"Shitkatapult" muss man sich erst mal zu heißen trauen, wenn man keinen Schmuddelpunk, sondern Knattertechno mit Listeningromantik veröffentlichen will. Aber das Berliner Label von T.Raumschmiere und Apparat kickt mit seinem 30sten Streich die Scheiße auch so richtig vom Katapult (und Schluss mit den Fäkalentgleisungen).
Text: anett frank aus De:Bug 59

Die kleinen Strolche

Shitkatapult, Marco Haas’ Kotschleuder-Label mit der geballten Portion Heftigkeit, dessen Nullnummer (Strike 00) noch eine Rockplatte war, hat sich prächtig entwickelt. Während der Berliner Jahre ist man mittlerweile auch erwachsen geworden. Die Führungsriege hat sich zwar zum Teil ausgewechselt (neben Marco haftet seit geraumer Zeit nicht mehr Martin Stolz, Roland Fiege oder Alexander Solman für Qualität, sondern Sascha Ring aka Apparat). Rastlos kommt mit diesem Text auch schon die neue “Cozmick Suckers” mit Strike 30 in die häusliche Wohnstube. Diesmal im zwei Farben-Format: schwarz/ weiß. Die Compilation kann sich selbst ein Sascha Ring “im Sessel von vorne bis hinten durchhören”, obwohl einige Stücke einen gar nicht gemütlich sitzen lassen wollen, ich verweise nur auf Hughes/Cooper oder Fenin (beide Stücke gnadenlos tanzbar). Und das sagt einer, der von sich behauptet, er sei einer der seichten Zeitgenossen.

Die Kosmischen Saugnäpfe

Die für Shitkatapult repräsentativen Acts wie Apparat und natürlich, wie sollte es auch anders sein, Marco Haas als T.Raumschmiere, machen hier wie immer eine eigenwillig gute Figur. Auch “Napoli is not Nepal” (neu!) aka Herr Bayrhoffer tut es ihnen auf seine Art gleich, fällt mit seinem “Selma”-Track der Entspannung anheim und präsentiert den Klickertunes ein sauberes Pianoständchen. Von ihm wird demnächst auch ein loungiges Sommer-Album zu erwarten sein. Marco dazu: “Wir wollen in nächster Zeit mehr Alben machen. Somit hat auch der Künstler mehr Zeit und macht nicht alle drei Monate eine neue Maxi.”
Das musikalische Spektrum variiert zwischen eigenwilligem, laptopischem Reduktionsklick-Spast, das bei Shitkatapult auch gerne ein bisschen darker ausfallen darf oder eben zackig wie bei Apparat, der mit dem “Rambaustein” mal wieder alle Rekorde mit dieser Nahaufnahme von in Melancholie badenden und sich zeitgleich im Mündungsfeuer windenden Akustikschnipseln bricht. Aber es finden eben auch poppigere Nummern Beachtung, wie “Subber” von Sami Koivikko. Die vom Hefty-Labelmacher und Shitkatapult-Gast John Hughes geliebten Sounds lassen sich in einer weiteren Spielart auch hier wieder finden. Acts wie Magnum38 aka Oliver Gieschke, Phon.o aka Carsten Aermes oder (Lars) Fenin, die je nur eine 12″ auf dem Label haben, lassen auch jeder einen Track springen. Auch die Einführung von Unbekannten, aber qualitativ in nichts nachstehenden, neuen Entdeckungen wird als Konzept für die Compilation beibehalten. Lee Anderson aus Houston/Texas ist mit der Rumpsteak EP (strike 27) gerade frisch auf dem Label aufgetaut. Weiterhin sehr empfehlenswert ist der neu belabelte Zoy Winterstein, der mit “Desperate Thirst” innigst schräg und mit minimaler Verwirrung flächendeckend nach mehr verlangt und das mit einer eigenen Platte demnächst auch bekommt. Eigentlich war es ja so gedacht, aus dem gesammelten Material eine Doppel-Platte rauszubringen, aber für den tanzbaren fifty-fifty Part wäre nach etwa drei Stücken Pumpe gewesen, sprich: kein weiteres Material für den Club mit ausladenden Tanzambitionen. Und von der Auswahl lässt sich das ja auch nicht unbedingt so schnittig trennen – dann eben mal wieder ein compiliertes Format, nichts desto trotz: Special Music For Special People.

