Wien hat Kruder & Dorfmeister, Frankfurt hat Shantel. Seine poppigen Downtempo-Platten versüßen jeden Milchkaffee. Musikalischer Antrieb für Shantel bleibt jedoch die Vereinigung von Gegensätzen - und damit das als kreatives Umfeld gewahrt bleibt, zieht man schon mal bis TelAviv und dreht in Brasilia.
Text: Fee Magdanz aus De:Bug 47

Frankfurt am Meer
Shantel
Shantels Musik wußte ich für mich nie wirklich stilistisch zu verorten. Seine Platten sind immer sehr zwiespältig und scheinen sich nie auf einen bestimmten Stil festlegen zu wollen. Oder, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen: “Mich interessiert die Verbindung von warmen, akustischen und fragilen, eher klassischen Sounds mit unterkühlter Elektronik.” Jedoch ist das sicherlich mehr ein schöner und auch eigenwilliger Charakterzug seiner Musik als so etwas wie ein Makel. Shantels Faszination für Kontraste zieht sich durch alle Bereiche, auch abseits der Musik. Kontraste sind gut für die Fantasie. ”Frankfurt am Meer”, wie es auf Shantels Platten mal beschworen wurde, ist ein gelungener Trick, die Realität spielerisch umzudrehen. Sein neues Video hat er trotzdem in Brasilia gedreht. “Das war ein richtiges Abenteuer. Die Hälfte der Crew kam aus Brasilien und der Rest aus Berlin. Wir haben viel zusammen gemacht: gegessen, gedreht und sind gemeinsam ausgegangen”. Das städtische Konzept spiegelt dabei seine musikalische Herangehensweise, Unterkühltes mit Warmen zusammenzubringen, ideal: “Die Stadt wurde Ende der 50er Jahre vom deutschen Bauhaus-Architekten Oskar Niemeyer mitten im Dschungel gegründet,” erzählt Shantel. “Sie ist sehr großzügig und sieht ein bisschen aus, wie aus einem James Bond-Film aus den Sechzigern. Oskar Niemeyer hat dort die Situation geschaffen, etwas sehr Organisches wie den Dschungel in Verbindung zu dieser technischen, formalen typischen Bauhaus-Architektur zu stellen. – Er hat durchweg bei einer ganzen Stadt diesen Gegensatz ausgespielt…” ein Blickwinkel, der von Shantel aufgenommen wird. Immer wieder sind es die Kontraste, die Ausgangspunkt seiner poppigen Downbeat-Musik sind. Städte, so bekommt man den Eindruck, sammelt Shantel als Hintergrund für seine Musik. Lange hat der 32jährige den glatten Bank-Bürotürmen von Frankfurt eine eigene Clubreihe warmer ruhiger Musik entgegengesetzt. Und seinen Zweitwohnsitz hat er in Tel Aviv. “Die Stadt vereint Dinge, die nicht zusammenpassen. Sie ist mediterrane Großstadt, wie beispielsweise Barcelona. Laut, dreckig energetisch, und auch von der Sprache her hat sie einen sehr europäischen Charakter. Gleichzeitig spürt man überall den orientalischen Einfluss und dann wieder muss man an Osteuropa oder Westamerika denken. Dem kann man sich nicht entziehen. Das ist ein ständiges Geben und Nehmen von Energien… und für mich ist es die spannendste Stadt überhaupt.” Seine Kriterien für Städte haben mit Shantels Vorgehen bei seinem aktuellem Album “Great Delay” sehr viel gemeinsam. Dessen große Stärke und Schwäche liegt genau in dieser Vereinigung von Gegensätzlichem.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.