Wild wird experimentiert mit den verschiedenen Techniken, Fernsehen aufs Handy zu bringen. Welche haben eine Überlebenschance?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 105


Siehst du klar?
Fernsehen fürs Handy

Für eine Hand voll Leute wird Fernsehen auf dem Handy und die WM unweigerlich miteinander verknüpft bleiben. Schließlich war die WM der Testballon. Und die Einführung des Mobile TV war von ähnlich dramatischen und undurchschaubaren Strategien durchsetzt wie die Fußball-Weltmeisterschaft. Nach Umfragen von ARD und ZDF wollen alle. Vielleicht nicht zufällig, denn ARD und ZDF hätten gerne die ab 2007 fälligen zusätzlichen GEZ-Dollars, die vom Schwarzen Loch der Konvergenz, wie das Mobiltelefon gerne genannt wird, aufgesaugt werden können, zusätzlich zu denen, die die Laptops bringen werden.

“Stark angestiegen ist das Interesse an mobiler Mediennutzung: 34 Prozent der Onliner verfügen bereits über die Möglichkeit, via Laptop und Handy ins Netz zu gehen. Weitere 16 Prozent planen den mobilen Empfang. Parallel dazu wächst die Nachfrage nach mobilem Fernsehen: 44 Prozent der Internet-Nutzer bekunden starkes Interesse, wobei als Empfangsgerät der Laptop vor dem Handy und dem Organizer rangiert.” Das ist – nach jahrelangem scheinbarem Desinteresse für Fernsehen woanders als auf der heimischen Flimmerkiste – die lapidare Quintessenz der ARD/ZDF-Online-Studie 2006. Merke: Die GEZ-Zahlungen für Rechner mit Internet-Anschluss werden ortsbezogen aquieriert. Mit dem Laptop oder dem TV-fähigen Handy im Mitte-Café rumlungern, ist demnächst nicht mehr nur ein Zeichen der Techno-Urbanität, sondern eine Einladung für die Eintreiber der GEZ.

Alle Netzbetreiber und Fernseh-Hersteller, Verzeihung, Handy-Hersteller, die ich in den letzten Monaten getroffen habe, sehen das bislang noch skeptisch. Dabei ist von deren Seite die Infrastruktur klar. Telefone wie das MyMobileTV von Sagem, das N92 von Nokia oder diverse Samsung-Modelle kursieren stellenweise schon seit der IFA letztes Jahr. Aber die Verwirrung wundert nicht, denn die ersten Tage des mobilen Fernsehens waren schlicht chaotisch. Schließlich ist Rundfunk Ländersache (weshalb es übrigens auch kein vernünftiges öffentlich-rechtliches Radio in Deutschland gibt) und das WM-Projekt Föderalismusreform hatte hier eine Änderung nicht mal anvisiert. So gibt es in Deutschland jetzt diverse mediale Fürstentümer (genannt Landesmedienanstalten), in denen man DMB, einen Standard, der auf das digitale Radio aufsetzt, präferiert, der aber leider nur vier Fernsehkanäle verbreiten kann, und andere mit DVB-H, das für den kleinen Screen zusammengeschnittene DVB-T-Pendant (mit über 20 Sendern). Und natürlich, wie immer, ist da noch das Internet.

Keiner nutzt das UMTS-Zeug

Die unbrauchbarste der Möglichkeiten war die einzige, die jeder hätte nutzen können. Das IPTV-Streaming von diversen wohl ausgesuchten Clips zur WM via UMTS dürfte nach diversen Wacklern und der mageren Inhaltsausbeute vermutlich dahin verschoben werden, wo es hingehört: an das Ende der HSDPA-Einführung in Deutschland. Die Strategie war klar: Jetzt nutzt das UMTS-Zeug doch endlich, wir haben’s damals doch so teuer bezahlt. Aber wozu Fernsehen über teure Datenleitung, wenn jeder weiß, dass ein extra Fernsehempfänger für DVB-T nicht größer sein muss als ein handelsüblicher Daumen.

Skeptikern, deren Hauptargument die Größe des Screens ist, haben DVB-H- und DMB-Telefone schnell verstummen lassen. Bewegte Bilder sehen eigentlich immer gut aus. Eigentlich hätte jeder mit einem Video-iPod und ein wenig YouTube-Erfahrung das schon vorher wissen können. Wird nach MP3-Playern und digitalen Kameras und Camcordern das Telefon als nächste mediale Hürde das Fernsehen einnehmen? Sicher. Nur wann?

