Text: benjamin weiss aus De:Bug 28

INTERVIEW: Die Welt ist bereit für einen neuen Sound David Hansson, Chefentwickler der Sidstation Wie kommt jemand auf die Idee, einen ernstgemeinten Synthesizer aus einem für heutige Massstäbe hoffnungslos veralteten Chip (immerhin hat der SID Chip mittlerweile 17 Jahre auf dem Siliziumbuckel) zu bauen? Und wie schafft man es, einen Investor dafür zu finden, der trotz der beschränkten Verfügbarkeit dieses Chips eine nicht gerade geringe Menge Geld dafür zur Verfügung stellt, ein Gerät zu bauen, dass wahrscheinlich nicht öfter als tausend mal produziert werden kann. Grund genug also für ein Interview mit Daniel Hansson, Chef von Elektron in Göteborg, dem Mastermind und Hauptentwickler der Sidstation. Daniel Hansson: Die Idee spukt mir seit ungefähr fünf Jahren im Kopf rum. Zuerst spielte ich mit dem Gedanken, einen vollständigen C64 mit Midi-Interface und Diskettenlaufwerk in ein Rack einzubauen und das so zu realisieren, aber eigentlich war mein Traum, einen richtigen Synthesizer daraus zu machen, ohne die Hardwarebeschränkungen. Der C 64 streut eine zu grosse Menge Rauschen in den Ausgang ein (hauptsächlich vom RF – Modulator) und der Prozessor ist…nun ja…ein klein wenig überholt. Ausserdem ging es mir darum, den Sound des SID für alle Musiker zugänglich zu machen, ohne die Beschränkung auf die C 64 Szene. Ich war immer ein grosser Fan des SID und der Art, wie seine Programmierer ihn zum klingen gebracht haben. Der Sound hängt sehr stark von der Programmierung ab, und ich wusste, dass ich ihm durch meine Erfahrung gerecht werden konnte, da ich bereits 1993 einen Sound Editor für den C64 namens Nordic Beat Editor gemacht hatte, der an den CP Verlag verkauft und “Programm des Monats” im 64’er Magazin wurde. De:Bug: Wie lange habt ihr gebraucht, die Sidstation serienreif zu machen? Daniel Hansson: Sehr lange, denn mir fehlte die Zeit, das richtige Equipment und die Erfahrung, wirklich ernsthaftes Hardware Layout zu machen. Im Herbst 1997 besuchte ich dann einen “Digital Construction” Kurs für den Masterstudiengang für Computer Science an der Chalmers University in Stockholm. Für diesen Kurs sollten in Gruppen Hardwareprojekte realisiert werden…Fahrradcomputer, Telefonnummern – ID Maschinen oder etwas ähnliches. Ich hatte bereits vorher mit Kristoffer Johansson vom HVSID Team über das Projekt gesprochen, und am ersten Tag des Kurses konnte ich ein paar andere Leute dafür interessieren. Wir waren vier Leute die begannen, den SID Synth zu designen, der damals noch Sid’ O Mania hiess. In sieben Wochen bastelten wir den ersten Prototyp zusammen, der später zur Sidstation wurde. Den haben wir immer noch und er funktioniert sogar mit dem neusten Betriebssystem! Nachdem ich diesen Prototyp hatte, hatte ich auch ein neues Ziel. Wie wäre es, wenn man ein paar Exemplare dieses Prototyps machen könnte, so dass auch andere den Synthesizer benutzen könnten, den ich gerade entwickelte? Anfang des vergangenen Jahres konnte ich zwei Leute dafür gewinnen, das SID-Projekt fortzuführen, und zwar Anders vom ursprünglichen Team und Mikael, mit denen ich später auch unsere Firma Elektron gründete. Von Januar bis Juni ’98 entwickelten wir die Sidstation vom Prototyp zu einem kompletteren Synthesizer mit einem Case, Knöpfen und einem gedruckten Schaltkreis. Zu dieser Zeit wurden die roten Sidstations hergestellt, alle handgemacht übrigens, was verdammt viel Zeit kostete, etwa zwanzig Stunden pro Stück. Wir machten das in einem Kurs namens “Project E”, der speziell dafür gedacht war, Studenten die Möglichkeit zu geben ein Projekt zu realisieren, für das sie bereits eine weit entwickelte Idee hatten. Ich machte den Grossteil des Codes, während sich Mikael um das Case und das PCB Design kümmerte und Anders die erste Version des ASID (C64 Song Emulator) programmierte. Während dieser Zeit eröffneten wir unsere Website und erzählten ein paar