Shanghai: Viel Geschichte, noch mehr Zukunft. Die chinesische Metropole will mit Perry Rhodan-Wolkenkratzern Tokio und New York in den Schatten stellen. Ein Futurismus, der Sci-Fi-Autoren beflügelt. Neal Stephenson zum Beispiel.
Text: andreas krüger aus De:Bug 36

Sci-Fi-City Shanghai Ungleichheit und Unrecht sind dieser Stadt nicht auszutreiben, denn sie ist auf Gewalt gegründet, so fest wie Manhattan auf Fels. Die Geschichte des heutigen, von Hochhäusern strotzenden Wirtschaftswunder-Shanghais begann aber eigentlich erst, nachdem China infolge des Tiananmen-Massakers in tiefe Stagnation gefallen war. Es konkretisierte sich der Plan, durch eine Wiederbelebung Shanghais, das in der Vergangenheit schon einmal eine Stadt der wirtschaftlichen Blüte gewesen ist, das ausländische Kapital zurück ins Land zu holen. So wurde vor zehn Jahren, am 18. April 1990, gegenüber dem immer noch vom verblichenen Charme der Bourgeoisie geprägten alten Shanghai, am anderen Ufer des Huangpu die Sonderwirtschaftszone Pudong gegründet. Diesmal sollten nicht die Chinesen den Ausländern, sondern die Ausländer den Chinesen die Paläste bezahlen. Wo damals nur ein paar veraltete Werften und schäbige Bauernhütten waren, entstand in den 90ern eine neue Stadt mit über 1,5 Millionen Einwohnern und 240 neugebauten Hochhäusern. Staatsbetriebe, Joint Ventures und halblegale Computerfirmen teilen sich 3,5 Millionen m2 neue Bürofläche. Spirit of Mega Als Fussgänger sieht man jedoch zunächst die Überreste der Arbeitersiedlungen der Zwanziger und Dreissiger. Zwischen ihnen ragen immer mehr Wohn- und Büroblocks hervor Ð zwischen zehn und dreissig Stock hoch. Zweckgebäude, schnell gebaut und von geringer Haltbarkeit. Zumeist weiss oder rosa verkachelt, modern und vor allem leicht abwaschbar. In ihnen lebt und arbeitet ein Grossteil der 17 Millionen Einwohner Shanghais. Je höher das Stockwerk, desto höher die Miete. Die echten Wolkenkratzer finden sich im Unterschied zu allen anderen vom Hochhausehrgeiz angefallenen Städten der Welt kaum in der Stadtmitte, sondern in den westlichen und östlichen Entwicklungszonen. Wolkenkratzer in rosa, hellblau, gelb, grün und silber, oval, rund oder eckig oder alles gleichzeitig. Auf manchen scheint eine fliegende Untertasse gelandet zu sein, andere glänzen durch gigantische aufgesetzte Uhren, Pagodendächer oder am ehesten als “klingonisch” zu bezeichnende Verzierungen. Bruce Sterling, der auf der Suche nach dem “Spirit of Mega” Shanghai besuchte, schrieb: “You gasp in awe, and then you giggle. But the awe is very genuine, and the giggling is a Yankee personality problem”. Er erkannte als einer der wenigen die Schönheit dieser unwahrscheinlich vorlauten und protzigen Türme, die von dem unbedingten Ehrgeiz der Shanghaier künden, es erst mit Shenzhen (bereits geschafft), dann mit Hongkong und Taipeh und schliesslich mit Tokio und New York aufnehmen zu wollen. Asian Values ”IÕve seen the future and it will be, IÕve seen the future and it works.” Wem das von Prince besungene Gotham City zu comichaft ist, der pilgert heute nach Shanghai, um einen Blick auf das real existierende Utopia zu werfen. Doch der Kulturschock kann mächtig sein. Neal Stephenson, Autor von “Snow Crash”, schrieb mit “The Diamond Age” ein SciFi-Märchen über Shanghai im späten 21. Jahrhundert. Auch sein neuestes, noch unübersetztes Buch “Cryptonomicon” beginnt in Shanghai, diesmal in der quasi-mythischen Stadt der dreissiger Jahre. Beide Bücher thematisieren dabei auch u.a. die amerikanische Angst vor der “Gelbe Gefahr”, die Angst der Weissen angesichts der unüberschaubaren Masse unberechenbarer Chinesen. In “Diamond Age” verlängert Stephenson die gegenwärtige Entwicklung und toppt das ihm zu “chinesische” Pudong mit einem jenseits davon gelegenen “New Chusan”. Zwischen viel Technobabble um Nanotechnologie (Molekül-Engineering) und interaktive Bücher beschreibt er eine neue Herrschaftsklasse der “New Victorians”, eine neue multikulturelle Technologie auf der Grundlage von ökonomischer Macht und einem strikten Moralcode. Das ist so absurd nicht, wie die Diskussion um “Asian Values” zeigt. Dem Singapurischen Stadtstaatlenker