Kunst, Wissenschaft, Technologie, Aktivismus: Die Ausstellung "Sex - Vom Wissen und Wünschen" zeigt eine komplexe und interessante Annährung an die Thematik von vielen Seiten: Vom Anti-Onanier-Apparat über den Orgasmus als Revolte zum Auseinandertreten von Fortpflanzung und Sexualität. Doch auch in einer Ausstellung über Sex trennen die Geschlechtsteile noch die Menschen beim Gang zum Klosett.
Text: kathrin peters aus De:Bug 58

Sex – Vom Wissen und Wünschen
Eine Ausstellung im Hygienemuseum Dresden

Eine Ausstellung über “Sex” weckt Erwartungen, zumal dann, wenn sie in einem Museum zu sehen ist, welches das Wort “Hygiene” im Namen trägt. Von einem Projekt zu Sexualaufklärung, Geschlechts- und Infektionskrankheiten bis zu einer Kritik des öffentlichen Redens und Zeigens von Sex wäre einiges denkbar gewesen. Das Ausstellungsteam hat gut daran getan, nicht zu verdoppeln, was an soft-pornografischem Material auf der Straße liegt. Statt die Bilder, Texte und Filme zu zeigen, die Lust erregen (oder erregen wollen), tritt sie einen Schritt zurück und thematisiert unsere Obsession für Sex als “Lust, die Lust zu wissen”, wie Foucault einmal bemerkte. In ihrer ersten Abteilung “Wissen” sind Materialien aus der Zeit um 1800 bis heute versammelt. Sie zeigen eine Geschichte der Sexualität, denn entgegen aller Behauptungen ist Sexualität kein ahistorisches Phänomen. Als Wissenschaft formiert sich die Sexualität in der Biologie und Botanik zunächst namenlos, d.h. ohne dass man sie bereits als “Sexualität” bezeichnet hätte. Die ausgestellten Wachspräparate menschlicher Geschlechtsorgane (1784-86) aus Sammlungen von Geburtshilfen sind beeindruckende Exponate dieser Anfänge. Überhaupt: Selten kann man behaupten, dass irgendetwas für sich spräche, aber in der vorliegenden Zusammenstellung von Bilder, Büchern und Objekten treten tatsächlich die zentralen Leidenschaften hervor, um die alles kreist.

Orgasmus und Revolte
Der Kupferstich aus de Sades “Justine” (1791) wird das Expliziteste bleiben, was die Ausstellung überhaupt zu bieten hat. Der libertinäre Befreiungsdiskurs um 1800, der für sich in Anspruch nahm, den freien Bürger nur durch eine gesetzlose “Geilheit” verwirklichen zu können, tritt in bemerkenswerte Wechselwirkung mit der politischen Pornografie der 1970er Jahre, in der mit Filmprojekten wie “Sexokratie” (Uve Schmidt) eine “Gleichrangigkeit von Orgasmus und Revolte” postuliert wurde. Ebenso gibt es eine erstaunliche Parallele zwischen der Arbeit “Psychopathia Sexualis” des Arzt und Psychiaters Richard Krafft-Ebing, der für seine Untersuchungen zur Perversion Geständnisse von Sexualverhalten sammelte, und der ca. 50 Jahre später erscheinenden Studie von Alfred C. Kinsey “Das sexuelle Leben des Mannes” (1948). Gleichermaßen auf der Suche, aber auf der Suche nach einer anderen “Wahrheit des Sexes” sind die Jugendlichen, die in einer merkwürdigen Vermischung von privatem Geheimnis und öffentlicher Preisgabe ihre sexuellen Fragen an die Jugendmagazine in Ost (Junge Welt) und West (Bravo) richten und scheinbar systematisch diejenigen verpassen, die ihnen mit ihren Verhütungsmittelkoffern von Pro Familia entgegenkommen.
Noch schmunzelnd über die hölzernen Gliederpuppen, die die verschiedenen Stellungen beim Geschlechtsverkehr anschaulich machen sollen (1966), findet man sich dann wieder den harten Fakten der sexuellen Anatomie ausgesetzt: Zwischen “Wissen” und dem nächsten Bereich “Praxis” befinden sich die Toiletten – eine für Männer, eine für Frauen. Dass sich niemand dieses Zwischenraums angenommen hat, um die Belange der Ausstellung über den engen Bereich der Musealisierung in die alltägliche Welt heraus zu treiben, ist erstaunlich, denn in “Praxis” wird das Thema “Toilette” als Zwangsheterosexualismus sogar aufgenommen: Es findet sich dort ein Exponat mit dem Vorschlag einer Aktivistengruppe, regelmäßig eine dritte Toilette einzurichten. Aufschrift: “Zwitter”.

