Text: mario sixtus aus De:Bug 21

SPD-Fachmann für Neue Medien im Test Dem SPD-Internetbeauftragten Siegmar Mosdorf von der Telefonzelle zum Email-Postkasten auf der Spur mario sixtus mario@sixtus.net Wer es bisher noch nicht wusste: die Regierungsparteien haben jetzt einen Fachmann für Internet und neue Medien. Das finde ich gut. War man doch bisher geneigt zu glauben, die frisch Gewählten hielten für die Krönung der Kommunikation, sich gegenseitig über Regierungsbeschlüsse via Zeitungsartikel zu informieren. Jetzt wird also endlich alles gut: die T1 in der Privatwohnung wird so selbstverständlich wie ein Telefonanschluss, die digitale Demokratie wächst und gedeiht, Globalisierung steht auf einmal nicht mehr nur für Daimler-Chrysler oder für Giftmülltransporte nach Samoa. Und da die potenzierten Erfahrungen der Netzbewohner mittelfristig eine einzige und einzigartige Superintelligenz erschaffen werden, die diesen Planeten vernünftiger, resourcenschonender und zukunftssicherer verwalten wird, als UNO und Dalai Lama zusammen, schaffen sich die Politiker mithin selber ab. Auch das finde ich gut. Der SPD Fachmann für Internet und neue Medien heisst Siegmar Mosdorf und ist Schwabe. Siegmar Mosdorf ist der Mann, auf den wir alle so lange gewartet haben, und gibt schon fleissig Interviews z.b. im konrad < http://konrad.stern.de >. Da sagt er dann so kluge Sachen wie: “Das Kommunizieren mit Internet und Email muss so selbstverständlich werden wie das Telefonieren in öffentlichen Telefonzellen”. Ganz abgesehen davon, dass dies ein Allgemeinplätzchen ist, das so auch in der Bäckerblume hätte stehen können: wer benutzt heutzutage eigentlich noch Telefonzellen? Hat der Mann kein Handy? Weiter unten wird Herr Siegmar Mosdorf zwar nicht konkreter, dafür aber blumiger: “Die Medienbranche hat nicht nur eine ökonomische und eine technologische, sondern eben auch eine tiefergehende kulturelle Dimension. Es geht hier (…) um so etwas wie Bewusstseinswirtschaft mit einem Zusammenhang zur politisch-demokratischen Kultur einer aufgeklärten Gesellschaft.” Aha, der Ball ist also rund und Siegfried und Roy sind schwul. Zum Glück hat Siegmar Mosdorf – der SPD Fachmann für Internet und neue Medien – auch eine eigene Homepage: < http://www.siegmar-mosdorf.es-internet.de > Der Mann kann also gar nicht so schlecht sein, wie der Brei, den er verzapft, oder? Zumindest sollte man ihm ‘ne faire Chance geben und mal nachschauen. Während sich schlechte Scans von SPD-Wahlkampfflyern (Siegmar Mosdorf mit Gerhard Schröder und so, naja ihr wisst schon …) auf den Bildschirm quälen, lasse ich mir noch ein weiteres Zitat von S.M. zum Thema ‘Standort Deutschland’ auf der Zunge zergehen: “(…) wir haben jedoch auch grosse Stärken, etwa im Bereich der Inhalte, nicht zuletzt aufgrund der kulturellen Traditionen des alten Kontinents Europas.” Na gut, also Inhalte. Vergessen wir einfach mal kurz die in schlichtem Hausfrauen-html gehaltene Gestaltung der Seite und machen uns auf die Suche nach Inhalten. Unter ‘Aktuelles’ finden wir so aufregend brandaktuelle Informationen wie: Hot News : So. 27. Sept. 1998, ab 17:30 Uhr :Wahlparty im Dick-Areal, Piazza mit Musik und Großbildleinwand oder Gerhard Schröder in Esslingen am Dienstag 15. Sept. 14:00 Uhr aber auch Radeln mit Rudolf Scharping & Siegmar Mosdorf und schliesslich Siegmar Mosdorf auf dem Zollberg – Seniorennachmittag: Diskussionen bei Kaffee und Kuchen (!) (wohlgemerkt: heute ist der 05.02.99!) Als weitere Highlights finden sich so tolle Sachen wie - ein java-chat (channel “plauderstübchen” “get your own free chat from …”) - ein nicht funktionierendes Gästebuch (logischerweise ohne Eintrag) und - eine “Online-Diskussion”, die keine