Punk-Rock is an Attitude

Das tut Marco immer noch, nur eben nicht explizit in dieser Sparte, sondern in seiner eigenen Nische. Punk ist immer noch, wie die Künstler oder im eigentlichen die Stücke ausgesucht werden. Alles darf rein, was sich qualitativ hervorragend entfaltet. Dann kann es auch schon mal ein Reggae-Stück sein – wie gesagt: Wenn ein Track das Auswahlkriterium, ein gut produziertes “geiles Stück” (Marco) zu sein, erfüllt, dann lässt sich immer was arrangieren. Marco: “Wir können uns stilistisch gar nicht mit unseren Künstlern auseinanderleben, denn im Grunde genommen ist es doch egal, welcher Stil musikalisch zelebriert wird. Wichtig ist nur: Es ist gut!”
Wenn man sich seine Ausstöße auf dem eigenen Label mal so vergleichend mit anderem Stoff, den er im bundesdeutsch-musikalischen Terrain platziert (Kompakt, Sender, WMF rec. etc.) vergleicht, dann scheint das eigene Label eine persönlich Spielwiese mit harter Matratze und dumpfem Aufprall in abgedunkeltem Separé mit Videoscreen an der Decke zu sein, wo in geloopt reduzierter Version die abgefahrensten Undergoundstreifen zu sehen sind. Dass es hier wild zugeht, das lässt sich erahnen, oder? Und wild ist er musikalisch immer noch. Das macht auch mal wieder deutlich, das Shitkatapult kein ausschließliches Technolabel ist, noch nie sein wollte und das auch nie sein wird. Hier kann man sich noch austoben. Sascha dazu:”Wir werden regelrecht gezwungen immer wieder neue Leute ins Label aufzunehmen, wenn man so guten Stoff geschickt bekommt. Wir lassen uns nirgendwo reinstopfen.” Marco: “Uns wird per Demo-Einreiche ein enormes Spektrum zugetraut. Das variiert von Noise bis Reggae. Da kommt nichts gezielt. Das ist ja auch gut so.”

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Elektronische Lebensaspekte.

Das Heidelberger Label Shitkatapult von Marco Haas und Roland Fliege manövriert mit programmatischer Unberechenbarkeit zwischen Mouse, Mode und Magister. Die Freiheit, nicht tanzen zu müssen, bei Shitkatapult ist sie grenzenlos.
Text: sascha kösch [bleed@de-bug.de] aus De:Bug 38