Spaß vs. Fortpflanzung
Insgesamt bekommt man in diesem Raum, der sich das aktuelle Auseinanderdriften von Sexualität und Fortpflanzung zum Thema gemacht hat, den Eindruck, dass er ein wenig in jenem Aufklärungsdiskurs steckengeblieben ist, der vorher so anschaulich analysiert wurde. Zur Präsentation von In-Vitro-Fertilisationstechnologie und medizinischen Bildern von Hormonen und Befruchtungsvorgängen wünscht man sich ein wenig mehr Distanz: wie Hormone “aussehen” ist wohl weniger wichtig als die Frage, wozu diese Bilder eigentlich nützlich sind, wer diese Visualisierungen braucht und was sie überhaupt zeigen. Warum ist es notwendig, Eltern intersexueller Kinder zur Operation zu raten oder zumindest zu einem “eindeutigen Erziehungsgeschlecht”? So interessant die Zeittafel zur Rechtsprechung in Sachen Sexualität von 1851 bis 2001 ist, so zeigt doch die Bundestagsdebatte um das Embryonenschutzgesetz in einem Fernseher der Ausstellung unfreiwillig auf, wie sehr die Politik eine Entwicklung zu regulieren versucht, die sich in den biomedizinischen Labors längst selbständig gemacht hat. Ist es also tatsächlich so, dass Identitäten, Sexualpraktiken und Familienmodelle zur Verhandlungssache, zu Entscheidungsfragen geworden sind? Was aus der veränderten Lage resultiert, beantwortet die Ausstellung treffend in ihrem – ansonsten sehr empfehlenswerten – Katalogbuch. Dort nämlich steht im Geleitwort der DKV (Deutsche Krankenversicherung), Partner des Deutschen Hygiene-Museums, dass Mediziner “herausgefunden haben, dass Menschen mit einem erfüllten Sexualleben weniger krank sind und länger leben.” Das Interesse der Biopolitik an der Sexualität ist nicht länger auf eine gut funktionierende Fortpflanzung eines heterosexuellen (Ehe)Paares fokussiert. Innerhalb eines neoliberalen Rahmens, der jedem gestattet, auf seine Weise glücklich zu sein, wird die eigene körperliche Gesunderhaltung gleichwohl ständig angemahnt. Eine Krankenversicherung, die sich in Zeiten des Abbaus staatlicher Versicherungssysteme selbst als “Gesundheitsmanager” tituliert, weiß, wie sie ihr Klientel, also uns alle, in die Pflicht nimmt: mit dem Verweis auf Eigenverantwortlichkeit. Willkommen in der Kontrollgesellschaft!

Annäherungen durch Kunst
Die künstlerischen Beiträge der Ausstellung, die u.a. von Rosemarie Trockel und Astrid Wege ausgewählt und zusammengestellt worden sind, machen dagegen immer wieder klar, dass es um den Sex nicht so einfach bestellt ist. Carolee Schneeman filmte 1965 den Liebesakt mit ihrem Freund und versuchte das sexistische Blickregime dadurch zu durchkreuzen, dass sie die Filmoberfläche zerkratzte und versengte (“Fuses”). Im selben Jahr forderte Yoko Ono das Publikum ihrer Performance “Cut Piece” auf, ihr die Kleider vom Leib zu schneiden. Dass Frauen auf besonders prekäre Weise in sexuelle Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse eingelassen waren und sind, führt auch das Video Piet Eekmanns von 1997 vor, in dem seine Oma von ihren Männern erzählt. Der zweite dieser Männer, berichtet sie erstaunlich offen, hätte den ehelichen Verkehr immer nur in Kleidung vollziehen können oder wollen. Es war für sie eine unangenehme, ja schmerzhafte Angelegenheit, so dass sie trickreich versuchte, “the duty of sex” nur in mehrwöchigen Abständen nachzukommen.

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Elektronische Lebensaspekte.