ist, sondern nichts weiter als eine verkrüppelte Linkseite (zwei Einträge). Aber zum Ausgleich für nichtvorhandene Inhalte dürfen wir uns immerhin liebevoll zusammengeklaute, animierte gifs anschauen (flügelschlagende Taube, rotierende Weltkugel ).Der kleine Optimist auf meiner Schulter flüsterte mir inzwischen ein “immerhin hat er ja Email” ins Ohr. Der Maillink auf der Seite veranlasst den Client dann auch, direkt eine Mail an vier(!) Empfänger zu senden: siegmar-mosdorf@es-internet.de ECHNAT0N@aol.com siegmar.mosdorf@t-online.de romback.jacobi@t-online.de Flugs eine Bitte um Stellungnahme zu den Kommerzmail-Plänen des dmmv getippt und ab dafür. Naja, wie sag ichs vorsichtig: der kleine Optimist auf meiner Schulter hatte wohl schon eine Vorahnung und machte sich das erste Bier auf. Er sollte recht behalten: nach kurzer Zeit tropften zwei(!) Errormeldungen in mein Postfach: The following destination addresses were unknown (please check the addresses and re-mail the message): SMTP und |————————- Failed addresses follow: ————————| … unknown user / Teilnehmer existiert nicht Naja, S.M. hatte schliesslich auch weiter oben irgendwas von Telefonzelle geschwafelt. Vielleicht hatte er einfach kein Kleingeld mehr oder die Zelle war wegen mutwilliger Zerstörung geschlossen? Der Postmaster von es-internet.de (steht ‘es’ für Esslingen?) wies in einer der Errormeldungen darauf hin, dass man doch bitte eine Mail an postmaster@es-internet.de schicken sollte, so man der Meinung war, dass hier ein Fehler seinerseits vorlag. Als freundlicher Mensch tat ich das dann natürlich auch sofort, mit dem Tip, ggfls. doch auch die Email-Adressen auf der Homepage zu aktualisieren. Wie es die kosmischen Gesetze wollen, blieb auch diese Aktion nicht ohne Reaktion: The following recipients did not receive your message: Please reply to Postmaster@es-internet.de if you feel this message to be in error. Meine Kinnlade klappte endgültig bis auf Tischkantenhöhe runter, und der kleine Optimist fiel stockbesoffen von meiner Schulter. Das ist also der Mann, der gegen Monopolisten und Moralisten die Interessen der deutschen Netzbevölkerung durchsetzen soll? Der Mann, der die EU-Entwürfe zu Kryptologie und Datenschutz absegnet? Der sich mit dem dmmv und anderen Lobbyisten für uns schlägt? Doch Weltverschwörung? Illuminaten, die uns einlullen wollen? Und überhaupt, wer ist Romback Jacobi? War es der eingebildete, unsichtbare Freund von Siegmar Mosdorf, der ihn schon seit seiner Kindheit begleitete? Sein CIA Führungsoffizier? Sein Lover? Laut T-Online existierte er ja noch nicht einmal! War es vielleicht der Postmaster vom Esslinger Internet? Das würde Einiges klären, schliesslich gab es den ja auch nicht. War das alles ernst gemeint oder nur ein schlechter (oder guter?) Scherz der rot/grünen Regierung, die ausloten will, wie weit das Volk sich zuschwallern lässt? Oder ist Siegmar Mosbach einfach so doof wie hundert Meter Feldweg. Der kleine Optimist fertigte sich gerade eine hübsche Krawatte aus seinem Mageninhalt an, draussen war es kalt, dunkel und nass, Siegmar Mosdorf war der SPD-Fachmann für Internet und neue Medien und Erich Ribbeck war Bundestrainer. Und wie sagte letzterer: “Wir müssen wieder lachen lernen!”. Das war vor dem Spiel gegen die USA. Das Spiel haben wir dann 0:3 verloren. http://www.siegmar-mosdorf.es-internet.de ZITAT1: ”Das Kommunizieren mit Internet und Email muss so selbstverständlich werden wie das Telefonieren in öffentlichen Telefonzellen.” (SPD-Internetfachmann Mosdorf) ZITAT 2: DEBUG fragt sich: Wer benutzt heutzutage eigentlich noch Telefonzellen? Hat der Mann kein Handy?

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Elektronische Lebensaspekte.