Nicht nur Bertelsmann besinnt sich auf seine Roots als Familienunternehmen zurück, es gibt auch Designbüros, die die familiäre Tradition hoch halten. Zum 30jährigen Firmenjubiläum bringt das Frankfurter Designbüro "SIGN" jetzt auch ein neues Buch heraus: On the inside - in the outside. Wir haben nachgeguckt.
Text: Anne Pascual aus De:Bug 63

Zwischen den Hochhäusern
Das Designbüro SIGN

Auch wenn Lebens- und Arbeitszeit mittlerweile eins sind, Selbstverwirklichung und Wertschöpfung zunehmend eine Schnittmenge ergeben müssen, um Anerkennung zu finden, ergeben sich neue, alte Modelle, wie das tägliche Tun und der eigene Lebensentwurf zum Abenteuer umfunktioniert werden kann. Ein Beispiel hierfür ist das Frankfurter Designbüro SIGN: drei Jahrzehnte gibt es das Unternehmen schon, was in dieser Branche an sich schon Bewunderung hervorruft. Zum 30 jährigen Firmenjubiläum im März dieses Jahres veröffentlicht Antonia Henschel, die Tochter der Gründer und nun auch Kreativ-Chefin im familiären Geschäftsführer-Quartett, den Buchzwilling “SIGN: on the inside – in the outside”. Während der eine Band vor allem Arbeiten aus dem Printbereich zeigt, hat der zweite Band das neue Büro von SIGN zum Thema, das von dem deutsch-englischen Möbelhersteller e15 und Philipp Mainzer, Architekt und Geschäftsführer von e15, gestaltet wurde. Und obwohl die Referenzliste und lang und namhaft ist, erscheint die Publikation vehement auf die Eigenständigkeit des Designs zu pochen, statt auf Rentabilitätsfaktoren. DEBUG wollte wissen, ob das feine, ungewöhnliche Design nicht doch vielleicht das Ergebnis familiärer Synergien ist.

DEBUG: SIGN ist/hat eine Familiengeschichte. Kannst du sie uns kurz erzählen?

Antonia Henschel: Nach einigen Jahren bei TWEN und einem kurzen Intermezzo bei einer Frankfurter Agentur hat sich mein Vater 1972 selbständig machen wollen. So haben meine Eltern, damals noch mit einem Illustrator, SIGN gegründet. 1995 ist auch mein Bruder bei SIGN eingestiegen. Ich selbst habe mich früher sehr für Fotografie interessiert, dann zusätzlich die Typografie entdeckt und so hat es mich letztendlich doch zum Grafikdesign gezogen. 1991 bin ich nach London gezogen, um bei Central Saint Martins zu studieren. Nach einem B.A. in Graphic Design und einem M.A. in Communication Design wollte ich dann erstmal frei arbeiten.
Vor ein paar Jahren befand sich SIGN in einer etwas orientierungslosen Phase und mein Vater bat mich, dem Laden etwas neuen Wind einzuhauchen.

DEBUG: Gibt es einen Familiengeschmack, oder aber Generationsunterschiede?

Antonia Henschel: Interessanterweise liegt es nicht unbedingt an den Generationsunterschieden. Beispielsweise kann ich meinen Vater leichter von etwas überzeugen als meinen Bruder – na ja, der ist aber auch kein Grafiker.

DEBUG: Zum 30-jährigen Bestehen hast du eine Publikation herausgegeben. Wie kam die Idee zu dieser Selbstdarstellung?

Antonia Henschel: “On the inside/ In the outside” ist eigentlich nicht die erste SIGN-Publikation – nur die erste, die in einem Verlag erschienen ist.

DEBUG: Die Publikation, aber auch die (Firmen)-Architektur und der “Clan-Aspekt”, das sind alles “klassische” Codes. Meinst du, diese Werte werden neu entdeckt?

Antonia Henschel: Klassische Mittel der Kommunikation müssen nicht zu klassischen Ergebnissen führen. Gerade die jetzige wirtschaftliche Situation in Deutschland sollte Firmen anregen über ihre Eigenständigkeit nachzudenken, die sich auch in der Grafik wieder finden sollte. Warum sehen sich in Deutschland so viele Broschüren unterschiedlicher Firmen so ähnlich? Vor ein paar Jahren gab es Unmengen von Broschüren mit einem hochformatigem Bild auf weißem Grund und inzwischen scheint jedes Logo einen geschwungenen Halbkreis oder einen Swoosh zu brauchen.

