionen verwickelt, aber nie als Soldat. Das ist ein großer Unterschied, denn als Soldat musst du alles machen, was dir befohlen wird. Der Vietnamkrieg wurde auch durch die späteren Hollywoodfilme zu Pop, allerdings mit einem starken Geschmack von Trauer. Es erinnerte mich sehr an das Leben in der Sowjetunion. Du bist unfrei, aber versuchst fröhlich zu sein, Lust zu haben und über die zu lachen, die dich unterdrücken. Leben in Freiheit konnte man sich in der Sowjetunion gar nicht vorstellen, es gab keine Vorbilder dafür. Von Kleinauf existierte stets ein Unterdrücker. Erst sind es die Eltern, dann die Lehrer, auch Freunde, dann die Polizei, der Staat. Die Hierarchie des Militärs wurde einfach ins zivile Leben übertragen. Und dann eben diese Klamotten. Ich glaube ja, dass die DDR ist nur an dem Mangel an Jeans zusammengebrochen. Wenn du jung bist, willst du reisen und gute Kleidung tragen. Früher habe ich dieses Bedürfnis verstanden, aber heute können alle alles haben, da sollte sich das Streben danach doch einfach auflösen.

Debug: Du meinst, das System Mode macht im Kapitalismus eigentlich keinen Sinn mehr?
Sergej: In gewisser Weise schon. Ich habe auch aufgehört, die Farbe OG-107 zu tragen, seitdem das von G-Star auf den Markt gebracht wurde. Die haben das gut hingekriegt, aber für mich hat die Farbe dann keinen Sinn mehr gemacht. Man will ja anders als die Anderen sein, nach Möglichkeit nicht schlechter. Heute trage ich meine eigenen Sachen, die ich seit fünf Jahren aus alten Uniformen entwerfe und verkaufe.


Debug: Wann hast du deinen Laden aufgemacht?

Sergej: Als ich die Scheinehe mit meiner Frau aufgelöst habe, das war Mitte der 1990er. Ich hatte als Augenarzt in Tegel gearbeitet, aber den Beruf konnte ich nach der Scheidung nicht mehr ausüben, denn damals durften Ausländer nur als Arzt tätig sein, wenn sie mit einer deutschen Frau verheiratet waren. Ich glaube jeder Beruf erfüllt einen, wenn man ihn ernsthaft und mit Erfolg betreibt, ich habe auch lange auf dem Bau gearbeitet. Den Army-Shop habe ich 2000 eröffnet, am Senefelder Platz, an der Grenze von Mitte und Prenzlauer Berg. Die Ladenmiete war für mich sehr hoch damals, aber ich denke immer, dass es nicht nur auf dich ankommt, sondern auch darauf, ob der Himmel es will. Also habe ich es gemacht und es hat ja auch lange geklappt. Dieses Jahr musste ich dann nach Wedding umziehen, weil die Miete zu teuer wurde. Der Laden war toll, weil er über große Schaufenster verfügte, in denen ich ohne es in Worte fassen zu müssen viel von meinen Gefühlen und Einstellungen festhalten und anhand von Dingen, Bildern von Dissidenten und Philosophen, Geschichten erzählen konnte. Oft können Worte nicht ausdrücken, was man fühlt.

Debug: Neben dem Verkauf von Militärkleidung hast du auch noch einen Kostümverleih, richtig?
Sergej: Ja, ich arbeite für verschiedene Theater, unter anderem das Wiener Burgtheater oder das Berliner Ensemble. Und auch im Filmgeschäft, zuletzt für eine Produktion von Dominik Graf. Keine komplette Ausstattung, sondern einzelne Charaktere, Hauptdarsteller. Außerdem kommen immer wieder Streetwear-Firmen vorbei, wie Levis, G-Star oder auch Dolce & Gabbana und viele kleine italienische Label und wollen Schnittmuster und Inspirationen. Die schauen sich alte originale Stücke an oder wollen, dass ich mir etwas für sie ausdenke. Bei mir gibt es natürlich keine Dekorationen ohne Sinn.

Debug: Was bietest du in dem Laden an?
Sergej:Ich habe immer das gekauft, was ich als besonders ästhetisch empfand: sowjetische, amerikanische und französische Uniformen. Ich lege Wert darauf, wie die Kleidung mit dem Körper arbeitet und dass es nicht zu grell ist, eher schlicht. Camouflagen finde ich gar nicht so wichtig. Nur wenige sind schön, doch einige Modelle sehen, wenn du genau hinschaust, ein wenig aus wie Malerei aus dem Expressionismus.

