Weihnachtszeit, Warenzeit. Shoppen ist eine zentrale Praxis unserer Kultur - und in dieser Funktion auch längst in die Museen eingezogen. Zum Beispiel in die Schirn Kunsthalle, die unter dem Titel "Shopping" "100 Jahre Kunst und Konsum" thematisiert. Nur: kann das Kunstwerk die Ware noch in die Ecke drängen?
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 66

Dezember, das bedeutet Kälte, Schneeflocken, künstliche Tannenwipfel, in denen goldene Lichtlein blitzen und der Höhepunkt des Konsumismus. Es ist der einzige Monat unserer Kultur, der von Beginn an zielgenau ausgerichtet ist und schnurstracks nur auf das eine zuläuft: Weihnachten. Das Geben, die Post ist mein Zeuge, geht los. Jeden Tag gibt einem der Adventskalender ein Stück Schokolade, der Nikolaus ein paar Nüsse, die Oma einem Plätzchen für Adventssonntage und die Waage im Bad einem den Rest. Eine wahnsinnige Warenzirkulation beginnt, durchquert den Magen, streift den Kleiderschrank, erfreut die Elektrogeschäfte, minimiert den Geldbeutel und findet kurz nach Weihnachten in einem allgemeinen Umtausch ihren Abschluss.

Die Ware

Nur: Diese Waren finden ja nicht nur einfach so unschuldig passiv ihren Weg quer über die Straßen des Kapitalismus. Man muss also eine Frage in all ihrer Naivität stellen: Was passiert da eigentlich, wenn wir uns mit Waren bewerfen? Schenken, das ist die Addition von Besitz, das addiert dem anderen etwas äußerlich hinzu. Die Ware ist ein Supplement, das zu mir hinzukommt und fortan Teil von mir ist. Genau deshalb braucht man in der Umkleidekabine von H&M auch immer so besonders lange. Passt das zu mir? Will ich dieses neue ”Ich” werden, dass ich mit der neuen Ware dann bin?
Beim Schenken entwirft man aus diesem Grund, weil die Ware einem was hinzufügt, einen verändert, den anderen eben immer ein bisschen mit. Deshalb ist Geschenke-Shoppen so anstrengend und in gewissem Sinne immer auch eine Form von Erziehung. Man lässt dem anderen nie einfach nur zukommen, was der sich wünscht, sondern immer etwas, das man auch selber vertreten kann. Man kann Menschen mit Geschenken freundlich in bestimmte Richtungen dirigieren. Beispielsweise.

Die Ausstellung zur Ware

Pünktlich zum Fest gibt es in diesem Jahr Gelegenheit zu groß angelegten Reflektionen. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main widmet sich mit einer Ausstellung dem Thema “Shopping”, für das sie verschiedene Arbeiten aus 100 Jahren Shoppingkultur zusammengetragen hat. Zusammen mit dem Hatje Cantz Verlag gibt es dazu einen dicken Katalog, der uns vorliegt. Mit über 20 Essaybeiträgen schafft er einen weiten Überblick, begonnen beim Bau von Warenhäusern in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und versammelt Arbeiten von 1902-2002 um verschiedene Schwerpunkte: frühe Fotos von Warenauslagen von Eugène Atget, Berenice Abbott und Walker Evans, die Faszination der Surrealisten für Mannequins, Serialitätsgemeinsamkeiten von Ware und Kunstwerk bei Katharina Fritsch über Jeff Koons und Damien Hirst bis zu Andreas Gursky, Kritik am Shoppen von Barbara Kruger (“Du willst es, du kaufst es, du vergisst es”) und an der Globalisierung von Zweolethu Methethwa oder Julien Michel. Daneben gräbt sie die fabelhafte Aktion “Demonstration für den Kapitalistischen Realismus” von Gerhard Richter und Konrad Lueg aus, in der die beiden 1963 in Düsseldorf kurzerhand ein gesamtes Möbelhaus “ohne Veränderung” ausstellten. Eine Vielfalt der Ansätze also, und doch geht es uns nicht weit genug. Einerseits wird jene These, die im letzten Jahr das Thema Shopping durchgewirbelt hat, ausgespart, nämlich die These des holländischen Architekten Rem Koolhaas, “Shopping is arguably the last remaining form of public activity”; andererseits kann man Ware und Kunstwerk bei weitem nicht so ordentlich voneinander unterscheiden und gegeneinander stellen, wie es tendenziell in “Shopping” gerne mal getan wird. Doch eines führt zum anderen …

