Serien-Pop: Push trifft Pull
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 111


Serien werden nicht nur immer intelligenter, sie stellen auch die interessantere Musik vor. Double-Win, sozusagen.

Eines ist klar: Durch gute Musik wird die Welt besser. Jetzt könnte die Welt eigentlich ganz gut sein, denn heutzutage gibt es haufenweise hervorragende Musik, mehr als je zuvor. Nur die kommt selten in die Welt hinaus, sie lungert die meiste Zeit in einem geschlossenen Kreis von Eingeweihten herum. Für Menschen, die Musik nicht überlebensnotwendigerweise, sondern nur ab und an interessiert, ist es gar nicht so einfach, mit guten Sachen in direkten Kontakt zu kommen. Klassische Push-Medien wie Radio oder Musikfernsehen kann man für komplexere Musik vergessen, wogegen im Pull-Internet alles zu finden ist, man aber erst mal wissen muss, wonach man suchen soll, damit man finden kann. Und da die Suche nach Musik außerdem im Modus der Klingt-so-ähnlich-wie-Ordnung erfolgt, ist man dabei im eigenen Geschmacksghetto gefangen. Ein Problem. Vor allem abseitigere Musik hat es so schwierig, den Menschen zu Ohren zu kommen. Jedenfalls bis vor kurzem. Denn für die Promotion von Musik gibt es seit einiger Zeit ein neues Medium: Fernsehserien.

Die neuen Fernsehserien sind nicht nur komplexer, sie räumen auch immer öfter komplexerer Musik – und damit eben auch der von unbekannteren Acts – einen Platz ein. Und Platz, der sie featuret, den bekommen sie – das Stilmittel, eine Geschichte in Bildern zu raffen und mit einem Soundtrack zu unterlegen, ist in Serien beliebt. Deshalb ist der Soundtrack wichtig, das hat Quentin Tarrantino nicht umsonst Sofia Coppola beigebracht. Aber es ist nicht nur so, dass die Fernsehserien etwas von der Musik haben, umgekehrt bringt der Soundtrack heute auch einen Act groß raus. Die amerikanische Fernsehserie The O.C. etwa hat die zweite Platte von The Album Leaf, dem Soloprojekt von Jimmy LaValle, massiv in der zweiten Staffel eingesetzt, sie spielte nicht weniger als sechs Tracks von “In a Safe Place“. Auch die Krimiserie CSI hat sich schon zweimal durch Tracks von The Album Leaf nach vorne gebracht – die Frage nach seiner Kooperation mit Serien gehört für LaValle in Interviews folglich zum Standard. Vielleicht ist es ja wirklich so: Musiker promoten ihre Musik heute eben auch über Serien. Morr Music beispielsweise hat einen Track von Masha Qrella an Grey’s Anatomy lizenziert, der Ärzteserie für kluge Mädchen und ihre Freunde. Die implementiert ebenfalls immer wieder Bands mit gutem Geschmack von Metric über The Pipettes bis zu Death Cab for Cutie. Was zur Folge hat, dass auf Last.fm der “Favorite tune played on Grey’s Anatomy“ in einem eigenen Forum diskutiert wird.

Damit Fernsehserien das neue Musikfernsehen werden, reicht das aber alles noch nicht. Denn eigentlich kann man sich ja wundern, wieso Menschen überhaupt auf das aufmerksam werden, was sie hören – einen ordentlich langen Abspann, indem das verzeichnet wird, gibt es bei Serien eher selten. Das Wissen, welche Musik da gespielt wird, kommt von woanders. Aus dem Internet. Und das ist immer dabei, denn heute sitzen die Leute vor dem Fernseher nicht mehr unbedingt alleine. Sie haben ihren Laptop bei sich oder sie gucken die Serien gleich auf dem Rechner. Das hat zur Folge, dass man umgehend immer nachgoogeln kann, was man gerade gehört und gesehen hat – dass man einen Song haben will, hätte man bis zum nächsten Tag im Büro auch schon lange wieder vergessen. So sieht real gelebte Konvergenz eben aus – wenig bedrohlich. Im Gegenteil, für die Musik ist das gut.

Serien aus der DVD-Box: 25, Life on Mars, Greys Anatomy, Bones und Twin Peaks.

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Elektronische Lebensaspekte.