Der Hoodie wird vom Anzug abgelöst
Text: Mats Almegard aus De:Bug 112


Der Hoodie wird vom Anzug abgelöst. Damit das nicht ohne Schmerzen vonstatten geht und man nicht wie Nachbars Konfirmationsliebling aussieht, braucht man mehr Unterstützung, als Pressefotos von Pete Doherty bieten können. Der schwedische Designer Göran Sundberg verfolgt mit seiner neuen Herbstkollektion genau das Ziel: Er will den Anzug clubfähig machen und den Underground mitziehen. Dubstep hilft ihm dabei mehr als New Rave.

Es ist ganz dunkel im großen Saal. Eine senkrecht hängende Neonröhre funkelt ab und zu. Im spärlichen Licht erahnt man die dunklen Gestalten auf der anderen Seite des Catwalks. Plötzlich ertönt eine Bassdrum, bald darauf eine tiefe Bassline. Bald erkennt man, dass es Burials ”Distant Lights” ist, das gerade gespielt wird. Dann flackern die Lichter auf und Models erscheinen. Sie bewegen sich traumwandlerisch durch die schwarze Umgebung. Fast alle in grau-schwarzen Klamotten. Sehr viele von den männlichen Models in eleganten Designeranzügen. Es riecht nach Science-Fiction, nach Großstadt, nach Futurismus – und Clubleben. Aber gleichzeitig nach den Fünfzigern, nach englischem Savile-Row-Schnitt.

“Während der Arbeit mit der neuen Kollektion habe ich fast die ganze Zeit Burial gehört. Es ist ein sehr faszinierendes Album und es hat mich unglaublich inspiriert“, sagt Göran Sundberg, der Mann, der für das Design verantwortlich ist.

Dubstep als Inspiration für High End Fashion? Warum nicht. In seiner zweiten Kollektion hat er die Bomberjacke mit dem edwardianischen Stil verbunden. Diesmal ist es aber nicht die gewaltsame Kickerskulptur, die er untersucht, sondern eher die Clubkultur. Sein Interesse liegt irgendwo zwischen den Welten des guten Aussehens und dem völligen Hedonismus. Gleichzeitig ist er gerade 42 Jahre alt geworden.

Göran Sundberg: Mein Interesse für den Anzug hat erstens einen pragmatischen Grund. Ich bin halt älter geworden und möchte nicht selber wie so ein Quasi-HipHopper aussehen. Ich fühle mich aber noch jung und gehe gern in Clubs. Die Klamotten müssen meinem physischen und psychischen Alter entsprechen. Aus diesem Zwiespalt heraus entstand eine Kollektion, die hoffentlich sowohl im Club als auch im Büro funktioniert, auch wenn der Kopf von der Party schmerzt und man trotzdem proper aussehen muss.

De:Bug: Und die zweite Erklärung für dein Interesse am Anzug?

Göran Sundberg: Haha, da habe ich eine noch pragmatischere Erklärung! In Schweden gibt es halt so viele Modelabels, die sich mit Jeans beschäftigen, und sie sind auch gut! Der Markt ist gesättigt. Und nicht viele Designer arbeiten mit Anzügen …

De:Bug: Du hast in einem Interview gesagt, du möchtest ”den Anzug wiedererobern”. Was meinst du damit?

Göran Sundberg: Nun, der Anzug ist eben eine verdammt langweilige Uniform der Businessleute und Beamten geworden. Das möchte ich gern verändern, den Anzug verjüngern, ihn schicker und sexier machen.

Göran Sundberg schafft auch elegante, witzige Kleidungsstücke für Frauen, wie zum Beispiel Capes, Kleider, Leggings und Blusen. Auch hier spielt er mit unterschiedlichen Stoffen. Er mischt Baumwolle und Kaschmir mit Gore-Tex und WCT, wobei er es immer schafft, einzelne ganz futuristische kleine Details in Kleidungsstücke einzubauen, die sonst ziemlich traditionell anmuten. Der rote Faden der neuen Kollektion ist Futurismus, gepaart mit einer durchgehenden Silhouette, die unten sehr eng, oben ziemlich weit ist. Dies gilt sowohl für die Männer- als auch für die Damenseite. Von den Frauenklamotten spricht er aber nicht so gern wie von der Männerlinie. Oder besser gesagt, über die Herrenanzüge. Ohne Frage stellen diese das Rückgrat seines Schaffens dar.