Der DVB-H-Ausbau, den man einfach auf die DVB-T-Infrastruktur aufpfropft (was zumindest in Berlin schon flächendeckend geschehen ist), ist technisch kein Meisterwerk. Er kostet, ist aber, da es letztendlich um überschaubare Mengen an Sendern geht, die vor allem in Ballungszentren installiert werden, ziemlich erschwinglich. DVB-T fürs Ländle ist eh zurzeit halbwegs abgeschrieben. DMB, zwar ein löbliches Projekt, dürfte zurzeit allerdings vor allem ein Versuch sein, die zwar vorbildlich ausgebaute (80% Flächendeckung in Deutschland), aber relativ ungenutzte (Ende letzten Jahres gab es nur einhunderttausend DAB-Hörer) Infrastruktur des digitalen Radios doch noch in Gang zu bekommen. Den Landesmedienanstalten dürfte das Thema zu den Ohren raushängen, denn schließlich haben es zwölf schon öffentlich zugelassen.

Doppelte GEZ

Was also, jenseits der paar Bürokraten, liegt da eigentlich quer? Richtig. Das Geld. Wer dachte, DVB-H würde einfach so frei empfangbares Fernsehen werden, hat sich verrechnet. Denkt doppelte GEZ. Denn vor den Fernsehempfang haben die Netzbetreiber skurrilerweise ein WAP-Portal geschaltet. Wer auf dem Handy fernsehen will, zahlt also nicht nur GEZ, sondern auch noch einen Obulus mit der Telefonrechnung. Denn den Ausbau von DVB-H betreiben ebenso wie bei DVB-T nicht die Öffentlich-Rechtlichen allein, sondern die Privatsender zusammen mit T-Systems und einem guten Batzen von Subventionen und Fernsehgebühren.

Kein Wunder, dass pünktlich nach dieser Testphase die Rufe nach einer Verschlüsselung auch von DVB-T laut werden. Vertraglich geeinigt hatte man sich bei DVB-T bis 2009. Aber mit dem neuen Medium wird ja eh alles besser, weshalb hier dank geschlossener Betriebssysteme und einer technischen Verbandelung von Netzbetreibern und Handyherstellern nicht mal mehr verschlüsselt werden muss. Man verlegt die Fernbedienung des Fernsehens auf dem eigenen Handy eben einfach ins Netz. Und solange DVB-H-Telefone noch nicht erhältlich sind, besteht auch keine Gefahr, dass sie jemand crackt. Wir vermuten aber, dass wird ein Kinderspiel.

Verkaufen!

Wie – so wird man sich in den Landesmedienanstalten denken – vermittle ich dem mobilen Fernsehzuschauer, dass er GEZ für etwas zahlen soll, dass er, wenn die Netzbetreiber jeden Umschaltclick nachweisen können, möglicherweise gar nicht sieht, und wie überzeugt man die Netzbetreiber, nicht einfach nur Pakete mit privaten Sendern zu verkaufen?

2007 soll es nach letzten Schätzungen zumindest so weit sein, dass die ersten Handys in den Verkauf gehen können. Doch je länger sich die Entscheidung für DVB-H hinauszögert, desto mehr Komplexitäten tun sich im mobilen Fernsehen auf. DVB-H ist dafür konzipiert, möglichst Strom sparend zu sein, und sendet deshalb in einem speziellen Zeitmultiplexverfahren (mehr wollt ihr nicht wissen) eine Auflösung von 320×240 in einer Framerate von 15 pro Sekunde. Das wackelt schon ein wenig. Sollte sich dank Einführung schnellerer Strom sparender Prozessoren in Handys und diverser neuer Batterietechniken die Leistung der Kleinen in den nächsten zwei Jahren wie erwartet extrem verbessern, mag man sich irgendwann die Frage stellen, ob nicht DVB-T auch für Handys als Add-Ons verkraftbar sind. Mit der breiteren Durchdringung von Wi-Fi auf Handys, die ja u.a. von der Telekom zur Zeit stark forciert wird, um ihr Hotspot-Netz in die Handyangebote einzugliedern, ist auch ein Relay-Streaming über W-Lan für Handys denkbar.

Das Rennen der Netze gegen die Konvergenz der Endgeräte wird eben immer kürzer. Analoges Farbfernsehen hatte fast 40 Jahre Zeit, sich zu amortisieren, das C-Netz von der Post (analoges, abhörbares Mobiltelefon, beliebt in Autos) hatte zumindest eine Lebensdauer von 20 Jahren. Wäre der UMTS-Verkauf nicht mit der besten New-Economy-Blasenzeit 2001 zusammengefallen, wäre GSM schon Vergangenheit. Und ob DVB-H dieses Jahrzehnt überlebt, ist alles andere als sicher. Wir vermuten, es erlebt seine Hochphase bei der nächsten WM – und bei der übernächsten wird keiner mehr wissen, was das noch mal war. Wenn nicht, kann man es aber immer noch als Promo-Kanal für einen Video-On-Demand-Service für unterwegs nutzen.

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Elektronische Lebensaspekte.