Politik des Shopping

Ist Shopping die letzte Form einer öffentlichen Aktivität? Das ist natürlich Quatsch. Eine schicke These, die ihren Reiz erst durch die Unterstellung gewinnt, Öffentlichkeit hätte automatisch etwas mit Gemeinschaft zu tun und damit auch mit Politik. Doch dieser funky Automatismus greift so nicht mehr. Immerhin steht Koolhaas der Ökonomisierung der Kultur in Form des unvermeintlichen Museumsshops und -cafes, den es jetzt auch in Kirchen gibt, nicht unbedingt so blind positiv gegenüber, wie es gerne mal im Sinne der Ankunft einer totalen Shoppingkultur gedeutet wird. Ihm geht es vielmehr darum, einen politischen Aspekt von Shopping und also von Stores und Malls in den Vordergrund zu rücken. Nicht uneigennützig natürlich, denn das hat zunächst mal eine Aufwertung kommerzieller Architektur selbst zur Folge. Bei der Konzeption seines New Yorker Prada-Stores wird ja nicht umsonst die Demokratisierung des Eingangs in den Vordergrund gestellt, bei dem im Gegensatz zu herkömmlichen Luxusgeschäften auf ein monumental abschreckendes Portal verzichtet wurde. Statt dessen Basisarbeit durch Kulturalisierung: Der Store kann auch für Kulturevents genutzt werden (aber wird er das?), Displays informieren über den Prozess der Herstellung der Waren (die Prozesshaftigkeit des Werks in den Vordergrund stellen, das kommt einem auch irgendwie bekannt vor) und die ausladende Treppe, auf der die rotstreifigen Prada-Schuhe ruhen, ist zum Verweilen konzipiert. Für Neugierige. Nicht nur für Käufer. Das ist vielleicht ein netter Zug, trotzdem ist das natürlich eine politisch nicht so wirklich überzeugende Lösung. Prada: auf der Treppe sitzen für alle, aber Prada-Schuhe-Kaufen nur für die mit den dicken Kreditkarten. Ist das die neue Form von Gerechtigkeit?
Interessanter ist hier: Wenn die Marke in ihrer Funktion als Sinnbild, als die Form der zeitgenössischen Allegorie, nicht vor Nachahmung geschützt ist, weil ich mit einem Prada-Imitat oder einer hochwertig gefakten Louis Vuitton Tasche genauso viel hermachen kann, dann muss man eben das Einkaufen selbst zum Erlebnis machen. Prada versucht, seine Marke durch ein architektonisches Konzept rund um den Einkauf zu füttern, sie zurück in einen materiellen Kontext zu treiben, der eben nicht so leicht nachgeahmt werden kann. Ein cleveres Konzept.

Die Ware Kunst

Tatsächlich ist Shopping als neue Sphäre des Kollektiven also eher eine zu vernachlässigende Angelegenheit, wichtiger ist wahrscheinlich immer noch (und “no logo!” von Naomi Klein hat das gezeigt) die Beschwörung der politischen Verantwortung des Käufers, die zunehmend und gottseidank an die Stelle der alten Entfremdungsthese gerückt ist. Wählen durch Ware, das funktioniert als politischer Akt, wird sichtbar, zumindest solange die Wahl als politische artikuliert und an mediale Manifestation (wie Cleanclothes.ch, etc …) gebunden wird. Und eben dieses politische Potential, das Shopping hat, wird hier tendenziell unter den Museumsläufer gekehrt. Kunst reduziert hier anstelle dessen die Ware auf spezifische Aspekte – das Neue, die glatten Oberflächen, der Glanz der Dinge, die Serialität – spart aber bezeichnender Weise den hochspannenden Moment aus, dass sie selbst immer auch Ware ist. Kulturelle und ökonomische Aspekte lassen sich zwar ausdifferenzieren, tatsächlich aber nicht voneinander trennen. Natürlich ist die Ökonomie in eine andere diskursive Ordnung als die Kultur eingebunden, aber dennoch darf man sich nicht täuschen: Abgesehen davon, dass sie von Beginn an engere Beziehungen zueinander unterhalten haben, als es vielleicht der Dialektik der Aufklärung lieb war, infizieren sich derzeit hochgradig gegenseitig. Genau deshalb treten ihre strukturellen Gemeinsamkeiten an mehreren Punkten mehr und mehr nach vorne: Erstens geht es bei beiden, bei der Ware wie beim Kunstwerk, um Inszenierung, um Aspekte des Ausgestelltseins. Zweitens ist in den überwiegenden Fällen der Produktionsprozess in den Hintergrund getreten. Drittens ist der historische Verweis Bestandteil ihrer Form. (Um das zu sehen, empfehlen wir vor allem dem katalogbeitragenden Kunstkritiker Boris Groys beispielsweise auf den K-Swiss-Artikel von Jan Joswig zu lugen. Denn wie: “Kunst verfügt über ein Archiv, die Massenkultur nicht”? Braucht sie auch nicht. Die Massenkultur hat Manufactum.) Schließen wir also: “Wenn ein Kunstwerk zur Ware werden kann und wenn dieser Prozess fatal erscheint, dann ist es doch gleichzeitig so, dass die Ware damit begonnen hat, auf die eine oder andere Weise das Prinzip einer Kunst ins Werk zu setzen”, schreibt Derrida in Marx’ Gespenster. Darüber kann man noch eine Weile nachdenken. Beispielsweise über Weihnachten. Frohes Fest!

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Elektronische Lebensaspekte.