Göran Sundberg: Als Teenager war ich sehr Anglo-orientiert. In England passierte sozusagen alles, was mir wichtig war: Mode, Musik und Kunst. Aus dieser Anglophilie stammt wohl meine Liebe zu Edwardianismus, Mods und der Clubkultur. Immer noch bin ich öfters in London, aber meine Kumpels raten mir ständig davon ab, in einen Dubstep-Club zu gehen, weil alle anscheinend in den nicht so sicheren Gegenden von London liegen. Mir geht es auch darum, welche Vorstellung ich vom Clubleben habe. Das ist mir wichtiger als die Clubs an sich. Da ich keinen Dubstep-Club besucht habe, kann ich total frei designen. Es entspricht eher einer Phantasie. Keine Realität. Ich bin aber in einem Londoner New-Rave-Club gewesen. Lange habe ich überlegt, ob ich statt einer Dubstep-inspirierten eher eine New-Rave-Kollektion entwerfen sollte, aber New Rave hat am Ende den kürzeren gezogen.

De:Bug: Gott sei Dank!

Göran Sundberg: Haha, ja, New Rave ist nicht gerade schön, soll es wohl auch nicht sein. Ich bin jetzt auch froh, dass ich am Ende die New-Rave-Geschichte aufgegeben habe.

De:Bug: Wie und wann passt eigentlich ein Anzug im Club?

Göran Sundberg: Alles dreht sich natürlich wie immer um die Kombination. Man muss einen Anzug nicht mit Krawatte und weißem Hemd tragen. Ein Trainer oder gar nichts unter dem Anzug sehe ich als die perfekte Clubwear. Mir geht es auch nicht so sehr um die Clubsituation an sich, sondern um das, was wir, die gerne in Clubs gehen, tagsüber tragen können, ohne uns dabei wie unsere eigenen Großväter vorzukommen. Wirklich gelungen sind meine Anzüge dann, wenn man sie im Club tragen kann, in Kombination mit T-Shirt oder was weiß ich, dann direkt ins Büro gehen und nur kurz T-Shirt gegen Hemd auf dem Klo tauscht.

De:Bug: Stehst du nur auf Dubstep?

Göran Sundberg: Nein, Burial hat meine dritte Kollektion zwar sehr beeinflusst, aber ich höre natürlich auch andere Musik! Mein absoluter Lieblingskünstler aller Kategorien ist Plastikman. Ich weiß nicht mehr, wie das Lied heißt, es ist eins auf ”Artifakts (BC)”, aber dieses Lied – ich glaube, es ist Teil meiner Entscheidung, Designer zu werden. So künstlerisch kreativ wollte ich auch werden, aber mit anderen Mitteln. Wenn meine Kollektionen gut genug geworden sind, werde ich die Fashion Shows zu diesem Lied durchführen!

De:Bug: Was genau in der Clubkultur möchtest du in Mode überführen?

Göran Sundberg: Die Energie, der Hedonismus, die Härte. Ach, ich kann nicht nur eine Sache nennen. Aber diese drei Aspekte sind es, die mich interessieren.

De:Bug: Futurismus scheint auch wichtig zu sein? Viele Details an den Klamotten sehen so leicht verdreht futuristisch und phantastisch aus.

Göran Sundberg: Ich würde lügen, wenn ich das verneinte. Meine Vision von Dubstep und Techno ist Urbanität, Futurismus und auch Science Fiction. Eine Stadt, die pervers geworden ist, die aus den Fugen geraten ist. Darüber liegt eine gewisse und schwer zu präzisierende Schönheit.

De:Bug: Dann guckst du auch sehr viele SF-Filme?

Göran Sundberg: Mein ganzes DVD-Regal ist voll von SF! Science Fiction und Mode sind eigentlich ziemlich ähnlich. In beiden Fällen geht es darum, etwas zu gestalten, was es bisher nicht gibt. Außerdem ist ein guter SF-Film eine wahre Augenweide für einen Designer.
http://www.goransundberg.com

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Elektronische Lebensaspekte.