Debug: Die Uniformen der Bundeswehr haben dich nie interessiert?
Sergej: Die Bundeswehr ist ästhetisch uninteressant, die Sachen waren einfach hässlich. Aber es gab auch noch andere Probleme: Wenn du dir etwa einen Stahlhelm des Bundesgrenzschutz anschaust, dann sieht der genauso aus wie der des deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg. Bis 1971 hatten sie diese Helme an den deutschen Grenzen auf dem Kopf. Aus diesem Grund haben viele Ausländer noch lange geglaubt, dass Deutschland auch nach 45 ein vollkommen faschistisches Land war.

Debug: Was sagst du eigentlich, wenn jemand reinkommt und eine Naziuniform kaufen möchte? Sergej: Diese Frage kommt zumeist von dummen Touristen, die in dem Glauben durch Berlin laufen, an jeder Ecke sei noch ein Stahlhelm zu finden.
Debug: Echte Nazis kommen nicht vorbei?
Sergej: Sehr, sehr wenig. Da muss man wirklich Glück haben, dass ein Nazi reinkommt (lacht).

Nach dem radikalsten Bruch in der Tradition der “Front Couture”, der Ablösung des bekannten Scharlachrot der britischen Soldaten vom hellbraunen Khaki, glichen sich die Uniformen der Welt ja zunehmend an und sehen nun global aus. Aus bunten, spezifischen Gewändern wurden Tarnfarben, mit den Bomben musste der Soldat sich verstecken. Findest du eigentlich heutige Uniformen interessant?
Sergej: Die Uniformen sind verbunden mit den Gedanken und dem Geisteszustands des Trägers. Auch in den Uniformen des Zweiten Weltkriegs finde ich mehr Hoffnung und Glaube an die Zukunft als heute. Früher wurden fast alle Menschen ohne ihr Einverständnis in den Prozess des Tötens verwickelt. Die Träger der heutigen Uniformen, etwa der Bundeswehr, der US Army oder der russischen Armee, wissen wohin sie gehen und sie gehen hauptsächlich freiwillig. Ich finde dort keinen Rock’n’Roll. Ich kenne eine Geschichte von einem Soldat aus dem Ersten Weltkrieg, der ist nur deswegen zur Armee und in den Krieg gezogen, weil er sich sonst niemals einen Anzug hätte leisten können. Die Uniform und der Ausgehanzug boten eine Möglichkeit des Schick, die sonst nur schwer zu erreichen gewesen wäre, denn er war arm. Stell dir das vor. Ein Mann meldet sich freiwillig für den Krieg, nur wegen Fashion. Das war vor 100 Jahren, heute macht das niemand mehr, heute gibt es aber auch zum großen Teil diese Art der Anzüge nicht mehr. Heute muss eine Uniform vor allem sehr billig sein.

“Bei mir gibt es keine Dekoration ohne Sinn” Alle Fotos sind von Sergej Steuer

Debug: Hast du eine Lieblingsuniform?
Sergej: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Die amerikanische Uniform der 1940er und 1950er ist sehr beliebt bei Frauen und Schwulen, kurzer scharf geschnittener Blouson, betonte Taille, Schulterpolster und breite Hosen, das ist wie die Deutschen die Amerikaner erlebt haben nach dem Zweiten Weltkrieg.

Debug: Wie geht es nun weiter mit deinem Laden?
Sergej: Ich werde das wohl alles langsam vergessen. Du arbeitest jetzt wieder verstärkt als Arzt, nicht? Damals konnte ich nicht als Internist arbeiten, heute wieder. Ich arbeite wieder im Krankenhaus. Um ehrlich zu sein hof- fe ich, dass ich von der Kleidung loskommen und sie vergessen werde. Es war und ist ja auch ein Zwangsgeschäft für mich, wenn auch ein sehr interessantes. In meiner Jugend habe ich Drogen genommen und ich habe es gerne gemacht, aber ich wusste auch immer, dass es nicht gut ist. Nicht gut für mich und nicht gut für die Anderen. Irgendwann habe ich mich einfach davon gelöst und damit aufgehört. Und ich glaube mit Kleidern ist es dasselbe. Sie sind wie Drogen. Jeder Mensch sucht immer nach Drogen. Ich habe das nun etwa fünfzehn Jahre gemacht. Mode ist Mode. Die Welt geht nicht unter, wenn der Schnitt ein bisschen scheiße aussieht.

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Elektronische Lebensaspekte.

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