Science Fiction in der Schmuddelecke
Text: Jörg Sundermeier aus De:Bug 110


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Utopisch-technische Texte sind dem deutschen Literaturbetrieb seit 1933 suspekt, die Nazi-Ausgrenzung des Genres wurde nach 1945 nahtlos fortgeführt. Sogar Sci-Fi-Ausflüge von Säulenheiligen wie Robert Musil sind für Germanisten tabu.

Es ist eine Binsenweisheit, dass das, was gemeinhin als die deutsche Literatur gilt, nicht den Reichtum widerspiegelt, den die deutschsprachige Literatur besaß und – darf man wohl annehmen – auch zurzeit besitzt. Allerdings interessiert sich auch niemand für diese Wahrnehmungsverzerrung, selbst wenn die Verdrängungsleistung doch einmal klar benannt wird, wird sie prompt wieder vergessen. Zuletzt erging es so der Feststellung, dass die Gruppe 47 und insbesondere ihr Dominator Günter Grass alles zu verdrängen suchte, was die, von ihr präferierte, halbesoterische Gemütsliteratur, auch als solche kenntlich machte (hier sind explizit ausgenommen: Wolfgang Hildesheimer, Paul Celan und Ingeborg Bachmann). Autoren wie Albert Vigoleis Thelen, Rudolf Lorenzen oder Hans Erich Nossack blieben Randfiguren. Remigranten wurde, manchmal sogar explizit, das Recht abgesprochen, über die Ereignisse im Nachkriegsdeutschland schreiben zu dürfen. Dennoch prägt die Gruppe 47 den Begriff von Literatur bis heute, sie gilt weiterhin als das literarische Großereignis nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Folge als Schreibmatrize für die meisten Youngster.

Doch nicht nur Autoren wurden ab 1945 gleich wieder ausgegrenzt, auch ganze Genres wurden erst von den Nazis missbilligt, anschließend von schreibenden ehemaligen Flakhelfern, die sich ihre Haltung von Bundesministerien bezahlen ließen, verpönt. So eben auch die Science Fiction, die, wenn sie denn heute überhaupt in den Besprechungen des Hochkulturbetriebes lobend erwähnt wird, nie in deutscher Sprache verfasst ist. Wenn man etwa von Dietmar Dath liest, dessen Romane sich nicht selten bei der Science Fiction bedienen, so erscheint er den Rezensenten zumeist anrüchig oder aber seine Bücher gelten vice versa als “gewagt”. Arno Schmidts “Gelehrtenrepublik” (1957) wird, bei aller Schmidt-Verehrung, vom Betrieb noch immer nur für das dolle Ding eines genialischen Wirrkopfs gehalten, selbst der geliebte Herrenreiter Ernst Jünger wird stets für seine verwirrten “Marmorklippen” verehrt, von Werken wie “Gläserne Bienen” (1957) wird dagegen lieber geschwiegen.

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Verdruckste Bildungsbürger
Warum dies so ist, wo doch vor 1933 der utopische, später der utopisch-technische Roman durchaus als normales literarisches Werk galt, ist nicht geklärt. Ich glaube: Nachdem sich das Bürgertum im Nazismus eigenhändig seiner liberalen Wurzeln beraubt hatte, musste es jede Utopie, sei sie eine fröhliche, sei sie eine negative, ablehnen, um die eigene Verdruckstheit zu kaschieren. Nur, wenn es keine andere Utopie als die von Staat, Familie, Kirche oder Führer vorgezeichnete gab (denn spätestens in den vernunftfernen Geschichtsphantasien der SS-Vordenker war ja wieder eine, äh, superarische Utopie, allerdings sehr deutsch, also mit Todeswunsch, sichtbar), war gewährt, dass niemand aus der kollektiven Volksgemeinschaftsverblödung der 30er oder eben der 50er und 60er Jahre ausbricht. Selbst die verspäteten Pro-Nazi-Utopien in den frühen Perry-Rhodan-Heften störten da nur. Lediglich technokratische Zukunftsbilder fanden Beifall (“Wir werden im Jahr 2001 eigene Individualhubschrauber haben und Telefone bereits in unseren Kopf hineininstalliert”).

