Der musikalische Hauptbezugspunkt der in den frühen achtziger Jahren gegründeten Zitat-Wave-Band FSK ist nun schon seit fast zehn Jahren Techno, ihr neues Album haben sie mit dem Detroit-Helden Anthony Shake Shakir aufgenommen.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 80

Niemals auf 100% gehen
FSK/ Anthony Shake Shakir

Von Alexis Waltz

FSK-Mitglieder Thomas Meinecke und Michaela Melián und das als Produzent geladene Idol Anthony Shake Shakir legen im Weilheilmer Uphon-Studio gerade letzte Hand an das gemeinsame Album; Thomas fragt, ob ein Vocal nicht noch einen Grad lauter im Mix erscheinen könnte. Shake antwortet in einem breiten Singsang: “If you like it, Thomas, I love it.“

Bei FSK geht es nie darum, sich einen Style, einen Sound wirklich einzuverleiben, eher um die Primäreuphorie, die Musikhören auslöst: 1980 Velvet Underground, 1983 klassischer Rhythm & Blues, später die Hillbilly-Musik, seit Mitte der Neunziger elektronische Tanzmusik. “Es war ja nie gemeint, etwas Eigenes zu schaffen, sondern eher auszuprobieren, was passiert in dieser Betonung des Rezeptiven: Was erfahren wir dabei, was passiert, wenn wir uns da reintun?“ FSK stellen die Rezeptionsgeste in den Vordergrund, machen die Rezeption zu Produktion. Es geht um die geliebte Musik und das Moment des Hörens; im Studio bringt jeder etwas ein, aus dem Momente herausgelöst werden. Das Vorspielen ist Anfangspunkt der Kollektivarbeit – es gibt keine individuell vorbereiteten Songs oder Ähnliches. Virtuosität und Authentizität sind die Gegenbegriffe. Es gibt keine mimetische Aneignung des Anderen, keinen Übergang zu etwas anderem, wo das Eigene nur als Stil erhalten bliebe. Aneignung funktioniert für sie “nie im Sinn eines Erfüllen-Wollens“. In der Aneignung von etwas anderem, klar benannten, einer Timbaland-Drumfigur etwa, ist der FSK-Sound nur ein “Abfallprodukt“ dieser Aneignung des jeweils Fremden: “Es bleibt unser Restsound. Diese Distanz, diese Differenz zu dem, was in unseren Köpfen ist, bleibt immer da. Wir samplen etwa von Wolfgang Voigt eine Minute lang, transkribieren es dann irgendwo hin. Das bleibt, verglichen mit Shakes Sampling, nah am Original. Ist aber nie das Original, weil wir eine rumpelnde Band sind: Shake denkt dann, aha eine Polka, was witzig ist, wenn man weiß, dass Voigt auf Polkas steht – aber wir wären nie darauf gekommen, es so zu bezeichnen.“

FSK wurden in einem Deutschland gegründet, das von seiner “Unterhaltungsgeschichte“ (H. Schmidt) abgeschnitten war, das sich noch nicht auf die Superstarsuche begeben hatte. Aus deren Irrwegen und Psychosen rettet nach wie vor die amerikanische Pop-Kultur, die tagtäglich-akribisch verfolgt wird: Was hat mir Timbaland heute, in dieser Produktion, zu sagen (Thomas), zugleich ist sie Projektionsfläche (Michaela). Als Anfang/ Mitte der Neunziger FSK als “eigenständige Deutsche Popmusik“ gelobt wurde, begannen die Exorzitien durch die elektronische Musik. Allerdings haben sich von Anfang an die Songs nie erfüllt, es gab keine Klimax, nur den Loop; der Blues wurde nicht zur Deckungsgleichheit gebracht. FSK arbeiten gegen die Abgeklärtheit, die Musik zu genau zu beherrschen, zu gut zu wissen, wie etwas funktioniert. “Wir versuchen, unsere Produkte aus der Gefühlswallung rauszuhauen, aus dem, etwas ‘nicht ganz verstanden zu haben’.“

Beharrlich verfolgen FSK die Geschichte der Black-Sonic-Fiction. Bis nach Virginia Beach etwa, ins Studio von Missy Elliott und Timbaland: “Ein großes Foto vom Saturn hängt über dem Mischpult.“ Und deren hiesige Effekte: Die Erblondung der afro-amerikanischen Girls führt im Umfeld der eigenen Tochter, wo die meisten ohnehin blond sind, dazu, dass es am coolsten wäre, einen schwarzen Freund haben. Wesentlich ist, dass FSKs Hören der schwarzen Musik nicht über die rockjournalistische Folie von Authentizität funktioniert. Thomas: “Selbst der Mississipi-Delta-Blues handelte schon vom Disloziertsein. Dass es nicht um das geht, was der Schwarzen Musik zugeschreiben wird, wird auch in einer käsigen Terrence-Parker-Platte klar, ganz zu schweigen von einer unkäsigen Terrence-Dixon-Platte.“

Für das neue Album wollten FSK ihre Musik wieder einmal dem transatlantischen Feedback aussetzen, sich “mit dem reiben, worauf wir uns beziehen“. Ursprünglich war die Idee, dass ein Produzent Disco-Mixes der Stücke der Band herstellen sollte. Daraus entwickelte sich der Kick, sich mit dem Helden zusammenzutun: Shakes Geste war eher “mitzuspielen, sich einzumischen anstatt abzumischen“. Fünf Stücke der für das Zusammentreffen vorbereiteten zehn blieben unverändert. Die fand Shake perfekt, wie sie waren. Bei fünf weiteren wurden einzelne Spuren im MPC gesampelt und weiterverarbeitet oder es kam neues Material dazu. Lediglich ein Stück wurde ganz umgearbeitet: ”Tiger Rag“, das als Remix und Original erscheint. Shakes Arbeit sei nicht die eines Produzenten gewesen, sondern die eines freundlichen Mitspielers, der ”Unterwanderungen, Anverwandlungen, freundliche Übernahmen“ produziert. Oft fügt Shake winzige, extrem wirksame rhythmische Verkomplizierungen ein, etwa die HiHat in ”Salt Peanuts“, die in ihrer spröden Blechigkeit auch ein Kratzen an der fast smarten Oberfläche des Bandsounds ist. Auf ”Incident with the Dogs“ wird das Stück von einem überdimensionalen Bass durchflutet – Michaelas Bass bleibt aber wie bei allen Stücken unverändert.

FSK und Shake teilen das Objekt der Begierde, die Geschichte der Schwarzen Musik. Zu ihrer Gegenwart bieten sie ähnlich dezentrierte Pointen an – der jeweilige Approach ist genau entgegengesetzt: Shake entwickelt am MPC Gegenmodelle zu einer schwarzen Detroiter HipHop-Welt, deren großes Idol Tupac ist. Die tatsächlichen Adressaten seiner Musik sind die informierten europäischen Kreise – FSK zum Beispiel. Während sich FSK selbst als Resonanzkörper für Bruchteile von musikalischen Sprachen einsetzen, forscht Shake mit minimalem Setup an neuen Breaks wie einst Drum and Basser wie Photek. Diese beiden Arten, exzentrische wie entgegengesetzte Grooves zu entwickeln, reagieren auf ”First Take Than Shake“ ganz unmittelbar aufeinander.

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Elektronische Lebensaspekte.