/elektronika The Shit hits the Region Shitkatapult Mittlerweile bei ihrem zehnten Release und 6 weiteren in der Pipeline, ist Shitkatapult (siehe Credits) ein Label, dass für eine neue Generation von Heidelbergern steht. Nachdem diese Stadt eigentlich nur mit Source Records oder vielleicht noch HD 800 einen Platz auf der elektronischen Landkarte hatte, war es vor zwei Jahren Zeit, sich neu zu formieren. Anfangs war man noch dem “Zehnkampf” Gedanken nah mit immer wieder neuen Compilations (The Cozmic Suckers), deren Stil “alles” umfassen konnte. Oder mit mindestens 6 Tracks verschiedener neuer Acts mit obskuren Namen, von denen vorher noch niemand jemals etwas gehört hatte, ausser dem gründlichsten Heidelberger Chronisten. Dann waren sie glücklich, direkt einen Vertriebsdeal mit Kompakt an Land gezogen zu haben und entwickelten sich unter der Leitung von Marco Haas (T.Raumschmiere), der bald nach Gründung nach Berlin Friedrichshain zog, und Roland Fiege (Nanospeed und Spacetank) nach und nach zu einem “richtigen” Artistlabel, das in den Polen der Musik der beiden, zwischen straighteren aber immens poppigen, gerne auch abseitigen Technotracks und ausgefeilten DSP Wundertütensoundscapes, immer noch nicht wirklich nach einer stilistischen Vereinheitlichung sucht. Zumindest hat man ein nach aussen transparentes Feld abgesteckt, in dem Überraschungen nicht das Thema sind, sondern immer wieder etwas Herausragendes. Marco: Als Marcus und ich das Label gegründet haben, war das eigentlich mehr aus Verlegenheit. Wir hatten damals eine Band, mit der wir einen Wettbewerb gewonnen haben, hatten dann Studioaufnahmen gemacht, mit denen wir nichts anders anzufangen wussten, als ein eigenes Label zu gründen. Die erste Platte war eine Rockplatte. Nullnummer. Strike 00. Danach haben wir allerdings gleich aufgehört, Rock zu machen, das war viel zu kompliziert. Ich hatte lang genug in Punk und Rockbands gespielt und wollte was Neues machen. Ende 1998 ging es mit der ersten ‘Cozmic Suckers’ also richtig los. Debug: Die Namen sind auch noch immer ziemlich Rock. Marco: Ich hatte mit elektronischer Musik bis 1996 überhaupt nichts zu tun. Ich kannte auch niemanden, der damit etwas zu tun hatte. Wir haben es einfach gemacht. Punkrock-Attitude halt. Roland: Auf der Releaseparty der ‘Cozmic Suckers 1’ im AZ bin ich dann auf Shitkatapult aufmerksam geworden. Wir haben uns dann beim Ping-Pong-Auflegen getroffen… Marco: Und du hast mir deine Spacetank CD gegeben. Roland: Vom Background her hatte ich 86/87 schon mal mit minimalen Mitteln elektronische Musik gemacht, mit Drumcomputer oder Sampler. Als die Schule vorbei war und die Leute alle weggegangen sind, habe ich das aus finanziellen Gründen eingestellt. Ich bin mehr von Industrial und frühen Mute Sachen geprägt. Marco: Wir hatten unsere erste Platte zu A-Musik geschickt, weil ein Freund mir gesagt hatte, dass die durchgeknallte Musik machen. Von da aus ging sie wohl irgendwie ins Kompakt. Und wir hatten einen Vertrieb. Das ist sehr gut. Und es wird auch immer besser. Es ist professionell, aber immer auf einer persönlichen Basis. Supercool. Debug: Ist es nicht anstrengend, direkt auseinanderzuziehen, wenn man ein neues Label macht? Marco: Es braucht organisatorisch etwas mehr Aufwand, aber wir sehen uns jeden Monat, und ausserdem hat dadurch jeder Zugang zu einem anderen Kreis. Ich mache hier im NBI jeden Monat einen gemütlichen Loungeabend und wir legen zusammen auf. Ausserdem machen wir Livegigs und kommen viel rum. Debug: Seid ihr beide die stilistischen Eckpunkte für Shitkatapult? Marco: Vielleicht sind wir die durchgeknalltesten, was den Musikstil angeht. Es kann passieren, was will. Ich versuche, nicht festgefahren zu sein. Solange nicht alles schiefgeht, wie Presswerke usw., klappt das auch. Neulich hatten wir auf einer selbstgebrannten Promo CD mitten in einem Track eine Stimme, die meinte ‘illegal Copy’. Keine Ahnung, wo das hergekommen ist. Bei dem eigenen Material. Zuerst