Die Soundtracks eines individuell gelebten Lebens klingen gut. So hält Shawn Rudiman, the Pittsburg based Techno-Pitcher, seine Website und sein Leben under Construction. Er lebt auf gepackten Koffern: Berlin oder Rotterdam? Neapel oder Sheffield? Oder sonstwo?
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 69

Desertierter Techno-GI
Shawn Rudiman

Shawn Rudiman gleicht einem desertierten Techno-GI vor dem Ausschuss für unamerikanische Angelegenheiten. Denn Shawn Rudiman hat Schwierigkeiten, den Rhythmus des amerikanischen Lebens zu finden. So als wäre er dorthin gekommen, der Sprache nicht mächtig, überwältigt von den Eindrücken der großen Städte, gedemütigt von “In The Backyard-Sein” – irgendwie Brecht-like also. Nur: Rudiman lebt in einem Exil-Zustand, ohne aufgebrochen zu sein. Als es dann so weit war, hatte er keine Schwierigkeiten, den Rhythmus eines mittlerweile versunkenen Ortes zu finden. Sein bislang einziger Auftritt in Europa im Berliner Ostgut verschlug vielen die Sprache: Auch seinem Mentor Dan Bell, der sich zu einem: “He’s really kicking the people in the Ass!” hinreißen ließ. Wirklich fürsorglich, diese Behandlung seines US-amerikanischen Schützlings. Shawn Rudiman besucht den Nomaden Bell, um selber schwärmerisch in diesen “Mood” einzutauchen und nach einer urbanen Plattform im Post-Techno-Raum zu suchen. Genauso wie man sich 7th City gerne vorstellt: Als fiktive Stadt mit Alexander Kluge-Images, aber ohne unnötige Fragen.

Oft wurde Shawn Rudiman verlacht. Dort in Pittsburg. Freunde, die mit nach Hause kamen, sagten dann: “Aber du spielst dann nicht wieder deine selbstgemachten Techno-Sachen? Bitte nicht!” Und alle in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld hielten ihn für einen Traumtänzer, obwohl das seinem Image als Techno-GI gar nicht entsprechen mag. “Nie wirst du es nach Europa schaffen. Du bleibst bei uns.” Da rutschen die Klischees über amerikanisches Leben nur so aus Rudimans Munde, dass Michael Moore seine wahre Freude an diesen Ausführungen hätte: “Du bleibst bei uns”, heißt beim ängstlichen amerikanischen Lebensmuster was? Mit voll aufgedrehter Klimanalage Jahr ein, Jahr aus durchs durchschnittliche Leben zu fahren, bis das Kyoto-Protokoll zur 12″ wird. Das klingt im nationalpazifistischen Dosenpfand-Land irgendwie verdammt attraktiv! Es war also für Shawn Rudiman ein sehr erhabener Augenblick, plötzlich in Europa zu sein und den Leuten zu zeigen, dass mit ihm zu rechnen ist. Mehr noch: Dass es ihn gibt!

Besuch aus Detroit

Als eines Tages Shake Shakir nach Pittsburg kam und Rudiman spielen hörte, kam er auf ihn zu, besuchte ihn im Studio, einfach so. Er war so fasziniert, dass er ein File zurückließ, das in Richtung Detroit verwies. Eine Platte sollte auf Shakirs Label Frictional erscheinen. Dann gab es aber Probleme. Und Shake Shakir fragte Dan Bell, ob er nicht Interesse habe. So entstand die erste 12″ auf 7th City. Dieser ersten Platte ist noch ein Tribal-Impuls mit grandios überzogenen, sphärischen Flächen anzumerken. “My life, my Grooves” geht hingegen vollends in einer modernen Aufassung treibender Techno-Stile auf, eine Spur schneller und härter als Aril Brikha. Nur sein Hang für Elektro ist bislang nicht so eindeutig auf Gegenliebe gestoßen. Zumindest nicht auf 7th City. Somit ist wieder eine Geschichte sekundären Detroitisms entstanden. Mit Shawn Rudiman ist ein hierzulande mit Kanzleramt assoziiertes und manchmal eingeschlafenes Techno-House-Genre wieder in ein Stadium getreten, dass den Live-Charakter in den Mittelpunkt rückt. Eine eigene Architektur muss für Rudiman rund um diesen Stil gebaut werden. Nur wo? Führen alle Wege schließlich doch zur alljählichen Detroiter Auto-Messe?

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.