Science Fiction und die utopisch-phantastische Literatur aus der DDR (beispielsweise von Johanna und Günther Braun oder Irmtraud Morgner) wurden demnach nur goutiert, weil man sie als Angriff auf die Gegebenheiten der DDR interpretierte, ihr aber keinerlei Relevanz im Bezug auf das eigene westdeutsche Leben zubilligte. Bezeichnenderweise sind diese utopisch-phantastischen Werke aus der DDR heute nahezu sämtlich nicht mehr lieferbar. Und das Gleiche gilt für die Werke aus den 10er und 20er Jahren, die größtenteils nicht einmal mehr Germanisten bekannt sind, dabei ist von einer Reihe der nun verschollenen oder aber für anderes bekannten Autoren einiges zu lernen.

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Abseitige Spinner
Paul Scheerbart etwa wurde in der kleinen, sehr edlen Edition Phantasia im Rahmen einer Werkausgabe wiederentdeckt, seine Werke sind zum Teil auch online bei gutenberg.spiegel.de zu lesen, doch die Germanistik hält ihn noch immer für einen abseitigen Spinner. Ähnlich liegt es bei Robert Müller, einem wahngetriebenen Rassetheoretiker, dessen Romane jedoch zum Originellsten gehören, das der deutsche Expressionismus hervorgebracht hat. Auch seine Romane und Erzählungen, die größtenteils exotistisch sind und nur am Rande die Science Fiction streifen – etwa in dem wunderbaren “Sketch” von 1920 namens “Arena”, der in wilden Zeitsprüngen das Kinoerleben im Jahre 1980 beschreibt – lagen zwar in einer Werkausgabe vor, allerdings ist diese schon längst wieder vergriffen. Beides, das Dschungelabenteuer wie die Zukunft, diente bei Müller nicht der Weltflucht, sondern im Gegenteil dazu, via Verfremdung die Gegenwart kenntlich zu machen.

Auch der Philosoph Salomo Friedländer, der sich, wenn er Belletristik verfasste, Mynona nannte, hielt es so. Er ist ebenfalls beinahe vergessen, zwar gibt es seit zwei Jahren einen ersten Band einer Werkausgabe, doch weiteres lässt bislang auf sich warten. Mynona beschrieb 1922 in “Graue Magie”, seinem “Berliner Nachschlüsselroman”, das Verhältnis des Philosophen Sucram zu dem Gangster Morvitius, der die Erkenntnisse des Philosophen nutzt, um beispielsweise, einer sehr merkwürdigen Idee des späten Kant folgend, durch den Äther zu reisen und damit hinzukommen, wohin immer er will. “Graue Magie” darf wohl als einer der lustigsten Science-Fiction-Romane in deutscher Sprache gelten, doch ist er ebenfalls restlos vergessen.

Bei einem letzten Schriftsteller, der hier als Beispiel für das herhalten soll, was die Science Fiction in der deutschen Literatur hätte sein können, wäre die institutionalisierte Literaturbetrachtung nicht so bescheuert, ist es besonders erstaunlich, dass sein nur skizzierter, doch immerhin über 30 Jahre verfolgter Plan für einen utopisch-technischen Roman mit dem Arbeitstitel “Der Planet Ed” so überhaupt nicht beachtet wird – es handelt sich um Robert Musil, dem ja in keinem geisteswissenschaftlichen Seminar zu entgehen ist. Musil arbeitete seit 1911 zunächst an einem Text mit dem Titel “Das Land über dem Südpol”, aus dem sich über die Jahre die Idee zu dem “Ed”-Roman entwickelte, den Musil, so schrieb er in seinem Tagebuch, gleich nach dem “Mann ohne Eigenschaften” angehen wollte.

Es gibt haufenweise Skizzen für diesen Text (etwa: “Erst Haar-, dann Zahnersatz, Teintersatz, künstliche Organe – wird immer älter – schließlich bleibt nur noch das Sexualorgan, und am Ende wird auch dieses künstlich. Auflösung des Menschen ganz in Illusion”), doch hat sich meines Wissens bislang nur Christoph Hönig im Jahr 1970 eingehender mit diesem Projekt befasst, eine Ausgabe der Skizzen in Buchform – wie sie bei anderen, öderen Fragmenten vergleichsweise bekannter Schriftsteller durchaus Usus ist – wird es wohl nie geben. Vielleicht liegt es daran, dass Musil unter dem Titel “die Akademie von Dünkelshausen” auch noch eine Satire über den Literaturbetrieb in den Roman einbetten wollte. Der Betrieb, darin dann doch ganz Elefant, vergisst so was nämlich nie.

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Elektronische Lebensaspekte.