Unsere Platte des Monats
Text: Michael Döringer aus De:Bug 164

Fangen wir mit den vielleicht eher unwichtigen Dingen an: Ein neues Label heißt meist auch neue Coverart und andere Designsprache. Dem erfolgsgekrönten Monkeytown-Offshoot 50 Weapons, auf dem René Pawlowitz sein neues Shed-Album veröffentlicht, kann man zwar bislang wirklich kein schlechtes Coverdesign vorwerfen. Und genauso wenig war bei Ostgut Ton, wo seine ersten beiden Langspieler erschienen sind, immer jedes Sleeve gleich gut auf die Musik gemünzt, die darin steckte. Allerdings ist man nun schon ein bisschen enttäuscht, dass auf ”The Killer”, passend zum gewollt plumpen Titel, lediglich ein fetter Lautsprecher prangt. Das hat natürlich einen Grund und auch Signalwirkung, aber wie weit entfernt ist das von dem für mich zumindest fast synästhetischen Zusammenspiel von Bebilderung und Sound bei ”Shedding The Past”, wo ein großer krummer Baum im Wald etwas abseits von den anderen steht, an einem kleinen Hang, und sein Wurzelgeflecht preisgibt. Ein Sinnbild für diese schwelgerische, geschichtsbewusste Platte, kein Spektrum von Einflüssen, sondern eine gewachsene Einheit. Das hat sich für immer eingebrannt. Oder bei ”The Traveller”, wo alles kleinteiliger und verstreuter ist, man in jedem Track dafür eine kleine Reise ans Licht durchlebt, etwas Mächtiges vor und in einem aufgeht, wie dieses grelle, hoffnungsvolle Licht am Ende des Tunnels auf dem Cover.

http://www.youtube.com/watch?v=90uB9e9a-_E&feature=relmfu

Wenn Shed jetzt also eine weniger tiefgründige, laute und eindimensionale Platte machen wollte, die einfach nur killer ist, wie jede zweite Maxi in diesem Heft, dann ist ihm das nicht ganz gelungen. Egal, wie presslufthammermäßig er uns mit der Bassdrum in einen Track führt – Deepness vergeht nicht. Egal, wie dunkel es grollt und brutzelt, aus den dichten Beatgerüsten schält sich in jedem Fall etwas heraus, das einen viel mehr packt als ein zwingender Rhythmus mit Tanzbefehl. Das kann jeder. Zwischen die oft trägen, ungehobelten Drums und ihre dumpf-stählerne Brutalität – die immer noch so klingt, wie das Berghain aussieht – so viele Momente subitler Erleuchtung, dramatischen Feingefühls aufblitzen zu lassen, diesen Kniff hat Shed gepachtet. Ob das noch Techno ist? Shed definiert das wie viele andere seit Jahren für sich selbst, und ich vermute: Er ist näher dran als viele, die sich den Gesetzen des Dancefloors verschrieben haben. Introvertiert, stramm und mit einer rauen Widerspenstigkeit hat er seine Tracks ausgestattet, und sie fließen. ”I Come By Night” lässt uns erschaudern, bevor uns das ambiente ”Cas Up” umarmt: Kein Angst, alles ist gut. Aber vorsichtig, gleich kommt ein warmes Gewitter, es heißt ”Day After“. Gewaltig, aber es wird uns nichts antun. Es geht wieder weg, und zurück bleibt der wohltuende Nieselregen von ”Phototype”, in dem noch der letzte Donner aus der Ferne nachhallt. Das passiert alles bei Nacht, versteht sich. Shed feiert seine idiosynkratische Technoparty ohne Feiergesten in einem Betonbunker auf Wolfang Voigts Zauberberg, mit Blick auf den nass-bewölkten Sternenhimmel. An dem Punkt, wo die Nacht am schwärzesten ist und man den Sonnenaufgang schon im Gespür hat. So klingt es meistens – rabenschwarz mit kleinen warmen Stellen, die sich langsam ausbreiten. Und so sollte ”The Killer” wirklich aussehen.

Shed, The Killer, erscheint am 27. Juli auf 50 Weapons.

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5 Responses

  1. marinelli

    Ich frage mich ernsthaft, was für einen Sinn eine Rezension im Jahre 2012 noch haben kann, wenn sie den soundcloud-link zum Vorhören des ganzen Albums nicht mitliefert….

  2. Michael

    Lieber Marinelli,
    ich mache es kurz: a) Eine Rezension macht 2012 genau so viel Sinn wie 1972, weil b) eine Rezension Text ist, erstmal als solcher gelesen werden will und im besten Fall auch als reiner Text funktioniert, außerdem, und das wäre c), ist ein Track stellvertretend als Video eingebunden.
    Die weiterführende kleine Handarbeit in Google muten wir unseren Lesern gerne zu. Oder den Weg in den Plattenladen. Du bist offensichtlich für beides zu faul.

  3. Gott

    marinelli > du hast echt ´nen knall !

    ….aber die platte ist echt platte des monats – ganz groß!!!