Da mag die Musikindustrie noch so jammern und in den letzten Jahren die Budgets für Musikvideos kürzen. Die Clipschmieden kommen trotzdem. Von dieser Ausgabe an stellen wir sie euch in lockerer Folge vor. Den Anfang machen die Londoner Shynola, die für The Rapture, Radiohead oder Blur gezaubert haben.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 83

Bewegte Grafik / Die Clips von Shynola

Traktor, Pleix, StyleWar, Designers Republic oder Shynola haben was gemeinsam. Als hochrangige Videofactories verstehen sie sich immer und grundsätzlich als Kollektiv, die keine Solo-Hampeleien dulden. Nach außen treten sie geschlossen auf, während sie innen allerliebste Werbetrailer, Musikvideos und Filme fertigen. Sie existieren seit längerem und nicht selten sind es alte Kumpels, die sich gefunden haben. Im Vergleich gibt es bei uns, die Großproduktion DoRo mal außen vor gelassen, wenig ähnliche deutsche Zusammenschlüsse wie etwa die Berliner Blow Film oder das Regieduo Klöfkorn / Husain.

Die Schmieden haben zwar ihre jeweilige Spezialität wie Illustration, 3D-Umgebungen oder Animation. Aber eigentlich wollen sie sich niemals bei ihren Zutaten wiederholen. Shynola zum Beispiel, das Clipkollektiv aus London. Originell sind ihre Animationen sowieso: Traumwelten mit milchigen Unterwasserrelikten für Radiohead; delikat ziselierte 3D-Objekte, dazwischen kleine einäugige Püppchen für UNKLE; japanische Malerei für Lambchop; ein singendes Eichhörnchen als Pixelmopsi samt einem aus dem Toaster hopsenden Grinsetoast für die LoFi-Pixelstudie bei Junior / Senior; eine Punk-Collage, die sich mit Fanzine-Haltung für The Rapture animiert und natürlich ihre berühmte Grafikerorgie für Queens of the Stone Age, bei der zwei Trucks in der Wüste aufeinander krachen. Sie machen mit Sex bunte Blümchen und tragen Totenkopfmasken. Shynolas aktuelles Video ist eine krakelige Filzstiftanimation für Blurs “Good Song” mit Grausamliebe zwischen dem pummeligen Eichhörnchen und dem haarigen Schmetterling. Toppen können sie ihr Werk auch. Als nächstes basteln sie zur Krönung an den animierten Szenen für das Remake der 80er TV-Serie “Per Anhalter durch die Galaxis”.
So schöne Sachen machen sie, die vier Jungs, die sich nach einer amerikanischen Schuhcreme benannt haben. Chris Harding, Jason Groves, Gideon Baws und Richard “Kenny” Kenworthy haben sich beim Studieren am Kent Institute of Art and Design kennen gelernt. “Wir hängen seit zehn Jahren zusammen rum. Mit den gleichen Hochs und Tiefs wie Musiker in einer Band”, erklärt Gideon. Und zum Clipmachen sind sie gekommen, indem sie es gemacht haben. Kenny sah einen Artikel über UNKLE in The Face und schickte einfach was an Mo Wax’ James Lavelle. Irgendwann meldete der sich wirklich und wollte eine Animation für seine Preisverleihung bei der Fernsehshow von NME. Das war 1999, und dann kam das erste Video für DJ Shadows Projekt Quannum. Undsoweiter. Drei von ihnen sind Grafiker, die sich von einem zweidimensionalen Verständnis heraus an Filme machen.

Video ist Kunst ist Video ist autark
Seitdem ist es ihre Mission, Videos zu zaubern, die außerhalb der Musik als Kunstwerk bestehen können. Abwechslungsreich wollen sie auch sein. Clever wie sie sind, nehmen sie sich deshalb hin und wieder Co-Regisseure wie David Shrigley und Fiona Hewitt, die die Clips mit ihrem eigenen Stil würzen. Inspiration kommt aus verschiedenen Ecken, ihre kindlichen Animationen speisen sich aus ihren Vorbildern von Terry Gilliam über Andy Warhol, John Lasseter, der Mangaserie 2000 AD bis zu den Simpsons und vor allem Comiczeichner wie Tony Millionaire und Dave Cooper. Natürlich auch von den Musikern: Bei Radioheads “Pyramid Song” war die Vorlage ein Wirrtraum von Thom Yorke. The Raptures “House of jealous lovers” sollte wie lebendig gewordene Punk-Posterschnipsel aussehen. Zufällig hatten sie gerade ein Buch mit alten Punk-Postern gekauft. “Ihre Direktheit war für ein Video perfekt und ihre Stümperhaftigkeit wirklich charmant”, sagt Jason. Roh und ein bisschen schrundig, das scheinen sie zu mögen. Auch beim PC-Equipment, das immer zusammengeschraubt wurde. Oder bei ALDI gekauft. Mac-Ästheten sind sie sicher nicht. Vielleicht sogar ein wenig verwurstelte Nerds. Als sie bei “Move your feet” für Junior / Senior auf das alte Amiga Programm Deluxe Paint zurückgriffen, mussten sie jeden Pixel mit der Maus nachzeichnen. Jason erzählt: “Wir haben es benutzt, weil Kenny es als Kind genommen hat. Da konnte er es uns schon beibringen. Sonst nehmen wir den langweiligen Kram, den jeder hat.” Nämlich Maya, Photoshop, After Effects, Premiere, Final Cut, Flame, wie bei “Go with the flow” für Queens of the Stone Age. Da wurde die schwarz angemalte Band vor einem Green Screen aufgenommen und aufwendig in der Post rausgeschnitten, die Kamerabewegungen nachgezeichnet und die Umgebung generiert. Sie hatten sich darum gerissen und bei einem Pitch mitgemacht, was heute immer öfter üblich ist. Denn das Geschäft ist härter geworden, das Budget für die Clips gesunken. Aber Mainstream kommt trotzdem nicht ins Haus. “Lieber kauen wir auf den Fingernägeln”, sagt Gideon trotzig. Und: “Wir sollten endlich einen Film machen”. Dann los.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.