Vor ein paar Jahren tauchte plötzlich eine HipHop-Maxi auf Plug Research auf. Die Shadow Huntaz, damals produziert von Low Res, legten mit zwei Tracks gut vor. Dann Funkstille, jahrelang. Nun kommt das Kollektiv aus den USA zurück. Ihr Album "Corrupt Data" kombiniert traditionelle Raps mit der advancten Produktion des holländischen Elektronik-Duos Funckarma. Entstanden übers Netz sind alle glücklich, obwohl man sich nie getroffen hat.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 80

Der Geist der hungrigen MCs
Shadow Huntaz

Debug:
Warum gibt es die Shadow Huntaz?

Non:
Das weiß nur Gott, ich bin sicher, er oder sie hatte einen besonderen Plan für uns. Ich traf Breaff aka Shadow1 hier in L.A. Ich wohnte damals in einer kleinen Wohnung zusammen mit fünf anderen MCs und einer SP1200, zwei Plattenspielern, einem Fourtrack, jeder Menge Gras und vielen Hoffnungen. Naja. Breaff und ich arbeiteten an Tracks, kamen gut miteinander aus. Er zog dann nach Las Vegas, traf Sabdullah aka Shadow2 und kurze Zeit später war unsere erste Platte fertig, die Maxi “Put It Together”. Die kennt wohl in Europa niemand.

Debug:
Absolut. Die Maxi “DJ Screams” auf Plug Research war euer “Einstieg” in Europa. Wie kam diese Platte zustande?

Non:
Ich brauchte einen Radio-Edit unserer ersten Single und stöberte die Gelben Seiten durch. So landete ich im Studio von Low Res. Dem gefiel der Track und ein paar Tage später arbeiteten wir mit ihm an Tracks. Zu unserer Überraschung hat diese Kombination von Elektronik und Rap gut funktioniert und zwei der Tracks erschienen dann auf Plug Research.

Debug:
Das war es dann für eine verdammt lange Zeit. Oder habe ich was verpasst?

Non:
Nein, viele Projekte konnten nie beendet werden. In Hollywood gibt es einfach zuviel Bullshit. Typen, die dir irgendwas erzählen und dich dann nicht mehr kennen. Reine Zeitverschwendung.

Debug:
Jetzt seid ihr wieder aufgetaucht. Mit Single, Album und, vor allem, neuen Produzenten: Funckarma aus Holland …

Non:
Das war keine bewusste Entscheidung, aber eindeutig das Beste, was uns bisher passiert ist. Die Zusammenarbeit mir Funckarma war und ist großartig. Nachdem das angelaufen war, haben wir alle anderen Projekte in den USA fallen gelassen. Es war einfach etwas komplett Neues: hot, hot, hot ridiculous music. Prinzipiell würden wir aber mit jedem ernst zu nehmenden Produzenten zusammenarbeiten … Kurz gesagt geht es darum: Die Shadow Huntaz sind auf einer Mission zu beweisen, dass man Rap und HipHop auch auf neuartige Art und Weise machen kann. HipHop bedeutet für uns neue Musik.

Sich quälen, um anders zu sein

Debug:
Viele argumentieren genau anders herum: Im HipHop geht es um Traditionen, die auch die Produktionsweise betreffen …
Non:
Wir drehen das Argument um. Sampling zum Beispiel war damals frisch. Darum war HipHop so anders. Wir behalten die Tradition bei und verwenden frische Produktionstechniken. Es gab eine Zeit, als Rapper sich großen Qualen aussetzten, anders zu sein. Heute sagt man allgemein, dass HipHop irgendwie seinen Weg verloren hat, aber ich denke, es ist mehr als das. HipHop hat sich selbst verloren und Rap ist lediglich der direkte Abkömmling von HipHop. Diesen Unterschied zwischen Rap und HipHop nicht zu kennen, ist ein Phänomen, das von dieser Leere und Hilflosigkeit der Szene verursacht wurde. Jahrelang haben wir HipHop gejagt. Nun haben wir beschlossen, dass HipHop uns schon selbst finden muss. Unser Album “Corrupt Data” beschreibt diesen Prozess.

Debug:
An welchem Punkt, denkst du, hat HipHop sich selbst verloren und warum?

Non:
Die alte Geschichte. Als das Geld kam. Der Weg aus der Misere kann nur sein, zu den Roots zurückzukehren. Zum Geist des hungrigen MCs.

Debug:
Das Album verfolgt zwar per se keinen neuen Ansatz, Rap mit kleinteiliger Elektronik zu mischen, das Ergebnis klingt aber dennoch extrem frisch. Worum ging es der Produktion des Albums?

Non:
Es geht darum, zu experimentieren. Wir sind Fans des Fortschritts und der Vorteile, die er auf die Musik hat. Wir haben unseren Sound nicht gewählt, er hat uns gewählt. Es ist eine neue Erfahrung für alle Beteiligten.

Debug:
Und was die Crowd dazu?

Non:
Die eine Hälfte denkt, ein UFO landet. Die andere Hälfte findet es gut.

Debug:
Die Huntaz sind heute über die ganzen USA verteilt. Das klingt nach konspirativem Netzwerk …

Non:
Stimmt. L.A., Chicago und Atlanta. Drei Mitglieder, drei Städte. Die Shadow Huntaz verstehen sich als offenes Projekt, wir sind immer auf der Suche nach neuen MCs. Sie müssen nur in einer großen Stadt leben und dort die Gruppe repräsentieren.

Debug:
Würde ein solches Netzwerk die konkrete Arbeit nicht verkomplizieren?

Non:
Nein, wir arbeiten bereits jetzt mehr oder weniger unabhängig voneinander. Der gemeinsame Nenner wären die positiven Lyrics.

Schwenk zu einem der Funckarma-Jungs, Don Funcken, die die Shadow Huntaz produzieren.

Don:
Die Maxi auf Plug Research haben wir erst viel später in die Hände bekommen. Der Kontakt kam dann über das Label. Die Arbeit am Album hat ungefähr 18 Monate gedauert. In diesen Zeitraum haben wir insgesamt 45 Tracks gemacht. In der Regel haben wir Beats rüber geschickt. Non hat die dann verteilt und Vocal-Ideen zurückgeschickt. Auch ein paar alte Tracks von ihnen waren dabei. Damit haben wir dann weiter gearbeitet. Es hat eine Weile gedauert, bis wir auf einer Wellenlänge waren – das Feedback der Jungs war anfangs sehr zurückhaltend. Ich glaube, das Gute an unserer Zusammenarbeit war, dass wir nicht aufeinander gesessen haben. Wir haben unseren Teil des Jobs erledigt, sie den ihren.

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Elektronische Lebensaspekte.