DEBUG: Euer Büro befindet sich auf einem ehemaligen Schlachthofgelände, gleich neben einem Luxusbordell.

Antonia Henschel: Wir sitzen in einem Umspannwerk, das 1996 von dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler gebaut wurde. Die gesamte Planung und Inneneinrichtung stammt von Philipp Mainzer von e15. Da wir hier einen Rohbau vorgefunden haben, konnten wir viele unserer Ideen verwirklichen. Und hatten die Möglichkeit, Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen zu müssen. So konnten wir Zonen zur Erholung und Besprechung schaffen und mussten uns nicht ganz den Gegebenheiten unterordnen.

DEBUG: Pluralität, Hybridisierung und Öffentlichkeit werden als die Themenfelder genannt, die das Büro beschäftigt. Gibt es ein Beispiel-Projekt, bei dem ihr Einfluss auf die Handlungsebene genommen habt?

Antonia Henschel: Gerade im Moment sitzen wir an so einem Projekt: Ein Freund gründet gerade eine Firma, die Konzeption, Gestaltung, Entwicklung und Vertrieb für Möbel und Produkte verbindet. Wir sitzen schon jetzt mit im Boot, um gemeinsame Aktivitäten durchzuführen – wie z. B. die Entwicklung eines Magalogs, ein Konstrukt aus Magazin und Katalog.
Wir sind immer daran interessiert, die Ziele eines Projektes neu zu stecken und an unsere eigenen Grenzen zu gehen. Dafür braucht man natürlich auch Kunden, die nicht nur die ganz konventionellen Lösungen wollen und uns auch Vertrauen entgegen bringen – die uns also auch mal machen lassen. Viele kommen ja schon mit so festen Vorstellungen an, die müssten eigentlich nur noch zur Druckerei gehen. Die Ergebnisse sind dann leider auch dementsprechend. Glücklicherweise haben wir viele Kunden, die nicht so sind. Mit Kunden wie zum Beispiel e15 oder deren Laden “Bergman” macht die Arbeit sehr viel Spaß.

DEBUG: Genau wie die letzten SIGN 1-3 Magazine zeigt die neue Publikation deine persönlichen Blicke auf den Alltag und alles, was dich umgibt. Welche sind dir die wichtigsten, liebsten “Kontexte”? Befreundete Künstler und Grafiker sind ja z.B. auch in der Publikation vertreten.

Antonia Henschel: Obwohl ich mich manchmal auch ganz gerne alleine in ein Projekt verbeiße, sind Synergien schon essentiell. Ich versuche oft, andere Leute einzubinden, die nochmals andere Sichtweisen in ein Projekt tragen.

DEBUG: Zum Schluss eine Nachfrage zum Büro als Mittelpunkt des Lebens: Die Auflösung von Freizeit und Arbeit, hat das nicht zur Folge, dass nicht die Arbeit selbst, sondern die Inszenierung der Arbeitsverhältnisse den eigentlichen Inhalt des Lebens ausmachen?

Antonia Henschel: Sicher. Aber ist das nicht in vielen Firmen eh schon Alltag? In vielen der klassischen Frankfurter Werbeagenturen kann man das schon erleben. Sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, wie toll und kreativ man ist, aber die Projekte, an denen man sitzt, sind dann letztendlich doch nur langweilig. So lassen sich die Angestellten natürlich besser ausnutzen – wer bleibt denn jeden Abend bis um neun, wenn er/sie nicht an diesen selbst gezimmerten Hype glaubt. Ich hoffe, wir sind da bei SIGN doch noch etwas auf dem Boden geblieben. Wir legen zwar Wert darauf, dass sich unsere Mitarbeiter wohl fühlen und unsere neuen Räume auch nutzen und akzeptieren, aber sie gehen auch alle pünktlich nach Hause.
Gleichzeitig verbringe ich mit unseren Mitarbeitern mehr Zeit als mit irgendjemand anderem. Da möchte ich nicht nur meine Freizeit inszenieren, sondern mich auch im Job mit einem Team und auch einer Architektur identifizieren.

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Elektronische Lebensaspekte.