Freunden von unserem Projekt. In wenigen Tagen bekamen wir Tonnen von Emails von Leuten, die die Sidstation haben wollten! Der kleine Unternehmer in mir überlegte sich, dass es vielleicht möglich wäre, den SID Sound in der ganzen Welt zu verbreiten, aber wir hatten ein grosses Problem: um eine korrekte Produktion zu ermöglichen, brauchten wir eine Menge Geld. Und das hatten wir nicht. Mikael und ich gingen also zu Chalmers Invest und präsentierten unsere Idee von einer neuen innovativen Synthesizer Firma, die nie bereits bekannte Konzepte reproduzieren , sondern immer neue Ideen ins Business einführen sollte. Sie glaubten an uns und investierten Geld in Elektron ESI, das im späten September ’98 gegründet wurde. Kurz danach zogen wir in ein Center für neue Technologien ein, und da wir die ersten waren, die dort einzogen und diese seltsame Idee von einem Synthesizer aus einem alten Computerchip hatten, kamen eine Menge Zeitungsleute und machten Beiträge über uns. De:Bug: Über den Sid gibt es doch aber keine umfassende Dokumentation. Wie seit ihr an die Spezifikationen gekommen? David Hansson: Da ich aus der 64er Szene komme, habe ich das Wissen, um das meiste aus dem SID herauszuholen. Die Basics werden in der “Bibel”, dem C64 Reference Manual erklärt, aber um die wirklich coolen Sounds herauszubekommen, da braucht es ein paar Tricks. Das Sidstation Betriebssystem ist eine Mixtur aus dem normalen Synthesizer Approach und dem Konzept von C64 Editoren. Das modulare LFO System kommt aus der Synthesizerwelt und die Tables sind bereits im SID Chip implementiert.. De:Bug: Habt ihr Bob Yannes (Entwickler des SID Chips) kontaktiert, um ihm von der Sidstation zu erzählen? David Hansson: Bob Yannes hat uns kontaktiert und gesagt, dass er sehr beeindruckt davon sei, dass es immer noch ein so grosses Interesse für den SID Chip gäbe! Wir haben den Kontakt gehalten und werden ihm unseren Businessplan schicken, um seinen Kommentar zu bekommen. Natürlich wird er auch eine Sidstation bekommen und ich bin sehr gespannt, was er dazu sagt! Wäre sehr cool, ein Projekt mit ihm zusammen zu machen… De:Bug: Wie kommt man auf die Idee, aus einem 17 Jahre alten Chip einen neuen Synthesizer zu bauen? David Hansson: Weil es keinen anderen Chip gibt, der einen derart einzigartigen und charakteristischen Sound hat! Für mich ist der einfach viel interessanter als eine 303 oder ein Moog, wenn man ihn richtig benutzt. Jeder kann einen kreischenden Resonanzfilter machen, aber ich denke die Welt der Musik ist bereit für einen neuen Sound. De:Bug: Wieviele Sidstations könnt ihr mit dem noch bestehenden Vorrat an SID Chips bauen? David Hansson: Das ist sehr unklar. Der Vorrat an SID Chips ist äusserst beschränkt. Wir haben auf der ganzen Welt gesucht, bis wir jemanden fanden, der noch einen gewissen Vorrat hat. Ausserdem gibt es verschiedene Versionen des Chips, von denen wir natürlich die am besten klingende benutzen wollen – die R4. Wir hoffen, dass wir etwa 1000 Sidstations produzieren können. Bislang haben wir 200 hergestellt und suchen bereits nach einer neuen Lieferung Chips. Hoffentlich bekommen wir noch mehr, aber die Anzahl der Sidstations wird auf jeden Fall limitiert sein. De:Bug: Habt ihr Pläne für ein weiteres Gerät ? Klar! Wir arbeiten gerade an unserer nächsten Maschine, die total anders sein wird als die Sidstation. Sie wird keine alten Soundchips benutzen, denn es gibt keinen alten Chip neben dem SID, der wirklich interessant wäre. Es wird ein völlig anderes Konzept sein, aber in gewisser Weise revolutionär auf seinem Gebiet. Mit all unseren Maschinen wollen wir nicht versuchen, mit anderen zu konkurrieren, sondern neue Ideen entwickeln. Die nächste Maschine wird etwa zur Frankfurter Musikmesse nächsten Jahres fertig sein und vielleicht hat sie ja etwas mit einem Sequenzer zu tun… De:Bug: Vielen Dank für das Gespräch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.