Die Credibility-Träger Shy FX und T Power haben genug von schlechtgelaunten, unrasierten, selbst ernannten Rebellen im Drum and Bass. Deshalb treiben sie mit ihrem gemeinsamen Album "Set it off" den Balearic-Geist in die Drum and Bass-Flasche. Operation gelungen? Shy FX' Freundin sagt ja.
Text: Heike Lüken aus De:Bug 69

Permanenter Caipirinha
Shy FX und T Power

Die Platte klingt wie eine einzige Party, auf MTV, mit MC und Hände in die Luft am Anfang, dazwischen jede Menge booty shaking und am Ende sogar ein Stück für den besinnlichen Ausklang der Party im Vibrato und zu Hause. MTV-formatgerecht also, nur, dass es neben den zeitgenössich-beliebten und vielfach-frequentierten Latino-Sounds (zumindest vornehmlich) Drum and Bass-affine Beats drin und die dazugehörigen Basslines drunter gibt.

”Set it off“ heißt die Platte, die diesen Monat in den Läden steht. Die Produzenten sind niemand geringerer als Shy FX und T Power. Zumindest Shy FX weiß, wie das geht mit den Hits, die süchtig machen, schließlich muss er sich wohl immer noch mit den Nebenwirkungen beschäftigen, die Tracks wie ”Original Nuttah” oder ”Bambaata” und seine zahlreichen Remixes (ist es eigentlich das Stück mit den meisten Remixes ever?) bei Fans in aller Welt verursacht haben – die Scheibe hat sich weltweit 75.000fach verkauft (Copy kills music nicht mitgerechnet). Bei ”Shake your body“, der ersten Singleauskopplung zum aktuellen Werk, soll das gar nicht so einfach gewesen sein, so Andre Williams aka Shy FX, denn es habe zunächst ein halbes Jahr gedauert, bis es überhaupt von anderen DJs gespielt wurde. Wer mag das heute noch glauben, nachdem der Track den ein oder anderen schon so erfolgreich auf die Tanzfläche gezerrt und einem tagelang in den Ohren gelegen hat und auf der letzten Movement Compilation so perfekt zwischen Ed Rush&Optical und Marky, Patif und Esom eingebettet war? So, dass man hoffte, dass der Sommer und die dazugehörige Caipirinha nie zu Ende gehen würde, obwohl das schon längst passiert war?

Auf Streetlevel in die Charts

Eigentlich ist das ja so ein Eigentlich-Ding: Eigentlich will man ja lieber underground bleiben, aber wenn weniger dauer-deprimierte Kids bei Drum and Bass-Veranstaltungen zu sehen wären und sich der Männerüberschuss wieder etwas ausgleicht, würde das dem Ganzen vielleicht gar keinen Abbruch tun? Oder doch, weil die bösen großen Majors dem armen Künstler bestimmt ganz viele Auflagen mit auf den Weg in die Charts gegeben haben und er deswegen für seine Platte sogar ein cheapes Artwork ertragen muss, auf dem Shy und T Power im Comicfigurenstyle so aussehen, als wollten sie wirklich die ganze Welt erobern, oder zumindest mit ihren Blitzen erhellen? Nein, gibt Shy FX da auch noch zu, nicht ganz, denn der böse Major sei extrem supportive gewesen und das sind wirklich alles nice guys. Trotzdem: ”Ich bin nicht wirklich glücklich mit dem Artwork. Die Singles finde ich wirklich gut gestaltet, aber bei dem Album sind wir sehr nah an die Deadline im Release Schedule gekommen und irgendwann mussten wir uns einfach entscheiden. Das Artwork ist der einzige Punkt, mit dem ich bei dem Album nicht 100%ig zufrieden bin, aber es ist in Ordnung.“ Na gut, aber wir finden schon noch ein Haar in der Major-Deal-Suppe: Was ist mit dem Video zu ”Don’t wanna know”, in dem neben Skibadee, Shy und T Power die Londoner R’n’B-Sängerin Di in bester Jiggy-HipHop-Tradition wenig bekleidet singen muss? ”Ich mag das Video, bin aber kein visueller Typ. I am an audioman, you know whadda mean? Die Videos sollten Dance-Videos sein, und so sehen sie auch aus“, so Shy FX. Eben tanzen, wie auch bei der Platte, die laut Warner in die Charts gehen aber auf Streetlevel bleiben und laut http://www.shyfxtpower.com sowohl auf einer Alternativ-Party wie auf einer Drum and Bass-Party funktioniert. ”Ich glaube nicht, dass das Mainstream-Drum and Bass ist, sondern dass es vielen Leuten gefallen kann. Wenn es auf der Tanzfläche klappt und die Leute zu der Musik eine gute Zeit haben können, ist der Zweck erfüllt. We just like to make party.“ Und dieses Bling-bling-Champagner-Reichtum-Ding wie er jiggy so schön umschreibt, mag er nicht, so Shy, denn das sei gar nicht sein Stil. Und trotzdem Anspruch, denn auf die Frage, ob es trotz Großzuhörerschaftsziel denn noch cutting edge sein könne, gibt er zur Antwort: ”Das glaube ich definitiv. Ja, das tue ich.“
Und dass so auch die Frauen wieder kommen? ”Meine Freundin mag überhaupt keinen Drum and Bass, aber das Album hat ihr sogar gefallen, daher glaube ich, dass es ganz gut geworden ist. Lange Zeit waren sehr wenige Frauen bei Drum and Bass-Veranstaltungen. Das ändert sich jetzt so langsam und ich finde, dass das auch gut so ist.“