und prominenten Verfechter der “Asian Values”, Lee Kuan Yew, wurde bereits mehrfach unterstellt, er habe die in seiner englischen Schulausbildung gepredigten victorianischen Werte etwas zu wörtlich genommen. Postnationales Utopia? Shanghai war von Beginn an ein utopischer Ort. Viele, die nach Shanghai kamen, hofften auf Glück, Geld und eine bessere Zukunft, waren Flüchtlinge, Abenteurer oder Eroberer: Chinesen ebenso wie Europäer und Amerikaner, sephardische Juden, Japaner, die weissrussischen Flüchtlinge, die jüdischen Flüchtlinge während der dreissiger und vierziger Jahre. So verdankt Shanghai im Unterschied zu allen anderen vom Imperialismus geprägten Städten bereits seine Existenz als Grossstadt einer prekären Balance aus in sich äusserst heterogenen östlichen und westlichen Einflüssen. Die Machtlosigkeit des Ð gleichwohl vorhandenen Ð Staates und die Herrschaft durch einige Klans vor der kommunistischen Machtübernahme kann als Vorgeschmack auf die postnationale (Un-)Ordnung gelesen werden. In seinen brillanten Kindheitserinnerungen “Das Reich der Sonne” beschreibt der 1930 in Shanghai geborene SF-Autor J.G. Ballard, wie das komplexe Gewebe der Stadt sich mit der japanischen Besetzung auflöst und durch eine zugleich irreale, wie äusserst brutale Gefangenenlagerwelt ersetzt wird, die nach der japanischen Kapitulation ebenfalls in sich zusammenfällt. Die Lagerinsassen werden zur leichten Beute umherstreifender Banditen. Themenpark-Architektur Die Bevölkerung Shanghais hat es in den vergangenen 150 Jahren unzählige Male erlebt, wie ihre soziale Struktur komplett umgestürzt wurde. Die Gegenwart aus Stahl und Glas scheint ebenso unsicher wie der schlammige Grund, auf dem sie erbaut ist. Vergangenheit und Zukunft verschlingen die Gegenwart und lösen sie auf. Es ist ein Klischee, doch man glaubt es gerne: In Shanghai sollen ca. ein Fünftel aller Baukräne der Welt stehen, unablässig (und die ganze Nacht hindurch) damit beschäftigt, die steinernen Zeugen der Vergangenheit auszulöschen oder die stählerne Zukunft zu bauen. Dieser Prozess, zugleich faszinierend und schockierend, wird von den meisten Shanghaiern begrüsst. Wirtschaftswundermentalität: Nicht nur sind die alten Häuser unansehnlich und heruntergekommen, sie sind zu häufig im Namen von fremden Herren erbaut und von den Geistern des “Grossen Sprungs nach vorn” (ca. 20-30 Millionen Tote in ganz China), der Kulturrevolution (400.000 – 1 Million Tote) und der sozialistischen Mangelwirtschaft in den Zeiten dazwischen bevölkert. Die kontaminierte Vergangenheit wird durch den abstrakten Bezug auf die sprichwörtlichen “fünftausend Jahre” chinesischer Geschichte ersetzt. Theme-Park-Architektur ersetzt die Spuren von Schweiss und Blut. Das Bauhausdiktat “form follows function” haben die Chinesen ganz wörtlich genommen und eine unverwechselbare ‘architecture parlante’ entwickelt. Das neue Museum ist dagegen einem 5000 Jahre alten bronzezeitlichen Kessel (samt Henkeln) nachempfunden. Das mit 460 m höchste Gebäude in Pudong, das JinMao-Building mit 88 Stockwerken vierthöchstes Hochhaus der Welt, gleicht nicht nur einer chinesischen Pagode: Mit seinen acht Ecken und 88 Stockwerken spielt es auf die chinesische Glückszahl 8 an (“8” reimt sich auf “Reichtum”). Über 200 Betonpfeiler wurden 80 m tief in den Grund gegossen, um dem Turm sein Fundament zu geben. Unweit davon steht bereits der “Oriental-Pearl”-Fernsehturm: Mit seinen futuristischen Kugeln und Streben erinnert er uns Barbaren an Perry Rhodan. Der chinesische Gebildete denkt hingegen an ein klassisches Gedicht, das den magischen Moment beschreibt, in dem drei Perlen in einen Jade-Teller fallen. So sieht sich die Partei gern: Hüterin der chinesischen Vergangenheit und Garantin der Zukunft. An allen grossen Bauprojekten ist die Partei, bzw. eine der staatlichen Banken, Investmentgesellschaften oder Ministerien massgeblich beteiligt. Auch heute entscheidet eine (Partei-)Oligarchie darüber, wer reich werden kann und wer nicht. Die jungen Shanghaier sagen bei solchen Gelegenheiten: “Same-same, but different.”

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Elektronische Lebensaspekte.