Sie war eine Tänzerin, bevor ihr Club abbrannte. Dann kam Shinedoe besseres inden Sinn: Musik machen, ein Label gründen und jetzt nach Aardvarcks "Cult Copy" das zweite große Holland-Album dieses Jahres auf den Markt schmeißen.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 107

Techno

Grappig verzonnen
Shinedoe

Für die Amsterdamerin Chinedum Nwosu alias Shinedoe war 2004 ein wichtiges Jahr. Ihre herausragende erste Platte, “Dilemma/ Alpha”, erschien auf 100% Pure und wurde von Konsumenten und Fachpresse gleichermaßen abgefeiert. Menschen schrieben, kauften, luden herunter, tanzten und suchten am Rand der Sprachlichkeit nach Ausdrucksformen für das Besondere. “Dilemma is absoluut een heerlijk meesterwerkje. Het ‘melodietje’ is imo zo ontzettend grappig verzonnen. Het nummer is aan de ene kant zo monotoom, maar luisterd toch zo lekker weg!” Shinedoe hatte auf der A- Seite eine Melodie programmiert, die sich im Laufe des Tracks in schwindelerregende Höhen hineinschraubte. “Grappig verzonnen”, stumpf und faszinierend zugleich. “Ik kan er geen genoeg van krijgen.” Nach dem Hit machte Shinedoe vieles richtig. Sie versuchte glücklicherweise nicht, die Süße von “Dilemma” zu wiederholen, sondern erprobte ein raueres Klangdesign aus pochenden Rhythmen und flirrenden Strings. An der Nachfrage änderte das wenig. Sie produzierte weitere 12″s, remixte The Knife, Booka Shade und Orlando Voorn. Schließlich gründete sie, gemeinsam mit Dylan Hermelijn, dem Chef des Labels 100% Pure, Intacto Records. “2004 erzählte ich Dylan über meine Idee, ein eigenes Label zu starten. Meine Vision war es, Dancefloor-Tracks herauszubringen, in denen es um Soul und Funk geht. Er mochte das und war dabei.” Intacto veröffentlicht bislang Platten von Polder, Dave Ellesmere, 2000 and One (Dylan Hermelijns eigenem Projekt) und Shinedoe. Neben der Labelarbeit fand Shinedoe Zeit, die Arbeiten an ihrem ersten eigenen Album, “Sound Travelling”, abzuschließen. Und? Gab es so etwas wie eine Idee, was es für ein Album sein sollte? Dazu Shinedoe: “Ich wollte eine Dance-Album machen, es sollte interessant sein, jedes Lied sollte von der Seele kommen und einen eigenen Charakter haben.” Klingt banal, ist aber gelungen. “Sound Travelling” spricht eine eigene Sprache und weckt Erinnerungen an das erste große Amsterdam-Album des Jahres. Genau wie Aadvarcks “Cult Copy” arbeitet sich Shinedoe auf “Sound Travelling” an einem holländischen Neo-Detroit-Stil ab. Auch ihr Album besteht (in der CD Version) aus bereits veröffentlichtem Material, das um neue Tracks erweitert wurde. Anders als “Cult Copy” verzichtet Shinedoes “Sound Travelling” jedoch auf die Verschnaufpausen zwischen den Liedern. Es reiht neun individuell vorwärts preschende Tracks aneinander, die sich nicht anbiedern, sondern mit Sturheit überzeugen. Drums dürfen stampfen, HiHats dürfen kratzen und Melodien dürfen auch mal eiern. Hauptsache die Energie stimmt. Sie selber sagt, in diesem einen Jahr, in dem sie “Sound Travelling” fertig stellte, sei sie als Produzentin gewachsen, viele positive Dinge seien passiert, sie veranstalte ihre eigene Party-Reihe in Amsterdam, werde oft ins Ausland gebucht usw. Das einzige, was sie in musikalischer Hinsicht traurig mache (falls sie überhaupt etwas traurig machen müsse, es ginge ihr ja an sich sehr gut) sei die viele Musik, die keiner eigenen Linie folge. Ganz besonders werden sich jetzt die vielen Holländer im Internet über das Album freuen, Shinedoes größter Hit, “Dilemma” ist schließlich auch mit darauf. Vielleicht gibt es bald wieder mehr von diesen putzige Lobeshymnen zu lesen, weil: “Dilemma echt heel lekker, Onmiskenbare kwaliteits release.”

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Elektronische Lebensaspekte.