Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 11

Überschrift: Mit Steve Jobs auf Butterfahrt Vicky Tiegelkamp vicky@berlin.snafu.de Früher ging man zu Konzerten, um Stars bejubeln. Licht aus, Spot an. Heute geht man auf Messen und bejubelt Digeratis. New York, Mitte März, “Seybold Publishing 98” im Jacob Jarvits Center. Neben der Alibi-Austeller-Fläche (Microsoft und Netscape waren nicht da), kündigte der Veranstalter Seybold an: diesmal geht es um Webpublishing. In Zusammenarbeit mit Hotwired wurden Vorträge und Workshops angeboten. Und es gab zwei richtige Rock’n’Roll Auftritte, denn Nicolas Negroponte und Steve Jobs hielten die Eingangsreden. Zwischenüberschrift: Das Netz soll wie Negropontes Sekretärin sein 16. März, 9:00 Uhr: Negroponte präsentiert sich so wie erwartet. Ein netter Grundschullehrer erklärt freundlich und mit schräg liegendem Kopf die Zukunft. Er muß es schließlich wissen als Leiter des MediaLabs. Der Mann, der die Welt mit seinem Buch “Total Digital” in Atome und Bits aufgeteilt hat. Der Saal ist voll, das Publikum ruhig. Auf den großen Screens neben der Bühne, kann man auch von den hinteren Sitzen alles, wie bei einer Live-Fernsehübertragung, beobachten. Negroponte erzählt von Dingen, die nicht wirklich überraschen: Bandbreite, Privatsphäre, Vertrauen, Zahlungsmodalitäten, Sprache und Spielzeug. Nicht überall sei das Netz so schnell wie in Amerika, also muß in Zukunft weniger mehr sein. Milchmädchenweisheiten, aber charmant gönnerhaft präsentiert. Daß das Netz in Zukunft die Privatsphäre des Einzelnen schützen soll, um so das Vertrauen des Users zu gewährleisten. Ein sehr emotionales und in Amerika viel diskutiertes Thema. Negroponte bewegt beide Hände bedächtig. “Es gibt nur einen anderen Menschen auf der Welt, der über mich soviel weiß wie meine Frau. Und das ist meine Sekretärin. Ihr vertraue ich. Deswegen kann sie immer genau in meinem Sinne handeln und auch Dinge in meiner Abwesenheit in die Hand nehmen.” Wir lernen: Das Netz soll wie Negropontes Sekretärin funktionieren. Es gibt auch ein provokante Sätzchen: “Man glaubt die Umsatzzahlen im Netz werden wir im Jahr 2002 bei 372 Milliarden liegen. Ich glaube, es werden mehrere Billionen sein. Es wird sich aus Cybercash-Transaktionen und Micropayments – der User zahlt pro Klick ein paar Cent – zusammensetzen.” Eifrig schreiben die Businesstypen mit. Damit kann man Zuhause den Chef beeindrucken. Und dann zum Thema Sprache: “Was glauben Sie, welche Sprache wird in fünf Jahren das Netz dominieren?” Pause. “Englisch? Weit gefehlt. Chinesisch.” Negroponte erzählt, er sei gerade in China gewesen und hätte sich dort mit Providern unterhalten. “Die Chinesen sind traditionell an der Ausbildung ihrer Kinder interessiert und deswegen werden sie alles daransetzen, ihre Kinder fit für das nächste Jahrtausend zu machen.” Apropos Kinder. Nicht Hard- und Softwarefirmen werden uns in der nächsten Zeit mit interessanten Gadgets zum Thema Netz verblüffen, sondern die Spielzeugindustrie. Mattel wird z.B. im Herbst die 60 Dollar teure “Barbie Digital Camera” herausbringen, mit der Kinder fotografieren, drucken und E-mail verschicken können. Zwischenüberschrift: Auf Schnäppchenjagd 17. März, 9:00 Uhr: Schon als wir so gegen 8:30 Uhr den Saal betreten, merkt man die nervöse Stimmung der Zuschauer. Es wird schwierig einen Platz zu bekommen. Die Stimmen surren aufgeregt durch den Raum. Von den großen Screens brennt sich das Apple Logo mit dem neuen Kampagnenspruch: Think different! ins Gehirn. Auf was warten wir hier? Auf den Führer, Guru, Heilsverkünder, Popstar? Endlich betritt Jobs das Podium, die Menge tobt. Sind wir hier beim Fußball? Nein viel schlimmer. Man hofft auf Visionäres. Ist Jobs schließlich nicht dafür berühmt? Der Mann, der Apple erfunden hat, mit seiner Firma Pixar den ersten volldigitalen Spielfilm “Toy Story” in die Filmhistorie geworfen hat? Seit letztem Sommer, nach all den Querelen und der Talfahrt von Apple, ist er wieder der Boß. Aber – nix mit Visionäres und die Enttäuschung ist fast so groß, als würde man bei einem Michael-Jackson-Konzert in der ersten Reihe stehen und Michael faßt sich nicht in den Schritt. Stattdessen werden Produkte präsentiert. Der neue Flachbildschirm z.B., auf dem bis zum Ende der Verkaufsveranstaltung einer der Werbefilme von Apple läuft (“Und Sie werden es kaum glauben. Diesen Monitor werden wir für nur 1.999 Dollar verkaufen!”). Plötzlich wird es richtig schräg. Vier Rechner stehen auf der Bühne. Zwei PCs und zwei Macintosh G3 Rechner mit den neuen, schnellen Chips. “Das eine ist ein Apple G3 Computer mit einem 300 MHz Chip und daneben sehen Sie einen G3 Computer mit einem 400 MHz Chip, den wir übrigens ab April nächsten Jahres ausliefern werden – übrigens viel billiger als ein PC Rechner, aber doppelte Leistung! Mein Freund Joe und ich zeigen Ihnen jetzt, mit einer wirklich schwierigen Photoshop Anwendung, wie schnell die Rechner sind. Wollen wir?” Tosendes “Ja” der Menge, die brav dem Kasperle antwortet, ob man dem Krokodil eins aufs Maul hauen soll. Klar ist der G3 mit 400 MHz am schnellsten. Und wie lustig langsam die PCs mit Windows 95 sind. Haha. Und weil das so schön war, zeigt uns Steve das mit einem freudigen “Noch mal?” dreimal hintereinander. Meine Freundin Sabine und ich – ganz die beschämten Europäer – versinken peinlich berührt in unseren Sitzen. Und schließlich sagt sie:” Sag mal, kriegen wir hier gleich noch Salamis und Heizdecken? Ich fühl mich hier wie auf einer Butterfahrt.”

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Elektronische Lebensaspekte.