habe ich verstanden ‘Billige Copy’. Debug: Das wird es demnächst öfter geben. Roland: Ich denke, wir sind die Freidenkensten, weil wir wenig Ängste haben, etwas anderes auszuprobieren. Marco: Bei mir ist das sicher so, weil ich nicht aus dem Clubkontext komme. Ich höre meine Sachen einfach. Die Funktionalität kommt als zweites, wenn sie überhaupt kommt. Mein Background lässt mich anders arbeiten. Roland: Mich langweilt einfach auch sehr viel andere Musik. Deren Machart. Als ich die erste ‘Nanospeed’ angefangen habe, dachte ich mir, dass ich selber immer genau gleich mit jedem Track anfange, und habe mir explizit vorgenommen, alles anders herum zu machen. Noten für Melodien kamen zu den Beats, Informationen für Beats wurden zu Noten, und ständig wurde alles weiter moduliert. Das mag sich dann für Aussenstehende erst mal chaotisch anhören, aber es gibt mehr zu hören. Man muss beim zweiten, dritten, vierten Mal immer noch mehr hören können. Die letzte CD, die ich gemacht habe, (Strike 13, erst mal als Vinyl, Anm.) war eine Verknüpfung von graderen Beats, in denen sich mehr versteckt. Debug: Es erinnert dann stark an die US Powerbook Posse, wie Clayton, Sutekh usw. Roland: Ich habe aber keins. Noch nicht. Letzte Woche habe ich Schematic live gesehen, und da reichte dann auch nicht mehr ein Powerbook, sondern es mussten gleich vier auf der Bühne stehen. Marco: Dienstag bei Monolake und Sun Electric im Maria, wo ich nebenher als Techniker arbeite, war es genau so. Roland: Um auf diese klangliche Ästhetik zu kommen, muss man natürlich im Rechner arbeiten. Irgendwie. Mit normalem Equipment bekommt man das nicht hin. Eigentlich macht es mir aber nicht soviel Spass, live mit der Mouse rumzuclicken. Es ist eh schon nicht so sexy für die Leute, die da stehen, das mit den Knöpfen, aber wenn man dann noch gebückt sitzt mit fahlem Bildschirm, dann kann man es auch gleich im Nebenraum oder Online machen. Vielleicht ist Online das nächste: Man bucht die DJs Online. Neben der Akustik sollte es noch so etwas wie einen Erlebniswert geben. Das Prinzip, keine Stars zu haben, alles ohne Gesichter ablaufen zu lassen, das fuktioniert ja bei Techno nicht so richtig. Es ist nur auf die DJs verlagert worden. Der hat ja schliesslich was in der Hand, und man sieht, was er macht. Ich kann mir vorstellen, eine Powerbook Geschichte zu machen, aber nur mit einer Galerie von Kontrollern, mit denen man einen direkten Zugriff hat. Debug: Was man ja auch visualisieren kann. Es ist immer nicht einfach, das transparent zu machen. Herbert hat es auf dem Sonar Festival sehr gut gemacht. Jeder konnte direkt sehen, wie er live einen Track baut. Roland: Ich habe Liveacts gemacht, bei denen ich den Rechner an den Beamer angeschlossen habe. Das sieht dann mit den Wellenformen und Faderchen sehr technisch aus, aber es kommt irgendwie ganz gut an. Mit der Strike 13, die ja wieder, wie schon die Strike 05, eine Kooperation mit dem Modelabel Membran Mode ist, war die Grundidee ja auch eine der Visualisierung. Wir hatten diese Wellenform, und daraus entstand dann das Prinzip eines ‘What you hear is what you wear’. Zu der Software – eigentlich eine Messsoftware für die ESA, programmiert für Hochschulen – werden für uns von dem Entwickler extra verschiedene Darstellungsformen programmiert. Das versuche ich dann auch live zu integrieren. Relativ technisch, aber auch sehr flüssig. Marco: Für minimale, funktionale Sachen können wir allerdings auch wiederum eine Ästhetik fahren, die ohne Namen, ohne Gesichter funktioniert. Deshalb haben wir innerhalb von Shitkatapult auch die Hörzu-Serie, auf der Herr Pitzelberger veröffentlicht, den keiner kennt. Funktionale Ware. Angeregt wurde das von Dirk aka Monoton, der die Tracks auswählt und eigentlich ein eigenes Label machen wollte. Aber alles soll nicht so werden, da will ich nicht hin. Roland: Die Verlässlichkeit ist bei uns nicht unbedingt gegeben.

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