Was wird sonst noch offgesettet?

Wenn Shy FX sich als einen Workaholic bezeichnet, der nun einmal am liebsten im Studio ist und Sounds produziert, statt auf Promo-Veranstaltungen oder Preisverleihungen abzuhängen, dann kann man ihm das wohl nicht nur getrost glauben, weil zum vereinbarten Interviewtermin erst einmal die Musik leiser gedreht werden muss, damit man überhaupt was verstehen kann (obwohl das sicherlich schon mal ein gutes Argument ist). Sondern auch die Projekte, die Shy FX gleichzeitig am Laufen hat, weisen darauf hin, dass ihm nicht eben langweilig ist: ”Wir arbeiten gerade an Skibadees neuem Album und auch an Dis R’n’B-Projekt und noch an so ein paar Sachen, von denen ich, glaube ich, noch nichts erzählen darf.“ Und dann stehen da sicherlich auch noch ein paar Remixes unter To Do im Regal, wäre ja nicht das erste Mal. Immerhin ist so die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Gastsängern auf dem Album etwas leichter gefallen: ”Wir haben lange nach den Vocals für unser Album gesucht, weil wir finden, dass es genau passen musste. Ich finde es sehr schwer, Vocal-Tracks zu machen, bei denen die Stimmen nicht so klingen, als seien sie auf den Song gelegt, sondern dass sie wirklich im Stück sind. Es hat geholfen, die Sänger einzusetzen, die wir auf dem Album haben, da sie alle genau wussten, was sie taten. Die Kooperation für unser Album hat sich dann ergeben, weil wir sowieso gerade an anderen Projekten mit ihnen arbeiten.“
Und neben all den guten upliftenden Beats haben das Album und seine Macher auch noch die Portion Selbstironie, die es eben ausmacht: Nach einer Schnellsprecher-Salve von Skibadee bei ”Don’t wanna know” enden seine letzten Shouts tatsächlich und ganz adäquat im Kleffen eines Straßenköters. Und schließlich ist da noch Fabio, der sein Interlude auf einem AB-Mitschnitt gibt: ”Hey Shy, hier ist Fabio. Ich brauch unbedingt noch eine Kopie von diesem ’Everything’. It’s smashing up everything.“ Und wer dann einen absoluten Blaster erwartet, macht sich besser auf ein besinnliches Soulstück gefasst. Wie schön, dass endlich mal wieder jemand einfach nur zum Tanz auffordern will. Na dann: Set it off.

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Elektronische Lebensaspekte.